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Deutschland

Die Islam-Konferenz braucht Zeit

Der Versuch einer Institutionalisierung des Dialogs zwischen Muslimen und dem deutschen Staat ist von seinem Ziel noch weit entfernt. Andererseits besteht der Fortschritt darin, dass überhaupt ein Dialog gestartet wurde.

Symbolbild Kommentar

Dass die Teilnehmer der zweiten Runde der deutschen Islam-Konferenz bei allen noch offenen Streitfragen den eingeleiteten Dialogprozess fortsetzen und zum Erfolg führen wollen, ist das erste und sehr wichtige positive Ergebnis. Was sich an Problemen, Integrationshemmnissen und gegenseitigen Vorurteilen seit Jahrzehnten aufgestaut hatte, konnte nicht innerhalb von wenigen Monaten gelöst werden. Wunder wurden nicht versprochen und auch nicht erwartet. Ein Zeitraum von zwei bis drei Jahren ist pragmatisch und realistisch.

Den säkularen Staat, auf der Basis des in Deutschland geltenden Grundgesetzes, zweifelsfrei als gemeinsamen Nenner festzuschreiben - das immerhin war eine der ersten und grundlegenden Aufgaben, die das Gremium aus Vertretern des deutschen Staates und der in Deutschland lebenden Muslime zu lösen hatte.

Abbau von Vorurteilen

Die Aufgaben der untergeordneten Arbeitsgruppen umfassen nunmehr vor allem die Bemühungen um das Verständnis und eine zweifelsfreie Anerkennung der deutschen Gesellschaftsordnung, nebst dem dazugehörigen Wertekonsens sowie die Beantwortung von Religionsfragen im Einklang mit dem deutschen Verfassungsverständnis.

Die Rolle von Wirtschaft und Medien beim Abbau von Vorurteilen und das heikle Gebiet Sicherheit und Islamismus sind zwei weitere Themenfelder über die die Gesprächskreise bei ihren turnusmäßigen Zusammenkünften debattieren wollen und um Empfehlungen für das Plenum der Islam-Konferenz ringen werden.

Dachverband nicht anerkannt

Die Auseinandersetzung um den Status des von vier führenden islamischen Dachverbänden gebildeten Koordinierungsrates der Muslime zeigt, welch langer Weg noch zu beschreiten ist. Die von diesem Koordinierungsrat gewünschte Anerkennung als die Vertretung aller Muslime und damit der geforderte Status als Religionsgemeinschaft wurde von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble verweigert. Berechtigterweise, denn eine Organisation,
die nur zehn Prozent aller in Deutschland lebende Muslime als Mitglieder aufführt, kann keinen Anspruch auf die Vertretung aller Muslime bei so heiklen Fragen wie Religionsunterricht in deutschen Schulen erheben.

Das Argument, die katholische Kirche vertrete alle Katholiken und damit auch die, die keine Kirchenmitglieder seien, steht auf tönernen Füßen. Denn abgesehen von kleineren Gruppen die extrem religiös sind oder solchen, die im Gegenteil Religion eher als kulturelles Beiwerk betrachten, repräsentiert die katholische Kirche eine erheblich ernster zu nehmende Größe. Bei den Moslems aber kann nicht ein Koordinierungsrat für sich beanspruchen, alle Muslime zu vertreten, wenn nur 350.000 von insgesamt mehr als 3,5 Millionen Menschen Mitglieder in den darin vertretenen islamischen Organisationen sind.

Zudem können 500.000 Aleviten und 200.000 Schiiten nicht einfach ignoriert und unter den Teppich gekehrt werden, auch wenn die in Deutschland lebenden Muslime überwiegend der sunnitischen Glaubensrichtung angehören.

Hoher Symbolwert

Es ist zu begrüßen, dass die einzelnen deutschen Bundesländer jetzt nach ernsthaften Ansprechpartnern unter den Migranten suchen, um auch deren Perspektive bei landespolitischen Entscheidungen zu berücksichtigen. Es ist zu begrüßen, dass die bislang mangelnde Integrationsbereitschaft bestimmter Migrantengruppen gefördert wird. Es ist zu begrüßen, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft den Migranten mit und ohne deutschen Pass auf diesem Wege entgegenkommt und damit Raum für mehr kulturelle Vielfalt in Deutschland schafft.

Auch wenn 3,5 Millionen Muslime nur vier Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands ausmachen: Der Umgang mit ihnen entscheidet auch über das Ansehen Deutschlands als ein weltoffenes, tolerantes und zur Anerkennung der spirituellen Gleichberechtigung einer monotheistischen Religion fähiges Land. Die Deutsche Islam-Konferenz ist dabei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

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