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Wirtschaft

Die Knast AG

Überfüllte Gefängnisse, schlechte Ausstattung und brutale Umgangsformen: durch Privatisierung will Chile den Strafvollzug zukunftsfähig machen. Die zweifelhaften Vorbilder stammen aus Europa und den USA.

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Bald auch in Chile: Gefängnisse als Privatunternehmen

Mehr als 10.000 Gefängnisplätze fehlen derzeit in Chile. Zwar hat das Land noch immer eine der geringsten Häftlingsquoten der Welt, doch steigen die Zahlen seit Jahren. Verfallene Gebäude und schlechte Nahrung zeigen, dass die Haftanstalten dem Kollaps nahe sind.

Jetzt soll die Privatwirtschaft Abhilfe schaffen. In den nächsten Jahren werden zehn neue Gefängnisse entstehen, die von spezialisierten Unternehmen erbaut und betrieben werden. Die Firmen errichten dabei alle Gebäude und statten sie vollständig aus. Im täglichen Betrieb übernehmen sie die Bereitstellung von Verpflegung und die Durchführung von Programmen zur Resozialisierung. Das Gewaltmonopol bleibt indes bei chilenischen Staatsbeamten. Sie sind für alle Überwachungsaufgaben und für den Kontakt mit den Gefangenen zuständig.

Anfänge in den USA

Geringere Kosten und bessere Haftbedingungen will die chilenische Regierung mit den Maßnahmen erreichen. Sie ist nicht die erste, die sich daran versucht. Ihren Ursprung finden private Gefängnisbetreiber in den USA, wo 1984 in Houston die erste privatwirtschaftliche Vollzugsanstalt erbaut wurde. Bauherr war die Corrections Corporation of America (CCA), die mittlerweile in 20 Bundesstaaten der USA aktiv ist und dort über 53.000 Insassen beherbergt.

Das Unternehmen ist Teil eines eigenen Industriezweigs, der Jahresumsätze von über 40 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Weit entfernt vom einstigen staatlichen Monopol des Strafvollzugs schmücken sich die Industriegrößen auf ihren Internetseiten mit "Mission Statements“ und "Company Profiles“. Bessere Kostenkontrolle, hohe Auslastung und bessere Betreuung sollen die einzelnen Regierungen als Kunden binden. Während die Wackenhut Corrections Corporation den Interessenten zu einer virtuellen Tour durch eines ihrer Gefängnisse einlädt, versucht sich die CCA unter anderem durch spezielle religiöse Rehabilitationsprogramme von den Wettbewerbern abzuheben.

Staat zieht sich zurück

Die Resonanz spricht eine deutliche Sprache: Im Gegensatz zu den chilenischen Plänen überlassen die amerikanischen Behörden den Unternehmen grundsätzlich gleich ganz das Feld. Die Sicherungsaufgaben werden hier nicht von Staatsbeamten, sondern von privaten Sicherheitskräften erledigt. Auch in Großbritannien scheut man sich nicht, die Sicherheit der Gefängnisse völlig aus staatlicher Hand zu geben. Ein besserer Umgang mit den Häftlingen und eine geringere Rückfallquote gelten dabei als schlagende Argumente.

Doch die Erfahrungen sind nicht nur positiv. So häufen sich die Beschwerden über das Gefängnis im schottischen Kilmarnock. Zu wenige Mitarbeiter gebe es dort, die zudem schlecht ausgebildet seien. In einer texanischen Haftanstalt wurden derweil innerhalb von einem Jahr 16 Vergewaltigungen durch das Wachpersonal bekannt. Zugleich häufen sich vielerorts die Angriffe gegen die Angestellten.

Moral als Verkaufsargument

Vor diesem Hintergrund versuchen manche Unternehmen, anstelle von Kosteneffizienz ihre moralischen Standards in den Vordergrund zu rücken. So etwa die Firma Sodexho, die in Frankreich vier Gefängnisse betreibt und auch in Chile den Zuschlag bekommen hat. Sie bietet nur unbewaffnete Dienste an und setzt sich ausdrücklich für die Achtung der Gefangenen und ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft ein.

In Chile machen dennoch einige Bedenken die Runde. Die privaten Betreiber befürchten Konflikte mit den staatlichen Vollzugsbeamten, die für ihre harsche Vorgehensweise bekannt sind. Verliert ein Beamter die Nerven, dürfen sie nicht eingreifen - trotzdem bleiben sie für den Erfolg der Wiedereingliederung verantwortlich. Besorgt ist man auch über mögliche Kompetenzüberschneidungen. So stellen die Unternehmen die ärztliche Versorgung bereit, allerdings entscheidet das Wachpersonal über deren Einsatz. Trotz aller Probleme scheint Chiles Beispiel jedoch Schule zu machen. Schon jetzt haben Peru und andere südamerikanische Länder angekündigt, das Konzept übernehmen zu wollen.

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