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Wissen & Umwelt

Die Hoffnung der Wissenschaft liegt im Auge

Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz. Die Patienten verlieren zunächst ihr Gedächtnis, zum Schluss ihre Persönlichkeit. Eine frühe Diagnose der Krankheit ist schwierig - das Auge könnte bald dabei behilflich sein.

Ein Auge (Foto: Bilderbox)

Die Netzhaut könnte demnächst Alzheimer aufdecken

Experten rechnen in den nächsten Jahren mit einer wahren Explosion der Fallzahlen: Wegen der Alterung von Gesellschaften ist eine Verdopplung, sogar eine Vervierfachung der Demenzkranken bis 2050 nicht ausgeschlossen. Schon jetzt leiden weltweit 25 Millionen Menschen an der Krankheit Alzheimer - der häufigsten Form der Demenz. In Deutschland gibt es derzeit rund eine Million Patienten. Für jeden Einzelnen ist die Diagnose eine Katastrophe, eine Heilung gibt es nicht. Doch eine Forschergruppe aus München gibt Anlass zur Hoffnung. Dabei soll der Blick ins Auge des Patienten reichen.

Prof. Dr. Jochen Herms Zentrum für Neuropathologie Ludwig Maximilians Universität (Foto: privat)

Visionär - ohne es direkt zu wollen: Jochem Herms

Hinter dieser Vision steckt der Münchener Neuropathologe Professor Jochen Herms vom Institut für Neuropathologie und Prionenforschung. Doch als Visionär oder Hoffnungsträger sieht sich Herms nicht, denn die Suche nach Antworten ist sein Job. Es gebe 20.000 bis 30.000 Forscher weltweit, die nach derselben Antwort suchten - nach dem "einen wesentlichen Baustein" zur Behandlung oder zur Diagnose von Alzheimer, sagt Herms.

Wenn das Hirn kleiner wird

Im Gehirn eines Alzheimer-Patienten verklumpen außerhalb und innerhalb von Nervenzellen die körpereigenen Eiweiße Beta-Amyloid und Tau. Warum ist noch unklar. Die Eiweißklumpen beeinträchtigen lebenswichtige Zellfunktionen und behindern die Kommunikation der Nervenzellen untereinander. Die Folge: Gehirnzellen sterben ab, das Hirn schrumpft - je nach Schwere der Erkrankung um bis zu 20 Prozent. Das Gedächtnis der Patienten wird zerstört, sie verändern ihr Wesen, verlieren das Gefühl für Raum und Zeit, das alltägliche Leben ist nicht mehr zu bewältigen. Am Ende verliert der Patient komplett seine Persönlichkeit, der Kranke ist ein Pflegefall.

Gehirn mit Leitungen (Foto: Fotolia/Peter Eggermann)

Die menschliche Schaltzentrale - bei Demenz schrumpft sie

Die Medizin konnte bisher nicht wirklich helfen. Schon die Diagnose ist ein Problem: Es dauert bis zu 20 Jahre, bis sich Vergesslichkeit und Verwirrtheit als die ersten typischen Anzeichen einer Demenz zeigen - so lange kann das Gehirn den Zellverlust oft noch kompensieren. Doch dann ist es häufig schon zu spät: Ein Drittel der Gehirnzellen kann bereits zerstört sein. Die Krankheit ist nach dem heutigen Stand der Forschung in diesem Moment nicht mehr aufzuhalten. Medikamente, die Heilung versprechen, gibt es bisher ebenso wenig wie Methoden zur Frühdiagnose.

Frühere Diagnose - kostenintensiv, wenig erfolgreich

Herms ist mit seinem 20-köpfigen Forscherteam nun dabei, dies zu ändern. Bisher brauchte man aufwendige, teure Magnetresonanztomographien oder nuklearmedizinische Verfahren, aufwühlende Gespräche mit Angehörigen und belastende Testreihen, um Alzheimer zu diagnostizieren. Zukünftig soll eben nur ein einfacher Blick ins Auge reichen. Herms' These: In der Netzhaut von Alzheimer-Patienten lassen sich krankhafte Veränderungen feststellen. Diese wiederum lassen Rückschlüsse auf die entsprechenden Vorgänge im Gehirn zu - und zwar lange bevor die typischen Alzheimer-Symptome auftreten. Die Krankheit soll dann behandelt werden, noch ehe es zu irreversiblen Schäden kommt.

Alois Alzheimer, Psychiater und Neuropathologe, der als erster die Demenzerkrankung beschrieb (Foto:

Er beschrieb als erster eine Demenzerkrankung, der deutscher Psychiater und Neuropathologe Alois Alzheimer

Herms versucht derzeit den Zusammenhang zwischen den Veränderungen in Netzhaut und Gehirn nachzuweisen und zu beschreiben. Experimentiert wird an Gehirn- und Netzhautproben verstorbener Alzheimer-Patienten und an gentechnisch veränderten Alzheimer-Mäusen.

Gemeinsam gegen die Krankheit

Parallel dazu läuft am Clemens-Schöpf-Institut der Technischen Universität Darmstadt die Suche nach so genannten Sonden-Farbstoffen, die Veränderungen in der Netzhaut erkennbar machen sollen. Eine klinische Studie an der Augenklinik der Universität Jena untersucht die Veränderungen der Netzhaut von Alzheimer-Patienten, bei denen die Erkrankung bereits fortgeschritten ist - und Spezialisten von Carl-Zeiss-Jena entwickeln die notwendigen Netzhaut-Laserscan-Geräte.

Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt und hat einen Umfang von rund drei Millionen Euro. Es finanziert sich komplett aus Fördergeldern, vor allem des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Ende 2011 sollen die Ergebnisse vorliegen - und damit vielleicht Hoffnung für Millionen von Betroffenen.

Autorin: Lydia Heller
Redaktion: Oliver Samson/ Nicole Scherschun

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