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Europa

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Auch nach dem Scheitern des Eurogruppen-Treffens zum Schuldenstreit mit Griechenland hoffen viele Griechen auf eine Kompromisslösung in letzter Minute. Trotzdem heben sie immer mehr Geld von ihren Konten ab.

Pokern sie noch oder verhandeln sie schon, die Euro-Finanzminister und die griechische Regierung? Über diese Frage wird auch in Hellas heftig gemunkelt. In Mitteleuropa herrscht die Meinung vor, der Athener Finanzminister Yanis Varoufakis sei für den jüngsten Eklat beim Treffen der Euro-Finanzminister am Montag in Brüssel verantwortlich. Dagegen verbreiten viele griechische Journalisten ihre eigene Version dieser Geschichte: Eigentlich habe sich Varoufakis bereits am frühen Nachmittag mit einem von EU-Währungskommissar Pierre Moskovici verfassten Kompromissentwurf einverstanden erklärt. Doch dieser Entwurf sei in letzter Minute willkürlich geändert worden, worauf der Athener Regierung keine andere Wahl geblieben sei, als die Gespräche platzen zu lassen.

Brüssel, Eurogruppe: IWF-Chefin Christine Lagarde, Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis (Foto: Reuters)

Sie können auch miteinander lachen: Währungsfonds-Chefin Lagarde und Athens Finanzminister Varoufakis

Varoufakis selbst erklärte am Dienstag, auf der Grundlage des Moskovici-Papiers könne man innerhalb von 48 Stunden zu einer Einigung kommen. Ob das so einfach ist, kann derzeit niemand sagen. Jedenfalls hätten die Griechen das Gefühl, dass nach fünf quälenden Rezessionsjahren ein "Weiter so" fatal wäre, mahnt Nikolas Voulelis, Direktor der linksliberalen "Zeitung der Redakteure" im Gespräch mit der DW. "Viele Menschen hierzulande haben in den vergangenen Jahren nur Armut und Arbeitslosigkeit erlebt. Für sie klingt es fast wie ein Hohn, wenn man ihnen vom angeblichen Wirtschaftswachstum vorschwärmt", erklärt der Journalist. Für die Mehrheit der Griechen sei es nur konsequent, wenn die neue Linksregierung Änderungen am Sparprogramm aushandelte und vor allem bestimmte Sparauflagen abschaffte, die nicht zielführend seien. Voulelis legt bei diesen Ausführungen besonderen Wert auf die Feststellung, dass seine eigene Zeitung keiner politischen Partei nahe steht.

Run auf Geldautomaten: Abstimmung mit den Füßen

Laut jüngsten Umfragen sind über 80 Prozent der Griechen zufrieden mit der selbstbewussten Politik ihrer neuen Regierung gegenüber den internationalen Gläubigern. Bei der Sonntagsfrage kommt die regierende Linkspartei Syriza derzeit auf über 45 Prozent und verbucht damit einen deutlichen Zugewinn gegenüber der vorangegangenen Parlamentswahl. Andererseits: Immer mehr Griechen holen ihr Geld von der Bank, als hätten sie kein Vertrauen mehr in die Politik eben jener Regierung. Nach Informationen der Athener Tageszeitung "Kathimerini" heben die Menschen in Hellas jeden Tag mindestens 200 Millionen Euro ab.

Ist das alles nicht widersprüchlich? Eigentlich schon, meint Nikolas Voulelis, aber man müsse halt die menschliche Psyche verstehen: Viele Griechen hätten Angst vor einer Zwangsbesteuerung der Bankeinlagen, wie sie 2013 in Zypern eingeführt wurde. Im Übrigen sei es nur die gehobene Mittelschicht, die ihre Ersparnisse abhebt. Viele Durchschnittsverdiener hätten kein Geld mehr auf der Bank, und die wirklich Reichen machten sich ohnehin keine Sorgen. Der Journalist fügt hinzu: "Ich kenne Leute, die vielleicht 100.000 oder 200.000 Euro auf der Bank haben, und die liegen genau im kritischen Bereich. Die denken sich: Lieber verschenke ich sofort zehn Prozent meiner Bankeinlagen an Gebühren und Steuern, damit ich das Geld nach London bringe, als dass ich später vielleicht 50 Prozent meiner Einlagen durch eine Zwangsabgabe verliere."

Griechenland: Eurobank (Foto: dpa/picture alliance)

Kein Vertrauen: Viele Griechen plündern ihre Konten

Der Politikberater Lefteris Kousoulis hat eine andere Erklärung für diese "Abstimmung mit den Füßen" parat: Das ambivalente Verhalten vieler Sparer, die einerseits der Regierung mit Freude applaudieren, aber andererseits ihr eigenes Geld vom Konto abheben, zeuge von einem wenig ausgeprägten Sinn für das Gemeinwesen in Griechenland. "Diese Menschen sind noch nicht ganz in der Realität angekommen und legen ein unreifes Verhalten an den Tag. Sie wollen sowohl ihren Stolz als auch ihre Sicherheit, sie wollen einfach alles", moniert der Politikwissenschaftler gegenüber der DW.

Kompromisslosigkeit oder "kreativer Rückzug"

Kousoulis ist allerdings der Auffassung, dass viele Griechen sich der Tragweite ihres Verhaltens und der Verantwortung dafür noch nicht ganz bewusst sind. Das könne sich durchaus ändern in den nächsten Tagen. "Verinnerlichung der realen Umstände" nennt der Politikwissenschaftler diesen Lernprozess, der aus seiner Sicht zu einem "kreativen Rückzug" führe und dadurch die Suche nach einem vernünftigen und realistischen Kompromiss erleichtere.

Das sieht Nikolas Voulelis anders. Der Bruch mit den Gläubigern ist aus seiner Sicht nicht das wahrscheinlichste Szenario. Aber man könne eben nichts ausschließen, falls Ministerpräsident Alexis Tsipras mit dem Rücken zur Wand stehe. Die EU-Partner und insbesondere Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble müssten auch mal einen Schritt zurückgehen, fordert der Athener Analyst: "Niemand in Griechenland glaubt im Ernst, dass sich die jeweiligen Standpunkte in der Mitte treffen, aber Tsipras müsste schon das Gefühl haben, dass er, sagen wir, mal 20 Prozent seiner Forderungen durchgesetzt bekommt."

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