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Amerika

Die Knarre im Kleiderschrank

Nach dem Attentat in Arizona diskutiert Amerika wieder über seine Waffengesetze. Geändert wird aber wohl nichts. Die meisten Europäer können das nicht nachvollziehen. Da hilft auch kein Besuch einer Schießanlage.

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Kopfschüttelnd standen wir Europäer vor dem Fernseher. "Man muss sich doch selbst verteidigen können", sagte dort eine Frau, die gerade ihre Eltern bei einer Schießerei verloren hatte. Sie sprach sich trotzdem gegen eine Verschärfung der Waffengesetze aus. "Das sind eben diese komischen Waffennarren da in den konservativen Südstaaten", dachten wir. Wie nah diese Welt aber auch am liberalen, weltoffenen Washington liegt, wurde mir letzte Woche bewusst.

Für einen Bericht über das Attentat von Arizona brauchten wir Bilder von der Glock 19. Das ist die Waffe, mit der der Attentäter Jared Loughner, geschossen hatte. Sie verkaufe sich, so erklärten Waffenhändler in Arizona, seit diesem Tag viel besser als vorher. Also fuhren meine Kollegen und ich zu einer Indoor-Schießanlage in Chantilly, Virgina, etwa vierzig Kilometer von Washington entfernt.

Ungutes Gefühl

Wie jeder, der in die Schießanlage will, mussten auch wir zunächst den dazugehörigen Waffenladen betreten. Unter uns jagdgrüner Teppichboden, über uns Gewehre an der Wand, vor uns, in Glasvitrinen, Pistolen in allen Größen. Hinter uns klingelte immer wieder die Türglocke und Kunden mit geladenen Pistolen und Gewehren kamen rein, um schießen zu gehen. Als dann auch noch der Ladeninhaber, ein großer, bulliger Afroamerikaner, eine Glock 19 vor unseren Augen lud und unbeaufsichtigt mehrere Minuten auf der Theke liegen ließ, wurde mir ganz anders.

Ich hatte ja noch nie eine Waffe "in echt" gesehen und fühlte mich sehr unwohl. Der Ladeninhaber erzählte die ganze Zeit, wie großartig diese Pistole für "Home Protection", also zur Verteidigung gegen Einbrecher, geeignet sei. Derweil schauten wir unwissenden Deutschen uns gegenseitig an und dachten wohl alle das Gleiche: dass "Home Protection" ja gar nicht nötig sei, wenn nicht jeder einfach so eine Waffe kaufen könnte.

Flucht aus dem Schießraum

Besonders Angst machte mir, dass alle sozialen Schichten und Altersgruppen zu den Kunden des Ladens gehörten. Ein pensionierter Juraprofessor im Cordanzug, ein 20-jähriger mit rasiertem Schädel und seine ebenso junge, stark geschminkte Freundin sowie ein Mittvierziger mit Schnäuzer und Cowboyhut betraten nacheinander das Geschäft. Ein Poster an der Wand machte Werbung für eine "Ladies Night", also ein Schießabend nur für Frauen. Anders als in Deutschland schien hier wirklich jeder eine Waffe zu besitzen und nicht nur zwielichtige Gestalten in Wohngebieten, die man sowieso meiden würde.

Wir bekamen Gehörschutz und Schutzbrillen und dann ging es durch zwei dicke Stahltüren zur Schießanlage. In dem bunkerähnlichen Raum angekommen, wurde mir das alles endgültig zu heikel. Um mich herum standen zehn Leute mit geladenen Waffen. Sie schossen nicht etwa auf bunte Zielscheiben, sondern auf Pappfiguren. Kopf und Herz waren rot markiert. Ein gutes Training für "Home Protection" eben. Hinzu kam, dass die Schüsse selbst mit Gehörschutz noch unglaublich laut waren. Ich zog es vor, das Geschehen aus dem Laden zu verfolgen, wo ich mich, durch eine Plexiglasscheibe von der Schießerei getrennt, zumindest halbwegs sicher fühlte.

Überraschung beim Abendbrot

In der Metro, auf dem Nachhauseweg, war ich an diesem Abend angespannter als sonst. Ich vermutete in jeder Hosentasche eine Knarre und hinter jeder ins Gesicht gezogenen Kapuze einen potenziellen Attentäter. Dementsprechend erleichtert war ich, als ich wieder in meiner heilen Welt bei meinen jungen, liberalen Gasteltern angekommen war.

Mit Carey und Thomas hatte ich schon häufiger über das Thema Waffengesetze diskutiert und sie hatten sich immer meiner europäischen Meinung angeschlossen. Doch als ich beim Abendessen von meinen Abenteuern berichtete, grinsten sich die beiden verschwörerisch an und schwiegen. Schließlich sagte Thomas: "Wir haben auch eine. Oben im Schlafzimmer im Kleiderschrank."

Autorin: Laura Schameitat

Redaktion: Hartmut Lüning