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Politik

"Die Hisbollah kann nur Nadelstiche versetzen"

Es gebe deutliche Hinweise, dass der Iran die Hisbollah militärisch unterstützt, sagt Nahost-Experte Jochen Hippler. Militärisch sei die Hisbollah aber keine wirkliche Bedrohung für Israel.

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Raketeneinschlag in Haifa

DW-WORLD.DE: Wie stark ist die Hisbollah militärisch aufgestellt?

Jochen Hippler: Das Problem ist, dass wir Informationen über die militärische Stärke nur indirekt aus westlichen und israelischen Geheimdienstkreisen bekommen. Das heißt, wir können nicht kontrollieren, wie zuverlässig diese Informationen sind. Das muss man berücksichtigen, wenn man über die Hisbollah spricht. Das vorausgeschickt, kann man sagen, dass die Hisbollah zwar ein wichtiger militärischer Faktor innerhalb des Libanons ist, im internationalen Vergleich ist sie aber eher drittrangig. Es gibt schätzungsweise zwischen 2000 und 5000 Milizionäre. Zu diesen sind dann noch einmal zwischen 500 bis 700 besser ausgebildete Militärkräfte dazuzurechnen. Das ist für den Libanon schon eine ganze Menge. Im Vergleich mit Ländern wie Syrien oder Israel ist das aber eine eher unerhebliche Zahl.

Über welche Art von Waffen verfügt die Hisbollah?

Faustfeuerwaffen und Ak47, also Kalaschnikows, sind in der Region Standard. Es gibt Schätzungen, dass die Hisbollah über etwa 8000 bis 10.000 Katjuscha-Raketen verfügen sollen mit ungefähr 20 Kilometer Reichweite und dann einige aus iranischer Bauart stammende Raketen, die teilweise 60, 70 Kilometer Reichweite haben sollen. Das ist aber nicht hundertprozentig belegbar, aufgrund der angesprochenen Quellenlage. Dann gibt es zudem noch offensichtlich Luftabwehrkanonen.

In den vergangenen Tagen war zum Teil auch von einer neuen militärische Stärke der Hisbollah die Rede. Ist diese Aussage gerechtfertigt?

Ich halte das für übertrieben und für propagandistisch. Wenn sie einen Krieg gegen Libanon führen aufgrund zweier entführter israelischer Soldaten ist es natürlich notwendig, diesen Krieg zu rechtfertigen. Die Zerstörungen der libanesischen Infrastruktur damit zu rechtfertigen, dass zwei israelische Soldaten entführt worden sind, ist nicht wirklich überzeugend, auch angesichts der bis zu 10.000 palästinensischen Bürger, die Israel inhaftiert hat. Deshalb ist es notwendig, die Bedrohung der Hisbollah sehr stark zu betonen. Insgesamt kann die Hisbollah aber nicht mehr als Nadelstiche - wenn auch sicherlich schmerzhafte - versetzen.

Sind also Befürchtungen, Tel Aviv könnte von Raketen der Hisbollah getroffen werden, übertrieben?

In Prinzip dürfte Tel Aviv außerhalb der Reichweite sein. Aber wir müssen nachdenken, was wir meinen, wenn wir pauschal von Raketen reden. Es gibt Raketen, wie sie zum Teil in Afghanistan oder auch im Libanon abgeschossen wurden. Die sind selbst gebaut. Die entwickeln nicht mehr Sprengkraft als eine Handgranate oder ein relativ bescheidener Sprengsatz. Das ist, wenn man davon getroffen wird, sicher furchtbar, ist aber strategisch im Kräftegleichgewicht eher symbolisch von Bedeutung. Sie können damit Leute erschrecken und sicher auch töten. Es ist aber nicht zu damit vergleichen, als ob sie jeden Tag 200 Luftangriffe auf den Libanon zu fliegen und androhen, das Land um 20 bis 30 Jahre zurückzubomben. Wenn wir uns den ganzen Nahost-Konflikt ansehen, müssen wir feststellen, dass natürlich sowohl die arabischen als auch israelischen Akteure Blut an den Händen haben. Wenn wir uns aber die derzeitige konkrete Situation im Libanon ansehen, ist ziemlich eindeutig, dass die israelische Position völkerrechtswidrig ist.

Welche Rolle spielt der Iran bei der militärischen Unterstützung der Hisbollah?

Weder der Iran noch die Hisbollah hängen ihre Zusammenarbeit an die große Glocke. Was wir hören, hören wir aus israelischen oder westlichen Geheimdienstkreisen. Demnach scheint Iran tatsächlich die Hisbollah mit Geldmitteln zu unterstützen, das ist unumstritten. Und er scheint auch - dafür gibt es deutliche Hinweise - Waffen und Raketen, die bis zu 70 Kilometer Reichweite haben, geliefert zu haben. Wir können aber nicht wirklich nachweisen, ob die direkt vom Iran kommen oder über andere Zwischenstationen in die Hände der Hisbollah gelangt sind.

Und wie sieht es mit Syrien aus?

Die Rolle Syriens ist unklar. In der Vergangenheit gab es eine sehr starke taktische Unterstützung der Hisbollah durch Syrien. Das ist vielleicht ein bisschen verwirrend, denn die syrische Diktatur ist eigentlich knochensekular und hat mit schiitischem Extremismus nichts zu tun. Dennoch hat man die islamistische Bewegung Hisbollah unterstützt. Politisch hat sich der syrische Präsiden Assad mehr oder weniger auf die Seite der Hisbollah gestellt. Seit dem Abzug der syrischen Truppen aus dem Libanon aber ist nicht ganz klar, ob es nur Großmäuligkeit ist oder mehr dahinter steckt als Verbalradikalismus.

Jochen Hippler lehrt und forscht am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) an der Universität Duisburg-Essen

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