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Geschichte

Die Klugen wollen weg

20 Jahre nach der Einheit hat sich der Osten tiefgreifend verändert. Viele Städte schrumpfen - und das drückt auf die Stimmung, weil die Gutausgebildeten und Mobilen als erste das Weite suchen. Ein Besuch in Schwedt.

Aus Fenstern eines leer stehenden Plattenbaus im brandenburgischen Schwedt blicken Bauarbeiter (Archivfoto: dpa)

In Schwedt wurden tausende Wohnungen abgerissen

Schwedts Bürgermeister Jürgen Polzehl (Foto: Heiner Kiesel, DW)

Schwedts Bürgermeister Jürgen Polzehl

"Nein, das macht der Bürgermeister ", sagt die PR-Frau im Rathaus bestimmt. "Der Stadtumbau ist Chefsache." Also zeigt Jürgen Polzehl kurze Zeit später selbst, wie vorbildliches Schrumpfen gehen soll, hier in Schwedt an der Oder, im äußersten Osten Deutschlands. Der Mittfünfziger mit den kurzgeschnittenen, grauen Haaren sitzt in seinem geräumigen Dienstwagen und heißt seinen Chauffeur, ins Külzviertel zu fahren. Der Weg dorthin führt an endlosen Plattenbauten vorbei - Zeugen der kurzen letzten Blüte der uckermärkischen Kommune. Eine Raffinerie sorgte in den sechziger Jahren für einen Boom. Zehntausende Menschen zogen her und brauchten Wohnraum. Bald waren es 52.000 Einwohner.

Rasanter Bevölkerungsrückgang

Dann kam vor 20 Jahren die Wiedervereinigung. Arbeitsplätze wurden abgebaut, 20.000 Menschen haben Schwedt seither verlassen. Zeitweise standen tausende Wohnungen leer. "Wir mussten darauf reagieren", sagt Polzehl deutet nach draußen. Dort öffnet sich plötzlich eine versteppte Freifläche. "Hier stand Wohnblock an Wohnblock, jetzt holt sich die Natur alles wieder zurück." Zeitweise wurden in Schwedt bis zu tausend Wohnungen im Jahr abgerissen. "Jetzt liegen wir bei etwa 150, die Schrumpfung wird langsam handhabbar."

Viele Milliarden Euro sind in Ostdeutschland für den sogenannten Stadtumbau aufgewendet worden, 3,5 Milliarden davon allein vom Bund-Länder-Projekt Stadtumbau Ost. Abriss, Rückbau und Aufforstung lindern die schmerzliche Schrumpfung städtebaulich. Doch in der Bevölkerungsstruktur sind bleibende Schäden entstanden. "Besonders schlimm ist, dass so viele junge Frauen weggezogen sind", sagt Polzehl. Das Problem gibt es in vielen Regionen – und es hat in den neuen Bundesländern inzwischen zu einem beachtlichen Frauenmangel unter den jungen Erwachsenen geführt: So kommen nach einem Bericht der "Welt" bei den 25- bis 30-Jährigen auf 100 Männer nur 85 Frauen. "Vielleicht wird das wieder besser, wenn wir hier noch ein paar Unternehmen ansiedeln und eine Behörde und so die Arbeitsplatzsituation verbessern", hofft Polzehl.

Hohe Arbeitslosigkeit

Blick auf Anlagen in der PCK Raffinerie GmbH im brandenburgischen Schwedt (Foto: dpa)

Das Petrochemische Kombinat, heute PCK, bescherte Schwedt einst einen Boom

Der Bürgermeister hat sich viel vorgenommen. Die Bedingungen sind schlecht – wie in vielen Regionen der neuen Bundesländer. Die gesamtdeutsche Arbeitslosenquote liegt unter acht Prozent, in Ostdeutschland sind es schon über zwölf und in Schwedt sogar über sechzehn Prozent. Effizientere Produktion, Industrieabbau und -verlagerung haben den Arbeitsmarkt schwierig gemacht. Wer kann, der geht – zumal im Westen die Löhne auch noch höher sind. Vor allem die Jungen, die Gutausgebildeten und Intelligenten machen, dass sie weg kommen. Zurück bleiben die Alten und solche, die von verzweifelten Arbeitgebern als "kaum ausbildungsfähig" bezeichnet werden. Der Regionalforscher Ulf Matthiesen bezeichnete sie vor einigen Jahren als "arbeitslose Stadtdeppen, ohne Chance auf Familien- oder Paarbeziehungen". In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gibt es Regionen mit ausgesprochen hohem Schulabbrecheranteil. "Dort sind es mehr als zehn Prozent, aber der Bundesdurchschnitt liegt unter sieben", beobachtet Heike Liebmann vom IRS - für sie ein Anzeichen dafür, dass der Bildungsgrad der Familien gesunken ist. Und es geht weiter: Je weniger kreative und unternehmerische Menschen das öffentliche Leben prägen, desto weniger attraktiv ist es für die Hiergebliebenen, noch zu bleiben - ein Teufelskreis.

Flucht der Intelligenz

Der Schulleiter Rüdiger Ober-Blöbaum (Foto: Heiner Kiesel, DW)

Der Schulleiter Rüdiger Ober-Blöbaum

Rüdiger Ober-Blöbaum kann jedes Jahr aufs Neue beobachten, wie das ist, wenn die Schlauen das Weite suchen. Der kräftig gebaute 50-Jährige ist Schulleiter des einzigen verbliebenen Gymnasiums in Schwedt. In seiner letzten Abschlussklasse waren 103 Abiturienten: "Von denen bleiben sieben Leute in Schwedt, alle anderen gehen weg zu Studium und Ausbildung und nur zehn wollen - eventuell - wiederkommen." In Schwedt sei zu wenig los, vermutet der Schulleiter. "Aber das Problem ist, dazu gibt es Studien, dass die Mädchen weggehen, weil ihnen die Jungs zu dumm sind."

Urwald Ost

Blick auf ein mit Seerosen bewachsenes Gewässer im Nationalpark Unteres Odertal bei Schwedt im Nordosten von Brandenburg (Foto: dpa)

Der Nationalpark Unteres Odertal bei Schwedt

"Blühende Landschaften" hatte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl vor der Wiedervereinigung 1990 in Aussicht gestellt. Er hatte den Begriff als Metapher für wirtschaftliche Entwicklung benutzt. Inzwischen jedeoch gibt es Regionalplaner, die ernsthaft vorschlagen, Teile des deutschen Ostens komplett zu renaturieren. "Es ist schwer vorstellbar, dass man solche Umzugsprozesse steuern kann", gibt Heike Liebmann vom Leibniz-Institut für Regionalstudien zu bedenken, "aber die Gesellschaft darf durchaus darüber nachdenken, ob man sich die Infrastruktur in den bevölkerungsmäßig ausgedünnten Gebieten noch leisten kann."

Polzehl hält nichts von solchen Gedankenspielen. "Wir können hier doch nicht einfach Urwald wachsen lassen, wir haben doch eine Geschichte und unsere Heimat hier." Die Stadt hat auch einiges zu bieten. Sie sorgt für 15 Prozent der gewerblichen Produktion im Land Brandenburg, gleich nebenan ist der einzige Auen-Nationalpark Deutschlands. Auf dem Rückweg zum Rathaus macht sich Bürgermeister Polzehl Mut: "Ich bin auch weggezogen als ich jung war - und jetzt bin ich wieder hier."

Autor: Heiner Kiesel
Redaktion: Dеnnis Stutе

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