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Europäische Union

Die Jäger der Fake News

Die Niederlande zählen ihre Wahl per Hand aus - aus Angst vor russischem Einfluss. Angela Merkel wird mit Fake News von europäischen Rechtsextremen attackiert. Wie kann Europa sich schützen?

Video ansehen 02:47

EU: Task Force gegen Falschmeldungen

Es war die größte Bewegung von US-Truppen seit Jahrzehnten: Vier Jahre nachdem der letzte amerikanische Panzer Europa verlassen hatte, wurde am 12. Januar 2017 die 3. US-Panzerbrigade nach Polen verlegt. Über 3000 Soldaten, 87 Panzer und hunderte von Fahrzeugen waren in dem Tross, der sich von Bremerhaven aus an die Ostgrenze Polens bewegte. Mit dabei auch Kameras und Fotografen - die Öffentlichkeit konnte zuschauen, denn die politische Botschaft an Moskau war gewollt.  

Die wunderbare Panzervermehrung

Auf einer obskuren Website in der separatistischen Ost-Ukraine fand zu dem Zeitpunkt schon die wunderbare Panzervermehrung statt. Die "Donbass News Agency" meldete, die USA würden 3600 Panzer an die Grenze zu Russland verlegen. Es sei ein massiver militärischer Aufmarsch der sich gegen Russland richtete.

Screenshot dninews.com (dninews.com)

Die Donbass-Nachrichtenagentur im Separatistengebiet der Ostukraine machte aus 87 US-Panzern 3600

Ben Nimmo vom Atlantic Council gehört zu den rund 400 Experten, die eine nur elf Mann starke Arbeitsgruppe beim Auswärtigen Dienst der EU bei der Identifizierung von Fake News  unterstützt.

Er zeigt am Weg der "Panzer-Meldung", wie sie von einer Website zur nächsten weitergereicht und politisch instrumentalisiert werden: "Auf die Zahl von 3600 Panzer ist die Donbass-News-Agency anhand einer echten Quelle gekommen. Wenn man nämlich alle Fahrzeuge zusammenrechnet, inklusive der in den Niederlanden in Reserve stehenden, kommt man auf 3600. Dabei sind aber auch Jeeps, Anhänger, Humvees - alles mögliche". Die ganze Kolonne sei kurzerhand zu Panzern umdeklariert worden.

USA Benn Nimmo (DW/L. Scholtyssyk)

Ben Nimmo ist ein Verteidigungsanalyst - ein professioneller Jäger von Fake News

Daran könne man auch erkennen, dass die Falschmeldung mit Absicht veröffentlicht wurde. "Das ist typisch für Fake News: Es gibt einen wahren Kern, und darum wickelt sich eine Menge von Müll", sagt Nimmo.

Der Weg durchs Netz

Die Panzerstory erschien dann auf einer kanadischen Website, die gern Verschwörungstheorien verbreitet. Sie fügte die Titelzeile: "Politischer Wahnsinn" hinzu. Hier wurde die Geschichte weiter aufgeblasen, an andere russlandfreundliche Websites weiter zirkuliert und schließlich von der russischen Nachrichtenagentur 'Ria Novosti' aufgegriffen.

Screenshot globalresearch.ca (globalresearch.ca)

"Global Research" (Kanada) bewertet: "Politischer Wahnsinn - US schickt 3600 Panzer gegen Russland"

Das sei der entscheidende Schritt, erklärt Ben Nimmo, weil die Nachrichtenagentur der Fake-Meldung damit ihre eigene Glaubwürdigkeit verleiht. Er konnte die Panzer-Story dann weiter bis in die frühere Sowjetunion, nach Lettland und auf die Website eines norwegischen Kommunisten verfolgen, der sie allerdings entfernte, als ihre Haltlosigkeit klar wurde. "Das ist genau, wo die Gefahr liegt: Fake News haben die Glaubwürdigkeit des Verbreiters, nicht der ursprünglichen Quelle. Und 'Ria Novosti' hat der Story den Anschein der Wahrheit verliehen". 

Wie soll man Fake News bekämpfen?

Neben der Propaganda aus dem russischen Dunstkreis kursieren ungezählte Fake News, weil manche Leute solche Websites wegen der Werbeeinnahmen betreiben. Um sie zu identifizieren, erklärt Nimmo, muss man die Beweise suchen und von der Quelle her Schritt für Schritt den Weg einer Meldung nach verfolgen. "Es ist eine ernsthafte Anschuldigung, Fake News zu verbreiten. Das muss man beweisen können". Inzwischen haben schon mehrere europäische Regierungen, etwa in Berlin und in Paris, eigene Arbeitsgruppen dagegen eingerichtet.

Screenshot cgsmonitor.com (cgsmonitor.com)

Der selbsternannte Thinktank "Center for Global strategic Monitoring" verleiht der Fake-Geschichte weiteres Gewicht

Im Prinzip aber, meint Ben Nimmo, könne jeder auf die Jagd nach Fake News gehen, der sich im Internet auskennt. "Man muss kein Meister der Technologie sein, sondern nur Zeit haben, die Social Media kennen und wie sie zusammen arbeiten - und dann kann das jeder".

Zwar brauche man durchaus Experten, die schwierige und eklatante Fälle aufklärten, aber sie müssten auch interessierte Bürger in der Kunst der Aufdeckung unterrichten. Je mehr Leute sich damit befassten, desto besser werde die Aufklärungsrate und desto mehr schwinde die politische Wirkung der Fake News. Und noch ein Rat vom Fachmann: "Der Schlüssel ist die Emotion. Wenn eine Nachricht an deine Gefühle appelliert, Wut oder Ablehnung hervorruft, statt an deinen Verstand, dann sollte man sie überprüfen".

Feinde Europas

"Die Gefahr bei der Sache ist", analysiert Marc Pierini von Carnegie Europe, "dass die Regierungen einiger Länder die EU unterminieren wollen. Russland ist hier das wichtigste Beispiel, aber auch die Türkei macht mit". Und wenn jetzt noch die US-Regierung mit eigenen, zweifelhaften Meldungen dazu komme, werde die Lage davon nicht besser.

"Russland setzt eine Menge Leute und Geld ein, um Fake News zu zirkulieren, da können die EU und die Mitgliedsländer nicht mithalten." Also müssen alle mithelfen, die Medien und die Zivilgesellschaft, und besonders vor Wahlen aufmerksam sein". Denn diese moderne Form der Propaganda sei für einige Regierungen ein politisches Instrument geworden.

Den Strom von Fake News aus russischen Quellen findet Marc Pierini dabei nicht einmal so bedrohlich."Was ich fürchte sind die Meldungen, die vom Front National in Frankreich, von Orban in Ungarn und anderen kommen, die Russland nahe sind oder von dort finanziert werden. Sie erzählen den Leuten zum Beispiel, dass es ihnen außerhalb der EU und ohne Euro besser gehen würde. Und weil die traditionellen linken oder konservativen Parteien eine entwertete Währung sind, liegt da die wirkliche Gefahr".

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