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Politik

Die Klügere gibt nach

Sonia Gandhi, die Top-Anwärterin auf den Premierminister-Posten in Indien, verzichtet auf das Amt: Eine Entscheidung, die für Irritationen sorgte, aber nachvollziehbar ist. Thomas Bärthlein analysiert.

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Sonia Gandhi will nicht Indiens Premierministerin werden

Die Dramatik der vergangenen Tage in Indien ist kaum noch zu überbieten:

Am Montag, 17. Mai 2004, brechen die Börsenkurse in Mumbai um mehr als zehn Prozent ein - inzwischen haben sie sich wieder erholt. Es gibt Gerüchte, dass die Wahlsiegerin Sonia Gandhi auf das Amt der Premierministerin verzichtet. Dann doch die erlösende Nachricht für ihre Anhänger: Sie selber werde den Präsidenten treffen, um über die Regierungsbildung zu sprechen. Die Wahlverlierer von der hindu-nationalistischen BJP dagegen drohen damit, die Amtseinführung Sonia Gandhis zu boykottieren - weil sie keine gebürtige Inderin ist. Zwei hochrangige BJP-Politikerinnen kündigen an, alle Ämter niederzulegen, sich den Kopf kahl zu scheren und eine Kampagne gegen die "ausländische" Premierministerin zu starten.

Am Dienstag, 18. Mai, trifft Sonia Gandhi den Präsidenten. Überraschend sagt sie anschließend, das sei nur eine Vorbesprechung gewesen. Erneut gibt es Berichte, sie wolle auf das höchste Regierungsamt verzichten. Der Verzicht stürzt die indische Kongresspartei in eine schwere
Krise: Frustrierte Kongress-Aktivisten drohen vor Sonia Gandhis Haus im Zentrum von Neu Delhi mit Selbstmord. Fernseh-Bilder zeigen einen Mann, der mit der Schusswaffe an seinem Kopf auf einem Auto sitzt. Als Sonia Gandhi vor ihrer Fraktion im Parlament ihren Rückzug bekannt gibt, kann sie in dem allgemeinen Aufruhr kaum einen Satz ungestört zu Ende sprechen. Ihre Parteifreunde kämpfen mit den Tränen, als sie versuchen, die Parteichefin doch noch umzustimmen.

Am Mittwoch, 19. Mai, dann ein neuer, wahrscheinlich letzter Versuch der Kongress-Führung: Sie tritt geschlossen zurück aus Protest. Aber Sonia Gandhi bleibt bei ihrer Entscheidung. Sie habe auf ihre "innere Stimme" gehört, hatte sie zuvor gesagt. Ihre Kinder sollen sie unterstützt, ihr vielleicht sogar zugeredet haben. Sonia Gandhis Verzicht mag jetzt die Kongress-Partei in Schwierigkeiten bringen, denn bei allen Bedenken gegen ihre Person zeigen die sehr emotionalen Loyalitäts-Bekundungen noch einmal deutlich, wie viele Menschen in Indien große Hoffnungen mit ihrer Person, mit ihrer Familie verbinden.

Kluger Schachzug

Sonia Gandhis Rückzug macht vieles leichter: Zunächst einmal hat sie ihr eigenes Ansehen und das ihrer Familie noch einmal gewaltig gesteigert. Mit ihrem demonstrativen Verzicht auf Macht, auf das höchste Amt, hat sie sich so sehr vom Mainstream der indischen Politiker abgesetzt, dass sie der beginnenden Hass-Kampagne der BJP von Anfang an den Wind aus den Segeln genommen hat. Den größeren Image-Verlust hat nun die BJP: In Wirklichkeit haben die Wähler ja längst entschieden, dass sie Sonia Gandhi akzeptieren - mit dem Hintergrund, den sie nun einmal mitbringt. Eine andauernde Kampagne gegen dieses Wahlergebnis hätte der indischen Demokratie geschadet, das Land in einer eigentlich nebensächlichen Frage polarisiert und gelähmt.

Der Rückzug hat Sinn

Auch die Regierungsarbeit wird jetzt voraussichtlich einfacher werden. Der wahrscheinliche Kandidat für den Posten des Premierministers, Manmohan Singh, ist der Architekt der indischen Wirtschaftsreformen der 1990er Jahre, der Öffnung und Liberalisierung. Er ist der Favorit der Finanzmärkte. Außer vielleicht den Kommunisten müssten alle potenziellen Kongress-Bündnispartner gut mit ihm leben können.

Als Premierministerin wäre Sonia Gandhi leichter in Schwierigkeiten zu bringen gewesen als jeder andere. Man braucht sich nur Verhandlungen mit Pakistan über Kaschmir vorzustellen: Undenkbar, dass eine als "ausländisch" kritisierte Premierministerin da Zugeständnisse machen könnte. Und so war Sonia Gandhis Verzicht nicht nur ein großes Drama, das die Nation über Tage in Atem gehalten hat: Es war eine weise Entscheidung.

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