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Amerika

Die Katastrophe ist einfach zu groß

Die erschreckenden Bilder gingen um die Welt: Trümmerfelder, Leichen auf den Straßen, Menschen, die ums Überleben kämpfen. Am 12. Januar 2010 wurde Haiti von einem verheerenden Erdbeben erschüttert.

Zeltstadt in Port-au-Prince (Foto: DW/Tobias Käufer)

Die Trümmerberge sind kleiner geworden und dennoch kehrt mit jedem Meter des Weges von Port-au-Prince nach Leogane die Erinnerung an den Tag zurück, der ganz Haiti innerhalb von nicht einmal einer Minute zum wohl hilflosesten Land der Welt der machte. Als ob die tiefen, meterlangen Risse das Schicksalsdatum 12. Januar 2010 auf den Asphalt markieren. Die Fahrbahndecke ist aufgebrochen, manchmal liegt ein halber Meter Höhenunterschied zwischen aufgerissenen Straßenteilen.

Täglich quält sich eine Karawane von Autos, Bussen und Geländewagen über diesen Weg und macht allen Pendlern deutlich: Bis zur Normalität ist es in Haiti noch eine weite Reise. Nicht nur auf der Verbindungsstraße zwischen der Hauptstadt und Leogane ist Geduld gefragt, im ganzen Land geht es mit dem Wiederaufbau nur mühsam und oft im Schneckentempo voran.

Katastrophe ein Jahr danach immer noch allgegenwärtig

Die zerstörte Hauptstadt Port-au-Prince kurz nach dem Erdbeben (Foto:ap)

Port-au-Prince war nach dem Erdbeben nur noch Schutt und Asche

Für etwa 45 Sekunden bebte am 12. Januar 2010 die Erde und allein in der Hauptstadt Port-au-Prince stürzten mehr als 190.000 Gebäude in sich zusammen. Mit 7,0 auf der Richter-Skala war das Beben bei weitem nicht das stärkste in der jüngeren Geschichte, mit mehr als 230.000 Toten aber das wohl folgenschwerste. Und es löste eine weltweite Welle der Hilfsbereitschaft und Sympathie aus.

Ein Jahr danach ist die Katastrophe immer noch allgegenwärtig. Schon beim Landeanflug auf Port-au-Prince sind die vielen hundert Zeltlager zu erkennen, die sich wie ein Flickenteppich über die ganze Stadt ziehen. Aus dem Provisorium ist längst ein Dauerzustand geworden. Mehr als 1,3 Millionen Menschen, so rechnen die unzähligen Hilfsorganisationen vor, leben seit der schrecklichen Katastrophe unter einem Zeltdach. Es sind nicht wirklich weniger geworden im vergangenen Jahr.

Weg zurück kein 100-Meter-Lauf, sondern ein Marathon

Der Weg zurück ist schwierig: "Das ist kein 100-Meter-Lauf, das ist ein Marathon", sagt Patricio Luna von Caritas International. Luna ist seit vielen Wochen vor Ort, kennt die Entwicklung des Landes aus der täglichen Beobachtung. Die kirchliche Hilfsorganisation bemüht sich um nachhaltige Hilfe. "Die langfristige Aufbauphase hat begonnen", kann Luna berichten. Die erste Phase der akuten Nothilfe dagegen ist abgeschlossen.

Wie mühsam das ist, macht eine kleine Zahl deutlich. Jede Woche übergibt Caritas International in der Region zwei fertige Häuser an Familien aus den Zeltlagern. Am Ende sollen es rund 4000 Häuser sein, die in der Ortschaft Fort Hugo stehen und zu einer neuen Heimat werden sollen. Doch der Weg dahin ist mühsam.

Eigentumsverhältnisse der Grundstücke oft ungeklärt

Eingestürztes Haus in Port-au-Prince (Foto: DW/Tobias Käufer)

Mehr als 190.000 Gebäude sind während des Erdbebens eingestürzt, nicht alle Trümmer konnten geräumt werden

Die öffentliche Verwaltung, die schon vor dem Beben alles andere als reibungslos funktionierte, ist mit dem 12. Januar endgültig in sich zusammengebrochen. Ganze Behörden, Ministerien und Verwaltungen wurden dem Erdboden gleich gemacht. Um aber neue Häuser errichten zu können, müssen erst einmal die Eigentumsverhältnisse der Grundstücke geklärt werden.

"Es bringt nichts zu bauen und wenig später kommt irgendein Mensch und beansprucht das Stück Land für sich. Lieber warten wir zwei Monate länger, haben aber dafür die Gewissheit, dass die Bauten auch rechtlich wasserdicht sind", sagt Luna. Deswegen geht es zurzeit nur im Schneckentempo voran. Es wird noch einige Jahre dauern, bis das letzte Haus gebaut ist.

Trotz der Rückschläge behalten die Menschen die Nerven

Die neuen Häuser sind schlicht, aber effektiv, und vor allem erdbebensicher. Eine Mischung aus Bambusholz und Zement soll helfen, dass die kleinen Gebäude diesmal stehen bleiben, sollte die Erde wieder einmal wackeln. Auf Fensterglas wurde ganz verzichtet, stattdessen gibt es aus natürlichem Material geflochtene Gitter. Und sollten sie doch einstürzen, ist das Material so leicht, dass es keine großen Schäden verursacht.  

"Natürlich sehen die Menschen sehen, dass es nur langsam vorwärts geht", sagt Luna. "Aber sie behalten die Nerven." Trotz all der Rückschläge bleiben die Haitianer gewaltfrei. Es gibt zwar immer wieder kleinere Ausschreitungen, doch der große Teil der Menschen bewahrt auch im Angesicht der vielen Katastrophen der vergangenen zwölf Monate ihre Würde und ihren Stolz. Erdbeben, Tropenstürme und die von außen eingeschleppte Cholera-Epidemie haben das Land heimgesucht.

Nur wenige Länder haben bisher Hilfszusagen eingehalten

Haitianische Mutter mit Kind vor einer Versorgungsstation (Foto: DW/Tobias Käufer)

Medizinische Versorgungsstation der Hilfsorganisation "Save the Children"

Dagegen wächst die Kritik an der internationalen Staatengemeinschaft: Bis zu zehn Milliarden Euro waren auf einer Geber-Konferenz im Nachbarland Dominikanische Republik zugesagt worden. Vor allem die USA und Venezuela hatten sich mit Hilfszusagen überboten, doch in vollem Umfang wirklich bezahlt haben nur wenige Länder. Doch ihre Zurückhaltung ist nachvollziehbar. Bevor die Milliarden an Steuergeldern fließen, muss gewährleistet sein, dass die Hilfe auch tatsächlich ankommt und die finanziellen Mittel nicht in irgendwelchen dunklen Kanälen versickert.

Bislang haben vor allem die Hilfsorganisationen das Land vor dem Kollaps bewahrt, doch ihre Ressourcen sind endlich. Irgendwann sind die Spenden aufgebraucht und das Interesse der Weltöffentlichkeit wendet sich anderen Schauplätzen zu. Bis dahin tickt die Uhr, jeder Tag, jeder Schritt zählt, um das Land ein klein bisschen nach vorn zu bringen. Die Illusion aus Haiti ein anderes Land zu machen, hat sich ohnehin schon an den Köpfen der Menschen und der Helfer verabschiedet.

Mehr als Linderung können die Hilfsorganisationen nicht leisten

Stattdessen versuchen die Hilfsorganisationen zumindest einen Übergang zu ermöglichen, den Sturz ins Bodenlose zu verhindern oder zumindest abzufedern. "Ich kann allen Menschen versichern, dass alle Spenden auch wirklich ankommen", so Luna. Aber es wird nicht alles auf einmal ausgegeben. Caritas International versucht wie die rund anderen 500 offiziell registrierten Hilfsorganisationen perspektivisch zu arbeiten. Mehr als Linderung können die Helfer ohnehin nicht leisten. Luna: "Dafür ist Dimension dieser Katastrophe ist einfach zu groß."

Autor: Tobias Käufer
Redaktion: Oliver Pieper