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Kultur

Die Kraft des Mitgefühls: Toni Morrison ist 85

Ihre Themen sind keine leichte Kost: Toni Morrison schreibt über den Rassismus in den USA. 1993 bekam sie dafür den Literaturnobelpreis. Am 18. Februar feiert die immer noch aktive Schriftstellerin ihren 85. Geburtstag.

Es war das Buch, das sie gerne lesen wollte - und das es noch nicht gab. Also musste sie es einfach selber schreiben: So erinnert sich Toni Morrison an die Entstehungsgeschichte ihres ersten Romans "The Bluest Eyes" (1970; deutsch: Sehr blaue Augen, 1979). Damals arbeitete sie als Lektorin beim Random House Verlag und kümmerte sich als geschiedene, alleinerziehende Mutter um zwei kleine Söhne.

Sie wollte über die "verletzlichsten Figuren schreiben, die sonst nie im Mittelpunkt stehen" und erzählte die Geschichte eines schwarzen Mädchens am Rande der Gesellschaft, das vom eigenen Vater sexuell missbraucht wird. Die Protagonistin Pecola Breedlove betet jeden Abend um "sehr blaue Augen" und glaubt fest daran, dass sich alles in ihrem Leben zum Positiven verändern würde, wenn sie eine hellhäutige, blonde und blauäugige Schönheit wie die Kinderschauspielerin Shirley Temple wäre.

In einem Interview mit "The Guardian" erinnerte sich Toni Morrison an eine schwarze Schulkameradin aus Ohio, die diesen Wunsch geäußert hatte - einen Traum, den die zukünftige Schriftstellerin schon damals als Ausdruck des "Selbsthasses" sah.

Kultureller Beitrag zur Bürgerrechtsbewegung

Toni Morrison wurde am 18. Februar 1931 unter dem Namen Chloe Wofford in der Kleinstadt Lorain im US-Bundesstaat Ohio geboren. Sie war das zweite von vier Kindern in einer afro-amerikanischen Arbeiterfamilie und wuchs in einem ethnisch gemischten Viertel auf, zusammen mit Afro-Amerikanern, Polen und Italienern. Schon als Kind las sie Klassiker von Tolstoi und Jane Austen - und lauschte den traditionellen afro-amerikanischen Geschichten, die der Vater George Wofford erzählte, wenn er aus dem Stahlwerk zurückkam. Die Bildung seiner literarisch und kulturell interessierten Tochter lag ihm so sehr am Herzen, dass er später einen Zweitjob annahm, um sie finanziell beim Studium zu unterstützen.

Nach dem Studium der Geisteswissenschaften an der Howard Universität in Washington und der Cornell Universität in Ithaca, New York, startete Toni Morrison eine erfolgreiche akademische Karriere. Sie unterrichtete unter anderem an der Howard Universität, in Yale und Princeton. Als Lektorin und Verlegerin bei Random House förderte sie afro-amerikanische Schriftsteller wie Angela Davis und Toni Cade Bambara. In einem Gespräch mit der "New York Times" erklärte sie, dass sie sowohl ihre eigenen Bücher als auch jene schwarzer Autoren, die sie als Lektorin betreute, als einen Beitrag zur Bürgerrechtsbewegung in den USA sieht.

Barack Obama (r.) verleiht Toni Morrison die Freiheitsmedaille (Foto: AFP)

Barack Obama zeichnete die Autorin 2012 mit der Freiheitsmedaille aus - die höchste zivile Ehrung der USA

1993 bekam Morrison als erste Afro-Amerikanerin den Literaturnobelpreis. Durch ihre Darstellung des Lebens der Afro-Amerikaner habe sie dieser Gemeinschaft "Stück für Stück ihre Geschichte zurückgegeben", sagte Sture Allen, Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie. Ihre Romane weckten in erster Linie "Empathie und Mitgefühl" mit anderen Menschen, betonte er in seiner Rede zur Nobelpreisverleihung.

Sie habe ihre afro-amerikanischen Romanhelden nie idealisieren wollen, sagt die Autorin selbst über ihre Arbeit. Jede Form von "erbaulicher schwarzer Rhetorik" lehne sie ab - stattdessen wolle sie Fragen stellen.

Debatten über den Nobelpreis für Morrison

Es gab einige skeptische Stimmen, die bezweifelten, dass sie die Auszeichnung wirklich verdiente. Sie habe den Preis nicht wegen ihrer Erzählkunst bekommen, sondern weil sie eine schwarze Literatin sei, aus "political correctness" sozusagen. Und der deutsche Kritiker und Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki urteilte damals harsch: "Eine mittelmäßige Schreiberin. Man wollte eine Frau auszeichnen."

Das Magazin "Der Spiegel" wies solche Vorwürfe in einem Kommentar vehement zurück und konterte: "Sie ist, was oft vernachlässigt wird, eine souveräne, sprachgewaltige Erzählerin, die sich ihre ganz eigene Form geschaffen hat: eine Verbindung aus literarischen Techniken der westlichen Moderne und rhetorischen Traditionen der Schwarzen." 2012 schrieb das "New York Magazine": "Zwei Jahrzehnte nach ihrem Nobelpreis-Sieg ist Toni Morrisons Platz in der Ruhmeshalle gefestigter denn je." Und war sich sicher, dass sie mehr für die Nachwelt schreibe als für irgendjemanden sonst. Denn Toni Morrison, darüber sind sich Literaturwissenschaftler einig, gehört längst zum Weltkanon der US-amerikanischen Literatur.

Gegen bequeme Vorstellungen von Gut und Böse

Ihr berühmtester Roman "Beloved" (1987; deutsch: "Menschenkind", 1989) ist von der realen Geschichte der ehemaligen Sklavin Margaret Garner aus dem Amerika des 19. Jahrhunderts inspiriert: Als sie nach ihrer Flucht entdeckt wurde, tötete sie ihre kleine Tochter, um ihr ein Leben in Gefangenschaft zu ersparen.

Die Heldin sollte "die kompromisslose Akzeptanz von Scham und Grauen verkörpern, die Konsequenzen ihrer Entscheidung zum Kindsmord tragen - und ihre eigene Freiheit einfordern", schrieb Toni Morrison im Vorwort einer Neuauflage des Romans "Beloved". Die Protagonistin Sethe wird vom Gespenst des getöteten Babys heimgesucht. Doch für sie war der Kindsmord ein Akt der Liebe, um das Baby vor etwas zu bewahren, das in den Augen der Mutter "schlimmer als der Tod" war. Denn die weißen Sklavenhalter konnten sie nicht nur "töten oder verstümmeln, sondern auch beschmutzen. (...) Dich so schlimm beschmutzen, dass du vergisst, wer du warst und nie mehr darauf kommen könntest."

Über die Schrecken von Sklaverei und Rassismus in den Vereinigten Staaten schreibt Toni Morrison mit einer Mischung aus Wut und Mitgefühl. Ihre Romane fordern den Leser heraus, sich nicht mit bequemen Vorstellungen von Gut und Böse zu begnügen.

Psychologie des Rassismus

Wie komplex - und nach wie vor aktuell - das Thema ist, zeigt sie auch in ihrem neuen Buch "God help the Child" (2015). In dem Roman, den Morrison zusätzlich als Hörbuch selbst im Studio aufgenommen hat, leidet eine erfolgreiche afro-amerikanische Karrierefrau im heutigen Amerika unter der Gefühlskälte ihrer Mutter. Dahinter steckt die Abneigung der hellhäutigeren afro-amerikanischen Mutter gegen die Hautfarbe ihres Kindes. "Sie war so schwarz, dass sie mich erschreckte. Ich wünschte, sie wäre nicht mit dieser schrecklichen Farbe auf die Welt gekommen", denkt sie sofort nach der Geburt der Tochter. Das einsame Kind versucht alles, um die Liebe und Aufmerksamkeit der Mutter zu gewinnen: Sie lügt sogar vor Gericht und bringt damit eine unschuldige Frau ins Gefängnis.

Toni Morrison gehört zu den wenigen Autoren, deren Bücher ein Millionenpublikum erreichen - und gleichzeitig von Kritikern und Literaturwissenschaftlern gefeiert werden. Seit Jahren gehören ihre Werke auch zum Lehrplan an Schulen und Universitäten in den USA und vielen anderen Ländern.

Schon oft wurde sie gefragt, ob sie eines Tages ein Buch schreiben würde, in dem die Hauptfiguren weiß sind. "Was dahinter steckt ist: Es gibt ein Zentrum, das weiß ist, und dann diese 'regionalen' Schwarzen, Asiaten und andere Randgruppen", sagte sie in einem Interview für das Literaturmagazin "The Paris Review". In ihren Augen impliziere eine solche Frage: "Du schreibst gut genug, du kannst jetzt ins Zentrum kommen, wenn du möchtest. (...) Doch dann sage ich: Na ja, ich bleibe lieber hier am Rand, dann kann mich das Zentrum aufsuchen."

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