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Afrika

Die Invasion der Kaudroge Khat

Immer wieder beschlagnahmt die deutsche Polizei bei Fahrzeugkontrollen die Kaudroge Khat. Allein im letzten Jahr über 24 Tonnen. Obwohl Khat in Deutschland fast nur von ostafrikanischen Migranten konsumiert wird.

Zollbemater zeigt zwei Bündel der Modedroge Khat (Foto: dpa)

Beschlagnahmt: Zwei Bündel Khat

Eine Gruppe von zehn ostafrikanischen Männern sitzt im Hinterzimmer eines Lokals in Köln. Jeder hält ein handgroßes Bündel hellgrüner Zweige in der Hand, rupft daraus bedächtig einzelne Blätter und steckt sie sich in den Mund. Kurz zerkaut wandern die Blätter in eine Wangentasche und bilden dort nach und nach eine golfballgroße Kugel.

Wir befinden uns in einem improvisierten Merfesh, einem Raum, in dem die Kaudroge Khat konsumiert wird. Der Khatstrauch wird hauptsächlich in Südarabien und Ostafrika angebaut. Der Konsum der Kaudroge ist dort gesellschaftlich akzeptiert.

Die Männer nehmen in regelmäßigen Abständen einen Schluck aus ihren Colaflaschen, um den bitteren Geschmack der Blätter auszugleichen. Fast alle rauchen Zigaretten, da Nikotin die Wirkung der Droge verstärkt.

Die Runde ist gesellig. Die Männer reden laut und viel. Es wird oft gelacht. Nur zwei sitzen etwas abseits und gucken apathisch auf den Boden. Der Konsum von Khat wirkt anregend. Er macht fröhlich und redselig und unterdrückt Müdigkeit und Hunger. Khatblätter werden deshalb gerne bei geselligen Zusammenkünften gekaut. Das geht oft bis zum Morgen so.

Angst vor der Öffentlichkeit

In den traditionellen Herkunftsländern ist der Konsum Khat legal und sozial akzeptiert. (Hasan Jamali)

Legal: Khat-Handel im Jemen

Auf die Frage hin, ob jemand ein Interview zum Khatkonsum geben könnte, verstummt die Runde. Einige verlassen mit langsamen Bewegungen den Raum. Aber auch diejenigen, die bleiben, möchten nichts dazu sagen. Sie beherrschten die deutsche Sprache nicht, ist die häufigste Ausrede.

Das Misstrauen ist berechtigt, denn Besitz und Handel von Khat sind in Deutschland seit 1998 strafbar. Die Ostafrikaner haben Angst. Ein Außenstehender könnte sie an die Polizei verraten. Schwierigkeiten mit dem Gesetz will hier aber keiner, am allerwenigsten der Betreiber des Lokals.

Dem fällt nach mehrmaligem Hin und Her der Name eines deutschen Konsumenten ein. Soll er doch das Interview geben! Immerhin ist er der deutschen Sprache mächtig. Und außerdem ist er hier zuhause, er kann also etwas mehr riskieren.

Nur wenige deutsche Konsumenten

Und tatsächlich, der deutsche Konsument ist auskunftsbereit. Da er allerdings anonym bleiben will, nennen wir ihn Jochen. Jochen hat die Pflanze vor zwei Jahren in Äthiopien kennengelernt. Er hat in der Stadt Jijiga im Südosten als Entwicklungshelfer gearbeitet.

Ein khatkauender Kenyaner mit der typischen, mit Khatblättern, gefüllten Wange. (Foto:ap)

Genussvoll: Khat-kauender Kenianer

In Jijiga kauen so gut wie alle Männer Khat. Jochen wurde die Kaudroge von seinen Gastgebern angeboten. "Es ist ein Teil der Gastfreundschaft, seinen Gästen Khat anzubieten und es gehört zum Respekt mitzukauen." Doch Jochen lehnte anfangs ab. Zu groß war seine Angst vor dem unbekannten Kraut.

Erst beim dritten Besuch fasste er Mut und probierte die Droge. "Am Anfang schmeckt es bitter. Aber ungefähr 45 Minuten später wird man sehr aufgeweckt und redselig und fühlt sich gut." Jochen kann das Verbot von Khat in Deutschland nicht verstehen. Für ihn ist es wie eine Mischung aus Zigaretten und Kaffee.

Doch so harmlos wie Kaffee ist das Kauen der Khatblätter nicht. Der Dauerkonsum kann zu Schlafstörungen, Mattigkeit, Schäden der Mundschleimhäute und Impotenz führen. Die Hauptwirkstoffe Cathinon und Cathin entwickeln bei den Konsumenten eine schwache psychische Abhängigkeit. Deshalb ist Khat in Deutschland verboten.

Keine Modedroge

Um seinen Weg trotzdem zu den Konsumenten zu finden, wird Khat aus den Niederlanden nach Deutschland geschmuggelt. Dort ist die Pflanze legal. Sie wird täglich mit dem Flugzeug aus den Anbaugebieten in Kenia eingeflogen. Denn Khat verliert nach dem Pflücken innerhalb von kurzer Zeit seine berauschende Wirkung.

Nach Angaben des Bundeskriminalamtes werden in Deutschland hauptsächlich somalische Schmuggler festgenommen. In den letzten Jahren haben die beschlagnahmten Mengen immer weiter zugenommen. Zuletzt waren es 20-30 Tonnen jährlich. Das meiste sei für die skandinavischen Länder bestimmt, wo eine große ostafrikanische Gemeinde lebt. Die Polizei geht nicht von einem nennenswerten Konsummarkt in Deutschland aus.

Das deckt sich mit Jochens Erfahrung. Als Deutscher sei es für ihn sehr schwierig, Khat zu bekommen. Denn die Somalier seien sehr zurückhaltend. Sie haben Angst, als Drogendealer gebrandmarkt zu werden. Wer keine ostafrikanischen Freunde hat, der bekommt nichts.

Autor: Bachir Amroune

Redaktion: Klaudia Pape