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Wirtschaft

Die Kehrseite des Fortschritts

Ausländische Handelsketten, darunter auch die deutsche Metro, drängen mit Macht auf den indischen Markt. Das könnte zu Lasten der Straßenhändler und Kleinbauen gehen, warnt die Hilfsorganisation Oxfam.

Straßenhändler in Allahabad, Indien (Foto: AP)

Straßenhändler in Allahabad, Indien

Die Verhandlungen über ein neues Welthandelsabkommen stecken in einer Sackgasse. Deshalb werden weltweit immer mehr bilaterale Handelsverträge abgeschlossen. Die EU verhandelt beispielsweise seit 2007 mit Indien über einen weitreichenden Freihandel. Die boomende Wirtschaftsmacht gewinnt für die Europäer immer mehr an Bedeutung, europäische Unternehmen wünschen sich einen vereinfachten Zugang zum indischen Markt. Ein Streitpunkt ist allerdings die Liberalisierung von ausländischen Investitionen im Einzelhandel. Soziale Organisationen in Indien, aber auch in Deutschland, sehen Millionen von Arbeitsplätzen in Indien bedroht.

Straßenhändler in Allahabad, Indien (Foto: DW)

Dharmendra Kumar ist Direktor von India FDI Watch

Dharmendra Kumar ist Direktor von India FDI Watch, einer indischen Koalition von Gewerkschaften, Berufsverbänden, Umweltschützern und Nichtregierungsorganisationen, die gegen die Liberalisierung von ausländischen Direktinvestitionen im indischen Einzelhandel kämpft. Die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit der EU beobachtet Kumar voller Skepsis. Und das nicht ohne Grund. "Die indische Regierung spricht nicht mit der Bevölkerung über das Freihandelsabkommen. Der Verhandlungstext wird weder im Parlament diskutiert, noch sind die Bundesstaaten konsultiert worden. Der gesamte föderale Prozess wird unterwandert."

Ladenbesitzer und Straßenhändler fürchten um ihre Existenz

Auf Einladung deutscher Entwicklungsorganisationen ist Kumar nach Berlin gekommen, um über die Folgen eines Freihandelsabkommens für sein Land zu informieren. Kumar befürchtet, die indische Regierung habe bei den Verhandlungen nur die Interessen einiger großer Konzerne im Auge, nicht aber die der breiten Bevölkerung. "Das indische Wirtschaftswachstum hat eine wachsende Mittelschicht geboren", sagt Kumar, "aber auch vielen Menschen extreme Armut beschert. Die wachsende Arbeitslosigkeit hat viele Menschen dazu gebracht, als kleiner Ladenbesitzer oder Straßenhändler zu arbeiten."

Der Haupteingang des Metro-Großmarktes im indischen Hyderabad (Foto: Oxfam)

Fortschritt oder Gefahr? Metro-Großmarkt im indischen Hyderabad

35 Millionen Menschen arbeiten im indischen Einzelhandel. Nach der kleinbäuerlich geprägten Landwirtschaft ist es der Sektor mit der höchsten Beschäftigung. Beide Bereiche würden sich vollkommen verändern, wenn der indische Markt sich für ausländische Unternehmen öffnen würde, warnt Marita Wiggerthale, Handels- und Agrarexpertin bei der Entwicklungsorganisation Oxfam Deutschland. Tatsächlich stehen europäische Handelsriesen wie Metro, Walmart, Tesco, Carrefour und Rewe bereits in den Startlöchern. In Indien lockt die Aussicht auf ein enormes Markterschließungspotenzial. Denn bisher wird hier nur ein Prozent aller Lebensmittel in Supermärkten gekauft.

Impuls für Kleinbauern

Theoretisch ist gegen die Ansiedlung ausländischer Handelsketten nichts einzuwenden, sagt Oxfam-Expertin Marita Wiggerthale. "Wenn es eine zunehmende Nachfrage von Supermarktketten nach qualitativ hochwertigen Produkten gibt, wird es auch einen wirtschaftlichen Impuls für die Ernährungsindustrie geben, wird mehr Wertschöpfung im eigenen Land stattfinden, wird mehr Beschäftigung geschaffen. Aber ob alles das passiert, hängt erheblich davon ab, wie die Investitionsbedingungen ausgestaltet sind."

Marita Wiggerthale, Handels- und Agrarexpertin bei der Hilfssorganisation Oxfam Deutschland (Foto: Oxfam)

Marita Wiggerthale, Handels- und Agrarexpertin bei der Hilfssorganisation Oxfam Deutschland

Derzeit gibt es noch erhebliche Beschränkungen. Ihnen unterliegt auch die deutsche Metro-Gruppe, die bereits seit 2003 in Indien aktiv ist. Fünf Metro-Großhandelsmärkte gibt es in Städten wie Bangalore, Hyderabad und Mumbai. Acht weitere Märkte sind in Städten mit mehr als einer Million Einwohnern geplant. Metro darf nur als Großhändler auftreten und je nach Bundesstaat nur an lizenzierte Händler verkaufen, außerdem war der Verkauf von Obst und Gemüse bis vor kurzem untersagt. Diese Beschränkung wurde mittlerweile aufgehoben, und Metro hat damit begonnen, Obst und Gemüse über Sammelstellen bei Bauern aufzukaufen.

Regulierung nötig

Oxfam-Expertin Wiggerthale warnt jedoch davor, dass sich dieses System schnell überholen könnte. Denn Kleinbauern würden eigentlich nicht zu den bevorzugten Handelspartnern von großen Ketten gehören. "Das Problem ist, dass Supermarktketten vom Grundsatz her bevorzugt mit größeren und mittleren Betrieben kooperieren. Das hat damit zu tun, dass die Schere zwischen den Anforderungen der Supermarktketten auf der einen Seite und der Leistungsfähigkeit der kleinbäuerlichen Betriebe auf der anderen Seite immer weiter auseinandergeht."

OXFAM INTERNATIONAL logo (Grafik: Oxfam)

Setzt sich für Indiens Kleinbauern und Einzelhändler ein: Die Hilfsorganisation Oxfam

Der indische Markt, so sagt Wiggerthale, sei für eine vollständige Liberalisierung noch lange nicht reif. Handel und Landwirtschaft müssten langsam und entwicklungsfreundlich umgestaltet werden. Oxfam setzt sich daher gemeinsam mit India FDI Watch für eine weitgehende Regulierung ein, um die Marktmacht von Supermarktketten zu begrenzen, sowie faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen für die Angestellten sicherzustellen.

Dennoch: Die Zustimmung aller EU-Staaten zu einem weitrichenden Freihandelsabkommen mit Indien gilt als unstrittig, da der Ausbau der Handelsbeziehungen mit Indien allgemein befürwortet wird. Und das nicht ohne Grund: Die boomende Wirtschaftsmacht hat für die EU rasant an Bedeutung gewonnen. Der bilaterale Handel wuchs von 4,4 Milliarden Euro im Jahr 1980 auf 40 Milliarden in 2005. Gut ein Fünftel der Importe Indiens kommen aus Ländern der EU, im Gegenzug gehen 22 Prozent der indischen Exporte nach Europa. Die wirtschaftliche Bedeutung steigt: Indien erwartet im nächsten Jahrzehnt ein jährliches Wirtschaftswachstum von durchschnittlich sieben bis acht Prozent.

Autorin: Sabine Kinkartz
Redaktion: Rolf Wenkel