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Wirtschaft

Die kleinste Molkerei Deutschlands

Ein Ein-Mann-Betrieb trotzt den großen Discountern auf dem deutschen Milchmarkt. Der nordfriesische Landwirt Jens Nielsen erobert auf der beliebten Ferieninsel Sylt mit frischer Vollmilch einen Nischenmarkt.

Jens Nielsen in seiner Morsumer Milchkammer an der Abfüllanlage. (Foto: privat)

Jens Nielsen in seiner Morsumer Milchkammer an der Abfüllanlage

Es ist das pure Nordsee-Idyll. Über dem Wattenmeer kreisen die Möwen, hinter dem Deich grasen die Kühe auf saftigen Weiden, die mit vollen Eutern darauf warten, von ihrem Bauern gemolken zu werden. Und das zwei Mal am Tag. 35 Kühe sorgen für den Rohstoff der Molkerei von Jens Nielsen in Morsum auf Sylt. Nielsen kennt jede Kuh mit Namen. "Die werden hier praktisch auf dem Hof geboren, die ziehen wir dann drei Jahre auf, bis die kalben. Die laufen wie Familienmitglieder bald mit durch."

Bauer mutiert zum Molkereibetreiber

Sylter Strand (Foto: DW)

Wer an Sylt denkt, der hat meist solche Bilder im Kopf

Nielsen ist der letzte Milchbauer auf Sylt, der mit seiner Mini-Molkerei Lebensmittelmärkte und Kinderheime auf der Insel mit seiner "Sylter Vollmilch" beliefert. Fettgehaltsstufe: mindestens 3,5 Prozent. Bis vor ein paar Jahren wurde die Milch noch von einer Großmolkerei vom Festland abgeholt. Täglich kam ein Tankwagen auf dem einzig möglichen Weg zur Insel. Mit dem Autozug der Bahn. Bis die Molkerei aus Kostengründen den Insel-Bauern ein Ultimatum stellte, erinnert sich Jens Nielsen. "Wenn ihr selber die Milch zum Festland bringt, dann nehmen wir euch die Milch ab, sonst müsst ihr euch um eine andere Lösung bemühen."

Während alle anderen Landwirte aufgaben, entschloss sich Nielsen, die Milch seiner Kühe selbst zu verarbeiten. Über 100.000 Euro investierte er in seine Hof-Molkerei. In eine große Heizanlage, um die Milch zu erhitzen und dadurch Keime abzutöten, in eine Kühlanlage, ein Kühlhaus und eine Verpackungsmaschine. Natürlich alles unter strenger behördlicher Kontrolle. Ein Wagnis, das sich für den 53-jährigen Nordfriesen mittlerweile auszahlt.

Naturprodukt mit Fettflocken

Schließlich fällt seine frische Sylter Vollmilch aus dem Rahmen, da bei der Verarbeitung nicht der Fettgehalt reduziert wird. Ein Naturprodukt, auf dem oben Fettflocken schwimmen. So wie bei der Frischmilch früher, als sie noch nicht für drei Wochen haltbar gemacht wurde.

Jens Nielsen und seine Ehefrau Sabine in der Milchabfüllkammer (Foto: privat)

Das Ehepaar Nielsen bei der Arbeit

Der Liter Milch aus der kleinsten Molkerei Deutschlands kostet über einen Euro und damit deutlich mehr als Konkurrenzprodukte in den Kühlregalen. Aber ein kleiner Milchverarbeiter wie Jens Nielsen kann nicht zu Konditionen wie die Großen produzieren. Das fängt schon bei der Bestellung der Milchkartons an. So um die 100.000 Stück bestellt er in der Regel und muss sich dann fragen lassen, ob er sich nicht um eine Null vertan habe. Großmolkereien, die mehrere Millionen ordern, kalkulieren mit drei Cent pro Packungstüte. Für die Sylter Mini-Molkerei belaufen sich die Kosten auf zwölf Cent.

Fünf Cent Arbeitslohn für einen Liter Vollmilch

Seine Arbeit veranschlagt er mit fünf Cent pro Liter. Eingerechnet seine Arbeit auf dem Feld. Denn sein Vieh benötigt schließlich Heu und Stroh im Stall. Doch damit komme er mit seiner Familie wirklich gut hin. "Das genügt mir. Ich werde kein Millionär werden, das weiß ich genau. Es würde mehr Geld einbringen, wenn ich meine Grundstücke verkaufe und hier Bauland entstehen würde."

Nach seiner Überzeugung wird auf Sylt sowieso zu viel gebaut. Mit dem Ergebnis, dass statt der Kühe Urlauber kräftig gemolken werden. "Lewwer düüd us slaaw", also: "Lieber tot als Sklave", lautet der Wahlspruch der Nordfriesen. Das passt zu Bauer und Molkereibetreiber Nielsen. Oder wie es Ehefrau Sabine nicht ohne Stolz formuliert: "Wenn ich ihn so über seine Wiesen laufen sehe, das ist sein Leben: der berufene Landwirt eben."

Feierabend ist kurz vor Mitternacht

Jens Nielsen hat aus der Not eine Tugend gemacht und dabei die Möglichkeiten des Marktes auf der Urlauber-Insel entdeckt. Dass er seit der Übernahme des Hofes im Jahr 1982 insgesamt vielleicht 30 Tage Urlaub gemacht hat, hält er für keinen Verlust. Er war ja immer in einer schönen Natur unterwegs, sagt er lächelnd. Mit seinen Tieren.

Nielsen’s Milcherzeuger grasen auf über 80 Hektar saftiger Deichwiesen. Morgens ab sechs holt er die Kühe zum Melken. Dann wird die Milch verarbeitet und abgepackt. Und spät abends noch einmal. Erst danach, nach dem zweiten Melken und der zweiten Milchverarbeitung am Tag, ist Feierabend in der kleinsten Molkerei Deutschlands. Kurz vor Mitternacht.

Autor: Klaus Deuse

Redaktion: Klaus Ulrich

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