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Fokus Südosteuropa

Die Kinder des Krieges

Auch 20 Jahre nach dem Ausbruch des Krieges ist Bosnien und Herzegowina tief gespalten: drei Völker finden nur schwer zusammen. Trotzdem können junge Menschen miteinander reden - und Gemeinsamkeiten finden.

Studenten der Generation 1992 in Sarajevo (Foto: DW/Samir Huseinović März, 2012)

Studenten der Generation 1992 in Sarajevo

Enida, Natalija und Igor - drei Studenten in einem Café im Zentrum von Sarajevo. Auf den ersten Blick unterscheidet sie nicht viel. Sie kleiden sich ähnlich, hören die gleiche Musik, haben ähnliche Zukunftsängste und sprechen verwandte Sprachen. Und alle drei kamen 1992 zur Welt – in dem Jahr, als der Krieg in ihrer Heimat Bosnien-Herzegowina ausbrach.

Trotzdem sind die drei Studenten in verschiedenen Welten groß geworden: Sie sind auf andere Schulen gegangen und haben dort im Geschichtsunterricht unterschiedliche Versionen des Krieges kennengelernt. Bosniaken, also bosnischen Muslime, Serben und Kroaten – jeder hat seine eigene Deutung der Vergangenheit. Nicht einmal darüber, wie und wann der Krieg damals begann, ist man sich einig.

Drei Völker – drei Versionen der Vergangenheit

Natalija, bosnische Kroatin (Foto: DW/Samir Huseinović März, 2012)

Die bosnische Kroatin Natalija

Natalija ist bosnische Kroatin. In der Schule hat sie gelernt, dass die Aggressionen und der Krieg schon im Oktober 1991 begonnen haben "mit dem Angriff der Serben auf das Dorf Ravno in Ostherzegowina". Ravno ist ein kleines kroatisches Dorf auf bosnischem Gebiet unweit von Dubrovnik. Die serbisch dominierte Jugoslawische Armee, die gerade ihren Angriff auf die kroatische Küstenstadt startete, überrollte und zerstörte das Dorf.

Für Igor, einen bosnischen Serben, fing der Krieg dagegen erst ein halbes Jahr später an, am 1. März 1992 in der Altstadt von Sarajevo: "Die Geschichte, so wie ich sie kenne, sagt, dass der Krieg mit der Ermordung eines serbischen Hochzeitsgasts begann." Die Bosniakin Enida bleibt diplomatischer. Auf ein bestimmtes Datum möchte sie sich nicht festlegen: "Alles, was ich weiß, ist, dass es zu Uneinigkeiten zwischen den drei Völkern kam."

Offiziell wird als Kriegsbeginn in Bosnien und Herzegowina der 6. April 1992 genannt. Das ist der Tag, an dem die damalige Europäische Gemeinschaft das Land als unabhängig anerkannte, an dem bosnisch-serbische Heckenschützen auf Friedensdemonstranten in Sarajevo schossen und die fast vierjährige Belagerung der Stadt begann.

Alle haben sich nur "verteidigt"

Igor Kovac, bosnischer Serbe an der Universität in Pale.(Foto: DW/Samir Huseinovic) Copyright: DW/Samir Huseinović März, 2012

Der bosnische Serbe Igor

In diesen Tagen haben Igors Eltern die Stadt verlassen. Er war noch ein Baby, nicht einmal einen Monat alt. Seine Eltern, so die Familiengeschichte, hatten keine Wahl, denn "alle serbischen Freunde waren schon weg, der Krieg hatte schon angefangen". Was hätten sie machen sollen, fragt Igor in die Runde, "warten bis der Nachbar kommt und mich als Baby tötet"? Igors Vater schloss sich kurze Zeit später der Armee der bosnischen Serben an.

Etwa zur gleichen Zeit zog in Zenica, einer kleinen Stadt rund 50 Kilometer nordwestlich von Sarajevo, auch ein anderer junger Vater in den Krieg – allerdings auf der Seite der bosniakischen Armee. Enida war kaum älter als ein Jahr, als sie zur Halbwaisen wurde. "Mein Vater starb 1993 in der Nähe von Busovaca, im Kampf gegen die Truppen der bosnisch-kroatischen HVO", erzählt sie.

Für die bosnischen Kroaten wiederum kämpfte wenige Kilometer weiter Natalijas Vater. Das Ziel dieser Armee war der Anschluss der mehrheitlich kroatisch bewohnten Gebiete an Kroatien. "Er hat dieses Gebiet gegen die Muslime verteidigt", sagt Natalija und gibt so die gängige kroatische Deutung der Vorkommnisse wieder.

Hoffen auf eine unbeschwerte Zukunft

All die Jahre zuvor hatten die Väter der drei Jugendlichen friedlich nebeneinander gelebt. Bosnien galt lange Zeit sogar als Vorbild für ein gelungenes Zusammenleben verschiedener Völker und Religionen. Offenbar ein Trugbild – denn im Krieg zogen junge Männer, die kurz zuvor noch miteinander Fußball gespielt hatten, gegeneinander in den Kampf. Und eine Spannung liegt auch heute noch, zwei Jahrzehnte später, in der Luft. Für Igor ist sie ein täglicher Begleiter. "Ich mag Sarajevo und bin traurig, dass ich nicht hier lebe", sagt er. "Aber wenn ich hierher komme, empfinde ich auch Unbehagen – wegen meines serbischen Namens." Wenn Igor durch die Altstadt geht und jemand ihn beim Namen ruft, zucke er oft zusammen, sagt der junge Serbe: "Ich habe Angst."

Enida Mekic, bosniche Muslima (Foto: DW/Samir Huseinović März, 2012)

Die bosnische Muslima Enida

Trotzdem: Heute sitzen die drei 20-Jährigen zusammen im Café, trinken bosnischen Kaffee und reden miteinander. Und sie verstehen sich gut; ethnische Unterschiede sind egal. Enida erklärt warum: "Ich habe keine Vorurteile und hasse niemanden", sagt die junge Muslima und fügt hinzu: "Was geschehen ist, soll man nicht ewig mit sich herumschleppen." Enida, Natalija und Igor versuchen im heutigen Bosnien und Herzegowina ihren eigenen Weg zu finden – jenseits der nationalistischen Zwänge ihrer Umgebung. Sie wollen nicht, dass die Vergangenheit ihre Zukunft bestimmt.

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