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Deutschland

Die Königin der Schnittmuster

Tragbare Mode für die ganz normale Familie - das war die Vision von Aenne Burda. Ihre Schnittmuster zum Selbernähen wurden zum weltweiten Erfolg. Am 28. Juli wäre Aenne Burda 100 Jahre alt geworden.

Aenne Burda sitzunt kostümiert auf einem Faschingsball (Foto: AP)

Das blühende Leben: Aenne Burda auf einem Faschingsball 1990

Gestrichelte, durchgezogene, parallel verlaufende und sich kreuzende Linien - der männliche Laie hätte wohl einen Bauplan für ein Flugzeug darin erkannt, aber die Frauen verstanden es schnell: Es ist eine Anleitung zum Selberschneidern des eigenen Traumkleids.

Diese Idee ließ Aenne Burda zur Königin der Schnittmuster und zur Chefin des weltweit größten Modeverlages - die "Burda-Moden" - werden. "Meine Idee war, Mode für Frauen zu machen, die modebewusst sind, die aber nicht das Geld haben, sich immer das zu kaufen, was sie sich gerade wünschen," sagte sie einst.

Galionsfigur des Wirtschaftswunders

Aenne Burda war die weibliche Galionsfigur des deutschen Wirtschaftswunders. Als Tochter eines Eisenbahners im badischen Offenburg geboren, will sie früh hoch hinaus. Mit 17 schneidet sie sich ihre - wie sie findet - langweiligen Zöpfe ab und trägt einen flotten Bubikopf. Ihr Name Anna-Magdalene klingt ihr zu altmodisch, sie nennt sich kurzerhand nur noch Aenne. Sie ist eine Frau, die immer schön, erfolgreich und glücklich sein will. Aenne will Karriere machen, das Leben auskosten, Kinder haben und eigenes Geld verdienen. Sie will als Frau all das erreichen, was ein Mann erreichen kann.

Sie heiratet den Verleger Franz Burda und bekommt drei Söhne. Der jüngste, Hubert Burda, sagte einmal über den Antrieb seiner Mutter: "Sie wollte, dass die Frauen, die wie sie den Krieg überlebt hatten, wieder elegant werden."

Die Kombo zeigt das Titelbild der ersten russischen Ausgabe von Burda Moden vom März 1987 und das Cover von März 2007 (Foto: DPA)

"Burda Moden" auf russisch! Links die erste Ausgabe von 1987, rechts eine Ausgabe von 2007

Tragbar sollte ihre Mode sein - kein Pariser Firlefanz. Die Chance, ihre Vision der eleganten Schnittmuster-Frau zu verwirklichen, bekommt Aenne auf kuriose Weise. Ihr Mann betrügt sie, hat eine Geliebte, sogar ein Kind mit ihr. Aenne ahnt davon lange nichts. Ihr "Alle wussten von der Affäre, nur die Frau Burda nicht. Als sie das rausgekriegt hat, da ist sie durchgedreht," erinnert sich ihr langjähriger Grafiker, Oswal Moser.

Mode in 120 Ländern

1949 übergibt Franz Burda, quasi als Entschuldigung für seine Untreue, seiner Frau einen kleinen maroden Verlag. Aenne macht aus ihm eine weltberühmte Adresse. Sie entwirft ein Modemagazin mit Schnittmustern zum Selbstschneidern. 1950 erscheint "Burda-Moden" erstmals in einer Auflage von 100.000 Stück zu einem Preis von 1,40 DM. So beginnt ihre Erfolgsgeschichte beginnt.

Aenne Burda mit dem sowjetischen Modedesigner Slawa Saizew (Foto: DPA)

Burda mit dem sowjetischen Modedesigner Slawa Saizew

Die Auflage wächst auf vier Millionen an. Der Eiserne Vorhang öffnete sich nur einen Spalt, schon ist Aenne mit ihren "Burda-Moden" in Osteuropa, Russland und später sogar in China vertreten. Frauen in 120 Ländern der Welt schneidern Kleider nach Aennes Anleitung. In Brasilien haben viele durch die Schnittmuster aus Offenburg ihren Lebensunterhalt verdienen können. In Russland wird das Heft zu einem Leitfaden: Wie koche ich schmackhaft, wie kleide ich mich weiblich, wie verschönere ich den Alltag?

Ihr Verlag ist alles für Aenne Burda, die Familie steht oft zurück: "Mein Mann hat sein Leben gelebt, ich habe mein Leben gelebt. Die Kinder hatten alles. Wir waren schon alle sehr selbstständig." Sie führt ihren Verlag 45 Jahre lang. Im Alter von 85 Jahren tritt sie zurück. 2005 stirbt sie mit 96 Jahren. Am 28. Juli 2009 wäre sie 100 Jahre alt geworden. Ihre Schnittmuster gibt es weiter - hauptsächlich im Internet.

Autor: Benjamin Wüst

Redaktion: Kay-Alexander Scholz