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Kultur

Die Journalisten der Stunde Null

Sie waren vor Ort, als die Türme des World Trade Centers einstürzten. Sie haben pausenlos über die Katastrophe berichtet. Und ziehen fünf Jahre nach 9/11 ein persönliches Fazit - drei Journalisten der Stunde Null:

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Die brennenden Twin Tower aus der Ferne - die Journalisten waren nah dran. Auch ungewollt

Vor ein paar Wochen habe ich in Brüssel den Film "United 93" zusammen mit amerikanischen Freunden gesehen. Das Schicksal der Menschen in der vierten Terror-Maschine, die nach dem mutigen Eingreifen der Passagiere über Pennsylvania abstürzte und nicht ihr Ziel Washington erreichte, hat mich tief bewegt. Wir haben geweint.

Bernd Riegert

Bernd Riegert, 2001 Korrespondent der DW in Washington

Die Erinnerungen an den Morgen des 11. September 2001 kamen wieder hoch, als ich in Washington als Korrespondent arbeitete und das Unfassbare schildern musste. Ich sah das Pentagon brennen. Als ich live berichtete, wie die Menschen aus dem brennenden World Trade Center in den Tod sprangen, versagte mir die Stimme, was einem Radioreporter eigentlich nicht passieren darf. Auch damals habe ich geweint als das Rotlicht aus war. Die nächsten Tage haben wir alle rund um die Uhr gearbeitet, wie in Trance.

Zorn, Wut und Enttäuschung

Erst später habe ich begriffen, was sich tatsächlich alles verändert hatte. Die Welt war anders geworden. Heute fünf Jahre danach vermischt sich die Erinnerung an die 3000 Todesopfer mit Zorn. Mit Zorn darüber, dass die Schuldigen für die Anschläge immer noch nicht gefasst werden konnten. Enttäuschung darüber, dass US-Präsident George W. Bush durch seinen unsinnigen Feldzug im Irak den Kampf gegen die Terroristen schwerer gemacht hat.

Bush hat unglaublich viel Kredit und Glaubwürdigkeit nicht nur in der arabischen und islamischen Welt, sondern auch bei vielen seiner europäischen Verbündeten verspielt. Die uneingeschränkte Solidarität, die den USA 2001 zuteil wurde, hätte man nicht so leichtfertig verpulvern dürfen. Heute fünf Jahre danach und viele Terroranschläge von Bali bis London später will ich mich nicht daran gewöhnen, dass die Angst vor der nächsten Bombe immer gegenwärtig ist. Mir krampft sich der Magen zusammen und Wut steigt auf, wenn ich Rechtfertigungsversuche für den Terror höre, wie jüngst von moslemischen Verbänden in Großbritannien nach dem vereitelten Coup gegen Transatlantikflüge.

Die Kluft wird größer

Von einer Lösung der Konflikte im Nahen Osten sind wir leider weiter entfernt denn je. Noch im Jahr 2000 schien eine Einigung zwischen Israel und Syrien möglich. Jetzt sind Osama bin Laden, die Taliban, Afghanistan, Irak, Iran, Hisbollah und der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern haben sich zu einem hochexplosiven Gebräu vermischt. Die Kluft zwischen "dem" Westen und "dem" Islam wird größer. Vom vielbeschworenen Dialog der Kulturen sind wir wohl noch weit entfernt, wenn der syrische Präsident mit Israel keinen Frieden schließen will und der iranische Präsident im Atomstreit eisenhart bleibt.

In den USA und teilweise auch Europa werden Menschen- und Bürgerrechte für den so genannten Krieg gegen den Terror geopfert. Präsident Bush spielt den "Großen Bruder" bei der Telefonüberwachung seiner Landsleute und findet nichts dabei. Bundesgerichte müssen die bürgerlichen Freiheiten wieder einfordern.

Insgesamt gilt fünf Jahre danach: Es ist wieder zum Weinen.

Bernd Riegert, DW-Studio Brüssel

Lesen Sie auf der nächsten Seite das Resümee von Julie von Kessel, die neben dem zweiten Turm des WTC stand, als dieser einstürzte ...