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Deutschland

Die Kräuterhexe von Lindlar

Immer mehr herkömmliche Nutz- und Zierpflanzen verschwinden aus regionalen Gärten. Marianne Frielingsdorf von der Gartenarche kämpft dagegen an. Sie sucht altes Saatgut in der Region und gibt es an Paten weiter.

Kräuterhexe von Lindlar: Marianne Frielingsdorf kultiviert seltene heimische Pflanzen (Foto: Freilichmuseum Lindlar)

Marianne Frielingsdorf in ihrem Garten

Kräuterbeet im Archegarten (Foto: Bergisches Freilichtmuseum, Lindlar)

Grün, alt und museumsreif: Archegarten in Lindlar

Es duftet nach Zitrone, verschiedenen Kräutern und Rosen im Archegarten des Bergischen Freilichtmuseums in Lindlar. In allen Farben leuchten die Blumen des Bauerngartens, die von Schmetterlingen und Bienen umschwirrt werden. 60 verschiedene, alte Nutz- und Zierpflanzen wachsen auf 1.700 Quadratmetern Erde. Jedes Pflanzenbeet ist mit einem Schild versehen. Zu den seltenen Gewächsen zählen unter anderem die Süßdolde, die Eberraute oder der Butterkohl, Pflanzen, die noch vor 50 Jahren in fast jedem Garten im Oberbergischen Land Zuhause waren.

Butterkohl im Krieg

Besonders der Butterkohl rettete viele Menschen gerade in und nach der Kriegszeit vor dem größten Hunger. Seit fünf Jahren kann man das Saatgut von dem mild schmeckenden, goldgrünen Gemüse jedoch offiziell beim Bundessortenamt in Hannover nicht mehr erwerben. "Die Hersteller haben den Butterkohl nicht mehr weitergezüchtet, wahrscheinlich weil sein Anbau und die Ernte zu aufwändig und damit unrentabel sind. Doch wir haben ihn in einem Garten in Lindlar wieder entdeckt und kultivieren ihn jetzt," erklärt Marianne Frielingsdorf nicht ohne Stolz. Die 55-Jährige setzt sich seit acht Jahren mit dem Arbeitskreis Bergische Gartenarche für seltene Pflanzen in der Region ein. Fast täglich kommt sie in den Archegarten, beschneidet Pflanzen, rupft Unkraut, setzt Ableger und streut Samen in die Erde.

Weiße Nelken blühen im Archegarten (Foto: Bergisches Freilichtmuseum Lindlar

Nelken-"Revolution" im Oberbergischen Land


Großes Genpotential

Außerdem arbeitet sie an einem Katalog für das gefundene Saatgut. Ein paar ehrenamtliche Damen helfen ihr im Wechsel dabei. "Eigentlich hätten wir schon vor Jahrzehnten anfangen müssen zu sammeln und alles zusammenzutragen. Viel Saatgut, das früher immer wieder am Gartenzaun weitergegeben wurde, gibt es schon nicht mehr. Ich will auf jeden Fall die alten Pflanzen bewahren. Vielleicht brauchen wir das Genpotential, das in den Pflanzen steckt, irgendwann einmal," sagt Marianne Frielingsdorf. 240 Pflanzen hat sie schon gefunden und beschützen können.

Botanische Schätze

Für ihre vergessenen Pflanzen streift sie auch schon mal durch die oberbergische Region und klingelt an fremden Haustüren, sobald sie etwas gesichtet hat. "Viele wissen gar nicht, welche botanischen Schätze sie in ihrem Garten haben. Sie sind dann sehr erstaunt. Einmal fand ich eine 80 Jahre alte Rose in Lindlar. Das war ein Aha-Erlebnis," erzählt Marianne Frielingsdorf lachend.

Seit 50 Jahren heimisch

Die Voraussetzung dafür, als Pflanze in der Bergischen Gartenarche aufgenommen zu werden, ist das Alter. "Mindestens 50 Jahre lang müssen die Pflanzen in der Region schon heimisch sein," betont die Botanikern. Beim Aufspüren der Pflanzen ist sie aber auch auf die heimische Bevölkerung sowie auf die Mitarbeit der Hobbygärtner angewiesen. Auf der jährlichen Pflanzenbörse auf Schloss Homburg in Nümbrecht gibt sie das Saatgut in kleinen Päckchen an Interessenten weiter, die dieses wiederum in ihrem Garten kultivieren.

Kräuterbeete im Archegarten (Foto: Bergisches Freilichtmuseum Lindlar)

Kräuterparadies im Grünen

Tauschbörse für Pflanzen

Fünf Sorten darf jeder Hobbygärtner kostenlos mitnehmen. Im Gegenzug bekommt sie von ihnen seltene Gartenpflanzen. Das Ziel des Arbeitskreises ist es, möglichst viele Pflanzen zu finden und zu schützen. 400 Patenschaften konnte die Bergische Gartenarche schon vergeben. Das Konzept des Arbeitskreises hat mittlerweile viele Nachahmer im In- und Ausland gefunden. Für einen Vortrag darüber vor internationalem Publikum reist Marianne Frielingsdorf auch schon mal durch ganz Deutschland und auf entlegene Inseln.

Mit allen Sinnen erleben

Kümmert sie sich nicht um ihre Pflanzen, dann macht Marianne Frielingsdorf am liebsten Führungen mit Kindern durch den Archegarten. "Kinder erleben die Natur mit all ihren Sinnen. Bei mir dürfen sie riechen, fühlen und probieren, wie zum Beispiel Süßdolden oder Taglilien schmecken." Und natürlich darf jedes Kind danach einen Ableger und ein paar Samen in den eigenen Garten mit Nachhause nehmen.

Autorin: Viola Gräfenstein

Redaktion: Karin Jäger

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