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Wirtschaft

Die Infrastruktur als Schlüssel zum Wachstum

Chinas Wirtschaft hinkt schon länger den einst glorreichen Wachstumszahlen hinterher. Womit das Wachstum gefördert werden könnte, dazu äußert sich mit Yu Yongding einer der Top-Ökonomen Chinas im DW-Interview.

DW: Wie steht es augenblicklich um die chinesische Wirtschaft?

Yu Yongding: Chinas Wirtschaft steht vor großen Herausforderungen. Das Wirtschaftswachstum verlangsamt sich seit 2010. Wir hatten gehofft, diese Entwicklung würde sich irgendwann verlangsamen und die Wirtschaft wieder schneller wachsen, aber leider ist das nicht der Fall. Zurzeit stellt sich eher die Frage, ob sich die chinesische Wirtschaft auf dem gegenwärtigen Niveau stabilisieren wird. Wir sind nicht sicher, ob das gelingt, aber es gibt einige Maßnahmen, die die Regierung ergreifen kann, um den Abwärtstrend zu stoppen.

Dabei muss berücksichtigt werden, dass sich Chinas Wirtschaft in einer Übergangsphase befindet. In früheren Jahren waren Investitionen und Export die Wachstumstreiber. Eine solche Wirtschaftsstruktur ist aber nicht nachhaltig, daher müssen wir etwas ändern. Wir müssen den Konsum und die heimische Nachfrage stützen. Das ist eine große Veränderung und solche Umwälzungen sind häufig begleitet von Übergangsphasen, in denen sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt.

Beispielsweise investieren wir weniger in den Immobilienmarkt. Wenn dabei das Wachstum nicht zurückgehen soll, muss im privaten Bereich entsprechend mehr konsumiert werden. Unglücklicherweise ist der Konsum aber eine endogene Variable. Auf ihn hat die Politik nur einen begrenzten Einfluss, da die meisten Konsumenten ihre Entscheidungen unabhängig von der Politik treffen. Während Investitionen, insbesondere in den Immobilienmarkt, im vergangenen Jahr dramatisch fielen, von 40 auf ein Prozent, ist der Konsum um 10 Prozent gewachsen. So wird der negative Effekt des Investitionsrückganges nur zum Teil ausgeglichen. Außerdem ist auch noch die Weltwirtschaft eingebrochen.

Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten mit dieser Situation umzugehen. Eine ist, alles zu tun, um den Konsum anzuregen. Möglicherweise war die chinesische Regierung dazu aber nicht im ausreichenden Maße in der Lage.

Die chinesische Regierung sollte also stärker in das Wirtschaftsgeschehen eingreifen?

Nein. Ich meine, die chinesische Regierung sollte viele Reformen schneller umsetzen. Wenn beispielsweise das Rentensystem reformiert und das Bildungssystem so gestaltet wird, dass arme Leute davon besser profitieren, dann wird auch mehr konsumiert - aber das braucht Zeit.

Außerdem wurde in China zu viel in Immobilien investiert, es wurden zu viele Ressourcen dafür verwendet, Häuser, Eigentumswohnungen, Fünf-Sterne-Hotels oder Wolkenkratzer zu bauen. Gleichzeitig ist China aber immer noch ein armes Land. Daher gibt es viele Bereiche, in die China investieren könnte, beispielsweise in die Infrastruktur.

Warum wird das nicht getan?

Jetzt und auch während der weltweiten Finanzkrise wurde in solche Bereiche investiert. Da die Regierung aber einen gewaltigen Wachstumsrückgang fürchtete, hat sie übereifrig Infrastruktur-Konjunkturpakete geschnürt, von denen viele nicht gut durchdacht waren. So wurde viel Geld verschwendet. Dadurch haben Infrastrukturinvestitionen zur Ankurbelung der Wirtschaft ein schlechtes Stigma bekommen. Jetzt muss die Regierung die Menschen davon überzeugen, dass die Richtung grundsätzlich richtig ist, trotz der Fehler, die gemacht wurden. Wir brauchen Investitionen in die Infrastruktur - und davon werden nicht nur die armen Menschen profitieren. Die Investitionen werden auch dazu beitragen, die Wirtschaft zu stabilisieren. Ich denke, wir sollten die Regierung davon überzeugen, eine expansive Fiskalpolitik zu betreiben.

Wie reagieren Regierungsmitglieder auf ihre Vorschläge?

Wir haben mit Regierungsmitgliedern gesprochen und ich denke, solche Gespräche werden einen gewissen Einfluss auf die Entscheidungsfindung haben. Zurzeit betreibt die Politik Fiskalpolitik zur Wachstumsförderung und bemüht sich, ein Gleichgewicht zu finden, zwischen der Reform vieler Institutionen und den strukturellen Anpassungen, die es derzeit gibt. Dafür wird in diesem Jahr ein Haushaltsdefizit von 3 Prozent in Kauf genommen -nach einem Defizit von 2,4 Prozent im vergangenen Jahr. Im nächsten Jahr könnte das Defizit noch höher ausfallen.

Welche Wachstumsraten für China erwartet Sie in den nächsten fünf Jahren?

China kann vielleicht das Wachstumsziel von sechs Prozent beibehalten, aber Chinas Regierungsmitglieder und Ökonomen sind sich einig, dass die potentielle Wachstumsrate eher bei sechseinhalb Prozent liegen sollte.

Wenn der Konsum so entscheidend ist, wie kann er stimuliert werden?

Man sollte die Wohnsituation verbessern, vor allem bezahlbare Wohnungen für viele junge Menschen schaffen. Dafür treibt die Regierung entsprechende Projekte voran und versucht, um die 10 Millionen Wohneinheiten pro Jahr zu bauen. Das ist sehr wichtig.

Die Regierung versucht außerdem, das Gesundheitssystem zu verbessern. Über die Krankenversicherung in China ist jeder Chinese versichert, aber sie ist nicht kapitalkräftig. Bei einem besseren System müssten die Menschen nicht mehr viel Geld zur Seite legen, um sich für medizinische Notfälle abzusichern. Zusätzlich versucht die Regierung das Rentensystem zu verbessern.

Aber China ist ein riesiges Land und die Reformen stellen große Herausforderungen dar. Da wir nicht erwarten, dass der Konsum wie durch ein Wunder über Nacht ansteigt, bleiben Investitionen in die Infrastruktur der beste Weg, um die Wirtschaft zu fördern.

Wir brauchen ein besseres Sozialhilfesystem und wir brauchen moderne Versorgungssysteme in den Städten. Beispielsweise ist die Abwasserentsorgung oft nicht gut und wir müssen die sanitären Bedingungen im ländlichen Raum verbessern. Selbst fließendes Wasser ist ein Problem. All das wird riesige Geldsummen verschlingen, aber wenn wir solche Projekte sorgfältig gestalten und sie über ein höheres Staatsdefizit finanzieren, dann sollte das die Wirtschaft stabilisieren können.

Yu Yongding gilt al seiner der führenden Ökonomen in China. Er ist Mitglied des außenpolitischen Beratungsausschusses des Außenministeriums, außerdem Mitglied der National People´s Political Consultative Conference (NPPCC).

Das Gespräch führte Manuela Kasper-Claridge.

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