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Kultur

Die "Hitler-Glocke" - oder wie geht Deutschland mit dem Hitler-Erbe um

Mehr als 70 Jahre nach Adolf Hitlers Tod finden sich überall in Deutschland noch Überreste seines Wirkens. Sollte man diese Dinge zerstören und verschwinden lassen - oder sollte man sie als Erinnerungsstücke bewahren?

Sigrid Peters ist Organistin in einer 1000 Jahre alten Dorfkirche in Herxheim am Berg, einer kleinen Gemeinde in der Pfalz im Südwesten Deutschlands. Als sie erfuhr, dass eine ihrer Kirchenglocken das Hakenkreuz und die Nazi-Inschrift "Alles fuer's Vaterland Adolf Hitler" trägt, war sie entsetzt: "Das geht nicht, dass ein Kind getauft wird, und da läutet eine Glocke mit solch einer Aufschrift". Das wirke, als ob das Kind dazu bestimmt sei, Kanonenfutter zu werden, sagt die pensionierte Musiklehrerin.

Jahrzehntelang haben sich Paare aus dem hübschen Winzerort Herxheim zu den Klängen dieser Glocke trauen lassen, die 1934 in der Kirche aufgehängt wurde. "Niemand wusste davon", so Sigrid Peters.

Jetzt wissen es alle - und die Diskussionen um die "Nazi-Glocke" hat nicht nur deutschlandweit Fahrt aufgenommen, sondern war international in den Schlagzeilen.

Schlechterer Klang ohne Hakenkreuz?

Bürgermeister Ronald Becker möchte die Glocke dort lassen, wo sie ist: "Wenn etwas gut funktioniert, warum sollte man es ersetzen?" Würde man die Inschrift von der Glocke herunter kratzen, hätte das womöglich Einfluss auf den Klang, argumentiert er. Dies sei eine historische Glocke und das Dorf solle sich seiner Geschichte stellen.

Die Kirche St. Jakob in Herxheim (picture alliance/dpa/U.Anspach)

Der Glockenturm der Kirche St. Jakob hat nun Weltruhm erlangt

Der Herxheimer Historiker Eric Hass veranstaltet Führungen durch das Städtchen und ist der Meinung, dass man Nazi-Symbole unbedingt bewahren solle, solange sie nicht zur Glorifizierung der Hitler-Zeit benutzt werden. So könnten sie als Warnung für zukünftige Generationen dienen. "Wir dürfen unsere finstere Vergangenheit nicht unter den Teppich kehren, beziehungsweise diese verdrängen - das wäre zwar der einfachste, aber meiner Meinung nach der falsche Weg", so der 46-jährige Historiker. "Viele junge Leute wissen heute leider nicht mehr viel über die damalige NS-Zeit in unseren Dörfern." Bei Ortsführungen könnten deshalb historische Gegenstände, wie etwa die sogenannte Herxheimer "Hitler-Glocke" oder andere NS- Relikte verdeutlichen, wie die finstere NS-Zeit damals war. Dies sei viel verständlicher und einprägsamer als trockene Literatur. Hass hat beantragt, eine Informationstafel aufzustellen, die die Geschichte der Glocke erzählt.

Die Herxheimer Kirche ist nur einer von vielen Orten in Deutschland, an denen Spuren der Nazizeit zu finden sind. In der bayerischen Stadt Hof wurde 1939 die Christuskirche eingeweiht. Dort hängt ein Bild, auf dem neben Jesus eine Person steht, die schwarze Stiefel und Züge von Adolf Hitler trägt. Auch hier gab es Kontroversen, doch die Kirche entschied, das Bild hängen zu lassen.

"Nazi-Kirche" auch in Berlin

Die Berliner Martin Luther Gedächtniskirche ist ein besonders prägnantes Beispiel: Sie wurde zwischen 1933 und 1935 erbaut - im Inneren trifft man überall auf Nazi-Ikonografien. In einem Holzrelief steht hinter Jesus ein frommer Wehrmachtssoldat. An der Decke hängt ein Kandelaber, verziert mit einem Eisernen Kreuz. Auf Kacheln ist der Reichsadler neben flötenden Engeln abgebildet. Eine eher unheilige Allianz zwischen evangelischem Christentum und Deutschtum.

 Martin-Luther-Gedächtniskirche, Kronleuchter mit Eisernem Kreuz an der Decke der Kirche (DW/D. Crossland)

Im Eingangsbereich hängt das Eiserne Kreuz

Nach dem Ende des Dritten Reiches wurden immerhin die Hakenkreuze entfernt. Doch die beklemmende Atmosphäre bleibt. Noch immer finden hier religiöse Veranstaltungen statt. Die Gemeinde scheint es nicht zu stören. Es ist eben die Kirche dieser Gemeinde, der Ort, an dem man sich versammelt.

Aufmerksam wurde die Öffentlichkeit erst, als der Turm der Kirche baufällig geworden war und dringend saniert werden musste. Und dann begann auch hier die Diskussion darum, wie man mit der Bilderwelt im Innenraum umgehen sollte. 

Wenn es keine Augenzeugen mehr gibt...

Pfarrerin Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), würde keinen Gottesdienst in dieser Kirche feiern, wenn der Innenraum weiter so belassen wird. Sie ist an der Neukonzeption des Kircheninneren beteiligt: "Wir werden weiterhin die Kirche für Gottesdienste nutzen, aber unter der Bedingung, dass es bestimmte bauliche Veränderungen gibt. Es soll eine Art Mischnutzung geben, sie soll in Zukunft mehr als Veranstaltungs- und Ausstellungsort genutzt werden." 

Ein Raum-in-Raum-Konzept soll entwickelt werden: Im Inneren soll es eine riesige transparente Ebene geben, die die Nazi-Bilder vom Betrachter symbolisch trennt, doch weiterhin einen Blick darauf zulässt. "Wir wollen es bewahren. Denn wir können uns nicht von der Geschichte lösen", so Marion Gardei. "Wir leben in einer Zeit, in der wir kaum noch Augenzeugen haben, die uns über die Nazi-Zeit berichten können. So werden solche Plätze immer wichtiger. Sie können sicher keine Augenzeugen ersetzen, aber in gewisser Weise sind sie ja auch Zeitzeugen."

Johannes Tuchel, Politikwissenschaftler und Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, sieht den historischen Wert alter Nazi-Symbole eher skeptisch: "Meines Erachtens sind diese Relikte nicht wichtig, es ist hinlänglich bekannt, dass es Anpassungsprozesse in der Kirche im Nationalsozialismus gab, das ist wahrhaftig nichts Neues. Um das zu zeigen, braucht man dieses Zeug nicht."

Keine Kasernen mehr mit Nazi-Namen

Ähnliche Debatten gibt es in ganz Deutschland. Hitlers Vermächtnis bleibt allgegenwärtig in Kirchen - selbst im berühmten Kölner Dom, seines Zeichens Weltkulturerbe, findet man Steine mit Hakenkreuzen. Das Gleiche gilt für öffentliche Gebäude, Straßennamen und alte Militäreinrichtungen.

Deutschland Lent-Kaserne in Rotenburg/Wümme (picture-alliance/dpa/I. Wagner)

Benannt nach Oberst Helmut Lent, Nachtjäger der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen ordnete in diesem Jahr an, dass Kasernen, die immer noch die Namen von Wehrmachtsoffizieren tragen, umbenannt werden sollen. Damit solle klargestellt werden, dass die Bundeswehr nicht in der Tradition der Wehrmacht stehe, so die Ministerin.

Auch Schulen und Straßennamen, die an Nazi-Größen erinnern, geben Zündstoff für Diskussionen. 2014 wurde die letzte "Wernher von Braun-Schule" umbenannt. Von Braun hatte die V2-Rakete erfunden, die im Zweiten Weltkrieg von den Nazis eingesetzt wurde, und Tausende Menschen tötete.

Göring-Glocke in Nordfriesland

Im norddeutschen Tümlauer-Koog musste der Bürgermeister 2011 eine Glocke von einer Gedenkstätte für im Zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten entfernen lassen. Die Glocke war dem Reichsmarschall und Hitlers rechter Hand, Hermann Göring, gewidmet und mit Hakenkreuzen verziert. 2008 war die Gedenkstätte errichtet worden, mit einer Texttafel, die schon im ersten Satz für Irritationen sorgt: "Seit 1933 herrscht die NSDAP", lautet er.

Weiter heißt es auf der Tafel, man folge der Ideologie der NSDAP und ihrer Blut-und-Boden-Mentalität heute nicht mehr, aber man müsse sie "akzeptieren als eine Phase unserer Geschichte". Kein Wort von den Naziverbrechen, kein Wort darüber, dass Göring für die Einrichtung der ersten Konzentrationslager verantwortlich war und die "Endlösung der Judenfrage" angeordnet hatte.

Erst als 2011 ein Urlauber genauer hingeschaut und sich beschwert hatte, kam Bewegung in die Sache. Der damalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen sorgte schließlich dafür, dass die Glocke entfernt wird.

Mahnstein vor dem Geburtshaus Hitlers in Braunau (picture-alliance/dpa/M. Röder)

Ein Gedenkstein aus dem ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen steht als Mahnmal vor Hitlers Geburtshaus

Streit um Hitlers Geburtshaus in Braunau

Auch unsere österreichischen Nachbarn müssen sich mit Überbleibseln aus dem Dritten Reich beschäftigen. Etwa mit Hitlers Geburtshaus im Städtchen Braunau: Ist es historisch wertvoll oder ein Schandfleck? Bis 2011 beherbergte das Haus eine Begegnungsstätte für Menschen mit Behinderung - unter den Fittichen der österreichischen Regierung. Als man das Haus behindertengerecht umbauen wollte, wehrte sich die Eigentümerin. Das Parlament in Wien verabschiedete 2016 ein Gesetz, nach dem die Hausherrin enteignet werden soll. Nach monatelangem Rechtsstreit erklärte das österreichische Verfassungsgericht die Enteignung im Juni 2017 für rechtens. Nun soll das Haus so umgebaut werden, dass es seinen Reiz als Anziehungspunkt für Neonazis und andere Rechtsradikale verliert.

Nazisymbole sind gesetzlich verboten

Als die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg damit begannen, Deutschland zu "entnazifizieren", war die oberste Direktive das Verbot sämtlicher Nazisymbole. Um das deutlich zu machen, wurde das gigantische Hakenkreuz auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände im April 1945 gesprengt.

Alle physischen Spuren von Hitlers Präsenz wurden schnellstens eliminiert, um die Nazidiktatur so schnell wie möglich aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen zu löschen. Hitlers Rückzugsort in Obersalzberg in den Berchtesgardener Alpen war der Berghof, wo er auch Staatsgäste empfangen hatte. Die Amerikaner sprengten das Gebäude 1952. Auch Hitlers Reichskanzlei in Berlin wurde vollständig zerstört. Es gab die Order, sämtliche Bunkeranlagen abzubauen. Doch davon gab es zu viele - und sie waren nahezu unzerstörbar. So sind Tausende dieser Anlagen intakt geblieben. Viele von ihnen sind zu Ausstellungsorten und Gedenkstätten umfunktioniert worden, wie etwa der Bunker Vogelsang in der Eifel oder die Anlage in Wewelsburg im Teutoburger Wald.

Während das Verbot von Nazisymbolen im Zusammenhang mit rechter Propaganda fest im deutschen Grundgesetz verankert ist, gibt es historisch gesehen eine Grauzone. Denn Überbleibsel aus der Zeit - Artefakte wie die Glocken etwa - können auch wertvolle Informationen für die Geschichtsschreibung bieten. Und nicht in jedem Fall wird der Gebrauch dieser Symbole bestraft.

Junge Leute wissen erstaunlich wenig

Der Autor und Verleger Wieland Giebel hat die neue Ausstellung"Hitler - wie konnte es geschehen?" in Berlin konzipiert. Ihm und seinen Mitarbeitern wurden von den Besuchern teils haarsträubende Fragen gestellt. Etwa wie Hitler es geschafft habe, nach Argentinien zu fliehen (Hitler war den historischen Fakten nach nie dort). Oder warum der Reichstag direkt neben der Berliner Mauer gebaut wurde (Der Reichstag war zuerst da, die Mauer kam erst 1962).

Gruft Schloss Wewelsburg (Getty Images/J.MacDougall)

Die Krypta das Gedenkortes Wewelsburg, Teil einer Ausstellung über die Verbrechen der "Schutzstaffel" SS

So viel Unwissenheit hat Giebel überrascht. Viele Deutsche interessieren sich nicht mehr für dieses Kapitel ihrer Geschichte - vor allem junge Deutsche scheinen es zu ignorieren. Und das, obwohl die Nazizeit heute im Geschichtsunterricht behandelt wird und in den Medien zahllose spannende Dokumentationen das Interesse wecken sollten. Für Giebel ist es enorm wichtig, dass nichts in Vergessenheit gerät: "Man muss immer wieder daran erinnern, dass diese Nazi-Relikte wie eine alte Familiengeschichte sind. Wenn man ein düsteres Kapitel aus der Vergangenheit unter den Tisch kehren will und es später wieder rauskommt, dann kann es vielleicht zu noch Schlimmerem führen." 

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