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Europa

Die "Junge Europäerin 2009"

Ein Preis für unermüdliches Engagement für Frieden und Verständigung in Südosteuropa: Die Heinz-Schwarzkopf-Stiftung hat Sandra Orlović zur "Jungen Europäerin 2009" gemacht.

Sandra Orlovic bekommt den Preis Junger Europäerin des Jahres. (Heinz Schwarzkopf Stiftung, Berlin, 2.12.2009)

Sandra Orlović bekommt den Preis "Junger Europäerin des Jahres"

Die sportlich-schlanke junge Frau, die in einer eleganten Berliner Hotellobby sitzt, hat schon früh erfahren, was Krieg bedeutet. Geboren in Tuzla in Bosnien-Herzegowina, musste Sandra Orlović an einem Freitag im Jahr 1992 auf Geheiß ihrer Eltern plötzlich schnell ein paar Hosen und Pullis zusammenpacken. Dann fuhr sie alleine zu den Großeltern nach Bijeljina. "Meine Eltern sagten, dass vielleicht zwei, drei Tage lang Krieg sein würde und ich da sicherer sein würde. Montags wollten wir uns wiedersehen."

Doch daraus wurde nichts: Der Bosnienkrieg begann, statt Tagen währte er Jahre. Die Grenzen wurden geschlossen. Und Sandra blieb in einem von bosnischen Serben kontrollierten Gebiet, ihre Eltern hingegen in einem, in dem die bosnische Regierungsarmee vorherrschte. Nur 70 Kilometer voneinander entfernt. "Ich konnte nicht zurück nach Tuzla und meine Eltern nicht zu mir." Zwei Jahre lang war die Familie getrennt.

"Am Kampf für Gerechtigkeit wollte ich teilhaben"

Eines der der etwa 18.200 Mienenfelder in Bosnien Herzegowina neben der Stadt Doboj (Belma Fazlagic/25.07.2008)

Ein Mienenfeld in Bosnien-Herzegowina: Die Spuren des Krieges sind noch immer sichtbar.

Neben ihrem "angeborenen Gerechtigkeitssinn", wie sie sagt, ist es auch diese persönliche Erfahrung mit dem Krieg, die Sandra Orlović schon während ihres Jurastudiums in Belgrad zur Nichtregierungsorganisation "Helsinki Committee for Human Rights" führt.

Sie wird als Beobachterin zu einem Kriegsverbrecherprozess geschickt, in dem es um 16 ermordete Bosnier geht. Dort sieht sie die Opfer auf der einen Seite des Gerichtssaals. Und gegenüber die Täter. "Für mich war das eine sehr symbolische Szene, wie die Opfer für Gerechtigkeit, für ihre Rechte, für die Erinnerung an ihre Lieben kämpften. Und an diesem Kampf für Gerechtigkeit und Erinnerung wollte ich teilhaben."

"Manche Geschichten verändern mich fürs Leben"

Seit März 2005 arbeitet die heute 29-Jährige beim "Humanitarian Law Center" in Belgrad. Dort leitet sie das Team, das am "Kosovo Memorial Book" arbeitet: Sie tragen Namen, Lebensgeschichten, Fotos möglichst vieler Opfer des Kosovokriegs zusammen. Rund 13.000 Schicksale haben sie schon rekonstruiert, oft durch Gespräche mit Angehörigen. Gespräche, in denen Sandra Orlović versucht, möglichst sensibel mit der Trauer umzugehen. Die bei den Betroffenen durch das Erzählen oft heftig wiederauflebt. Auch für Sandra selbst sind die Schicksale manchmal schwer zu ertragen.

"Manche Geschichten sind so stark, die verändern mich fürs Leben", erzählt sie. Etwa die Geschichte einer Frau, die Augenzeugin eines Kindsmords wurde. "Trucks albanischer Flüchtlinge waren zerbombt worden, brannten. In der Nähe befanden sich serbische Truppen. Einer der Soldaten packte ein 4- oder 5-jähriges Kind und warf es in einen brennenden Truck." Daran denkt sie noch heute.

"Neue Generationen von Kriegern"

Passanten laufen über den Platz der Republik um Zentrum Belgrads . Links sieht man das Nationalmuseum, rechts das Nationaltheater. In der Mitte steht das Reiterstandbild des serbischen Prinzen Mihailo Obrenovic.(26.04.2009/dpa).

In Belgrad hat Sandra Orlović studiert, heute arbeitet sie in der Hauptstadt Serbiens.

Solche Schicksale aufzuklären, an sie zu erinnern, daran arbeitet sie unermüdlich, zielstrebig. Mit ihren kurzgeschnittenen braunen Haaren und de schwarzen Kastenbrille wirkt Sandra Orlović sachlich-ernst. Für sie ist die Aufarbeitung der Vergangenheit eine Bedingung für künftigen Frieden. "Wenn wir uns nicht dem stellen, was passiert ist, werden wir in 20, 30 Jahren einen neuen Konflikt haben", sagt sie.

Wenn sie sich die Geschichtsbücher in ihrer Heimat anschaue, werde ihr das klar. "Die sind völlig ethnisch zentriert. Da werden die Kriege nur aus der eigenen nationalen Perspektive beschrieben, die Opfer der anderen Seite gar nicht genannt." Das findet sie sehr gefährlich. Denn so werde Hass geschürt. "So ziehen die Gesellschaften in der Balkanregion neue Generation von Kriegern heran."

Mit ihrem Engagement im Humanitarian Law Center macht sich Sandra Orlović nicht nur Freunde. Weder privat noch auf offizieller Seite. "Viele sehen uns als Leute, die ihr eigenes Land und dessen nationales Interesse betrügen. Als Leute, die Serben ins Gefängnis bringt." Auch einige ihrer Freunde und manche Familienmitglieder sehen das so. Zeitungen hetzen gegen die Arbeit des Humanitarian Law Center, Extremisten werfen Scheiben des Büros ein. Die Behörden schweigen dazu.

"Dass das nicht nur für sie wichtig ist"

Die Preisträgerin Sandra Orlović

Die Preisträgerin Sandra Orlović

Entschädigt für solche Schikanen wird Sandra durch die Reaktionen der Familien der Opfer. "Durch unsere Arbeit wird ihnen klar, dass die Schicksale ihrer Brüder, Mütter oder Väter nicht nur für sie wichtig sind, sondern auch für uns. Und auch wir die Erinnerung bewahren. Das ist wirklich wichtig für sie."

Ähnlich verhält es sich eigentlich auch mit ihr selbst und der Auszeichnung als "Junge Europäerin 2009", die sie am Mittwoch (02.12.2009) erhalten hat. Dass ihr für ihr Engagement einmal ein Preis verliehen wird, damit hat Sandra Orlović nicht gerechnet. Umso mehr freut sie sich jetzt darüber - als Bestätigung für sich selbst, aber auch als Signal für ihre Region: Dass sie mit ihrer Wertschätzung der Menschenrechte nicht alleine da steht.

Redaktion: Andreas Noll/Mareike Röwekamp
Autorin: Anna Corves

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