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Wirtschaft

Die kleine Finanzrevolution

Ob beim Banking oder Unternehmensbeteiligungen - das klassische Finanzsystem bekommt Konkurrenz. Die Rezepte der Pioniere: das Internet und alteingesessene Banken, die nicht mehr mit ihren Kunden sprechen.

Matthias Kröner, Raphael Otten und Boris Janek haben eines gemein: Sie wollen ein transparenteres Finanz-System schaffen. Näher am Kunden soll es sein und ihn bemächtigen, die Zahlen auf seinem Konto zu verstehen. Kröner ist kein unbeschriebenes Blatt in der etablierten Bankenszene. Als Kopf der Direkt Anlage Bank (DAB), einer der ersten Online-Banken Deutschlands, gab er damals das Motto aus: "Die Bank sind Sie." Seit vier Jahren läuft nun sein neuestes Projekt. Mit der Fidor Bank will er sein altes Konzept konsequent weiterentwickeln. "Bei Fidor wollen wir dem Kunden vermitteln: Wir hören Dir zu und richten uns auch nach dem, was wir miteinander diskutieren", so Kröner.

Like-Zins und Kommentar-Gutschriften

Insgesamt 26.000 feste Bankkunden und 160.000 registrierte Nutzer diskutieren in der Fidor-Community. Bei Facebook bestimmen die Nutzer selbst, wie viel Zinsen sie für ihr Tagesgeld bekommen. Die Regel: je mehr "Likes", desto höher der Zins. Die maximale Obergrenze liegt bei 1,5 Prozent, etwas über dem, was viele andere Banken momentan anbieten. Doch auch darüber hinaus liegt der Schwerpunkt der Bank auf der Kommunikation. Eine Gruppe in der Community diskutiert regelmäßig über die Zinspolitik der Bank. "Was da besprochen wird, das diskutieren wir dann auch im Vorstand und richten uns danach", so Kröner.

Matthias Kröner, Vorstand der Fidor Bank

Matthias Kröner - Vorstand bei der Fidor Bank

Im Fidor Forum tauschen sich die Nutzer über Finanzprodukte aus, kommentieren und stellen Fragen. Als Anreiz hilft die Bank mit Gutschriften von ein paar Cents bei sinnvollen Fragen im Forum oder Bewertungen ein wenig nach. Damit würde zwar niemand reich, aber "unsere Kunden sollen wissen, wir honorieren ihre Meinungen und ihre Fragen! Stellen sie sich doch mal das Gesicht eines Filial-Angestellten vor, wenn sie vor Ort eine Frage stellen und dafür noch Geld verlangen", sagt Kröner und freut sich.

Bisher hat die Fidor Bank ihre Kundenzahl jährlich verdoppelt. Neben dem normalen Bankengeschäft hofft Kröner, vor allem aus dem Vertrieb der technischen Plattformen Kapital zu schlagen: "Hier treiben wir gemeinsam mit der Community die Innovationen voran und wollen in diesem Bereich eine Art Online-Serviceführerschaft erreichen."

"Das Finanzsystem demokratisieren"

Auch das Unternehmen von Raphael Otten nutzt zur Zahlungsabwicklung bereits die Software der Fidor Bank. So ist es für ihn möglich, auch ohne eine Banklizenz einen Bezahlservice im Internet anzubieten. Otten ist 26, seit knapp zwei Jahren fertig mit dem Studium und hat große Pläne. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Adrian Porger arbeitet er an nichts geringerem als der "Demokratisierung der Finanzwelt".

United Equity heißt das kleine Start-Up aus Köln und Crowdinvesting ist das Geschäftsprinzip. Anders als beim sogenannten Crowdfunding, bei dem Menschen Geld für Projekte spenden, die ihnen ideell zusagen, geht es beim Crowdinvesting tatsächlich um Rendite für die Anleger. "Schon ab fünf Euro kann man bei uns an einem Unternehmensgewinn partizipieren." Direkte Unternehmensbeteiligungen, die sonst nur für besonders wohlhabende Menschen und auch nur über Private-Equity-Gesellschaften möglich waren, sind bei Otten und Porger nun mit ein paar Klicks gemeistert. "Wir wollen den einfachen Bürgern wieder mehr Gewicht in der Finanzlandschaft einräumen und einen Gegenpol zu den großen Playern schaffen", so die Devise von Otten.

Zulieferung : Nicolas Martin Autor und Redakteur Hintergrund Deutschland / Wirtschaft

Raphael Otten - Geschäftsführer United Equity

United Equity ist auf kleinere und mittelständische Unternehmen spezialisiert. Ihre letzte größere Direktbeteiligung: ein Bagger für ein Tiefbauunternehmen aus der Region. Anstatt der anvisierten 25.000 Euro kamen am Ende 33.000 Euro zusammen. Wenn es gut läuft, bekommen die Investoren nun fünf Jahre fünf Prozent auf ihren eingesetzten Betrag. Mit den Volumina der Beteiligungen würde man bei klassischen Banken eher belächelt. Doch "auch die traditionellen Banken merken, da entwickelt sich etwas", meint Otten.

Vor kurzem erhielten sie eine Anfrage von der staatlichen KfW, der drittgrößten Bank Deutschlands und der weltweit größten Förderbank. Wie die Pilze sprießen neue Konzepte aus dem digitalen Boden. Circa 20 bis 30 Crowdfunding- und Crowdsourcing-Plattformen gibt es schon. Fast alle von ihnen versuchen dort nachzuhelfen, wo beim Staat das Geld nicht gerade locker sitzt, wie bei kleinen Start-Ups. Und alle nutzen die Kraft des Internets.

"Banking muss sich neu erfinden"

Boris Janek bloggt auf Finance 2.0 über innovative Bankkonzepte. Das Banking von heute sollte sich wieder realwirtschaftlicher ausrichten, meint Janek: "Es sollte dazu beitragen, Gesellschaft, Kultur, sicher auch die Wirtschaft, aber vor allem die menschlichen Anliegen voranzubringen und nicht der reinen Geldmaximierung folgen." Crowdfinance und Crowdfunding können dabei helfen, dies nun auch konsequent umzusetzen, dadurch dass sich die Menschen online eben selbst entscheiden können, worin sie investierten.

Boris Janek, Blogger und Angestellter der Volksbanken Raiffeisenbanken Zulieferung : Nicolas Martin Autor und Redakteur Hintergrund Deutschland / Wirtschaft

Boris Janek - Blogger und Marketing-Berater der Volksbanken Raiffeisenbanken

Als Marketing-Manager berät Janek eine Bankgruppe, die in Deutschland von vielen als sehr behäbig wahrgenommen wird: die Volksbanken Raiffeisenbanken. Sie stützt sich auf ein eher älteres Klientel, viele Filialen und nur wenig Interaktion mit ihren Kunden über das Internet. Mit der Vergangenheit haben sich bestimmte Strukturen über Jahrzehnte aufgebaut, sagt Janek. "Deshalb fällt es den etablierten Akteuren auch nicht so leicht, sich schnell zu verändern". Zumal sein Arbeitgeber auch ohne Innovation im Banking-Bereich noch immer auf sehr erfolgreiche Jahre zurückblicken kann.

Doch auch bei den Raiffeisenbanken denke man stärker über lokale Crowdfunding-Ansätze nach. Banking, da ist sich Janek sicher, wird in 20 oder 30 Jahren anders sein und muss sich heute komplett neu erfinden, um mit der internetaffinen Generation mitzuhalten. "Wer heute noch hergeht und in der klassischen Form Filialen baut, der sollte sein Konzept überdenken."

Doch die Zahlen sprechen noch nicht unbedingt für Kröner, Otten und Janek. Der Umsatz auf Crowfunding-Plattformen hat sich in den vergangenen drei Jahren zwar mehr als verdreifacht, befindet sich aber noch immer in den hintersten Reihen des Kreditwesens. Matthias Kröner von der Fidor Bank hat mit seiner Mitmach-Bank auf dem Papier noch kein Geld verdient. Und auch Raphael Otten gibt gerne zu, dass man als Start-Up eben keine großen Ansprüche ans Einkommen stellen darf. Die Internet-Pioniere setzen erstmal auf das Prinzip Hoffnung und vor allem auf eine heranwachsende Generation, die in 20 Jahren wahrscheinlich keine Bankfilialen mehr kennt und selbst entscheiden will, was hinter den Zahlen auf ihrem Konto steht.

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