1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Welt

Die Hinweise verdichten sich: Boeing 777 wurde offenbar abgeschossen

Nach dem Absturz einer Passagiermaschine über der Ukraine verdichten sich die Hinweise, dass das Flugzeug von einer Rakete abgeschossen wurde. Die Konfliktparteien in der Region verdächtigen sich gegenseitig.

Für 298 Menschen endete der Flug MH17 der Malaysia Airlines von Amsterdam nach Kuala Lumpur tödlich. Die Bilder der Trümmer und menschlicher Überreste an der Absturzstelle nahe Donezk machen das Ausmaß der Katastrophe deutlich. Dass es sich um einen Unfall handelte, wird immer unwahrscheinlicher. Vielmehr dürfte die Maschine abgeschossen worden sein. Aber von wem? Bei der Beantwortung dieser Frage richtet sich das Augenmerk auf den Konflikt in der Ostukraine. Die Beteiligten -

die prorussischen Separatisten

und die ukrainische Regierung - verdächtigen sich gegenseitig.

Einen Raketenangriff legen unter anderem Informationen von US-Geheimdiensten nahe. Die Region sei "einer der am stärksten überwachten Orte auf dem Planeten", sagte der frühere CIA-Mitarbeiter Charles Duelfer dem US-Sender PBS. Satelliten hätten zunächst Strahlen des Radars empfangen, mit denen das Flugzeug erfasst worden sein könnte, so US-Sicherheitsexperten. Die Satelliten registrierten anschließend eine Wärmeentwicklung, die zu dem Raketenstart gehören soll. US-Vize-Präsident Joe Biden zog den Schluss: "Das malaysische Flugzeug ist offensichtlich abgeschossen worden, nicht verunglückt: Es wurde vom Himmel geholt." Unklar ist aber weiterhin, von wo aus und von wem. Die USA appellierten an die Konfliktparteien, internationalen Experten "sicheren und uneingeschränkten" Zugang zur Absturzstelle zu gewähren. Sie forderten zudem eine "sofortige Waffenruhe".

Putin gibt Ukraine Mitschuld

Die Absturzstelle des Flugzeuges der Malaysia Airlines in der Ostukraine (Foto: Reuters)

Trümmer an der Absturzstelle

Auf den Abschussverursacher will der ukrainische Geheimdienst eindeutige Hinweise haben: Nach seinen Angaben wurden Telefongespräche abgehört, in denen prorussische Aufständische den Abschuss der Boeing 777-200 eingestehen sollen. Wenige Minuten nach dem Absturz sollen die Separatisten dem russischen Militär übermittelt haben, dass Kosaken-Milizen das Flugzeug getroffen hätten. Ob die Telefonate echt sind, steht noch nicht fest. Separatistenführer Igor Strelkov hatte am Abend auf seiner Facebook-Seite den Abschuss einer ukrainischen Transportmaschine vermeldet, die Fotos vom Absturzort gleichen denen, die es jetzt von den Boeing-Trümmern gibt. Der Facebook-Eintrag wurde aber schnell wieder gelöscht.

Sollten die prorussischen Separatisten die Maschine tatsächlich abgeschossen haben, würde das auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Schwierigkeiten bringen. Vor allem seitens der US-Regierung gab es in den vergangenen Tagen immer wieder Kritik an Russland, unter anderem, weil der Kreml die Separatisten mit Waffen versorge.

Konkrete Schuldzuweisungen vermieden Regierungsvertreter in Washington nach dem Flugzeugabsturz. Putin hingegen gibt der ukrainischen Regierung eine Mitschuld an dem Absturz: "Diese Tragödie wäre ausgeblieben, wenn in der Ostukraine Frieden herrschen würde und die Kampfhandlungen nicht wieder aufgenommen worden wären. Es besteht kein Zweifel, dass das Land auf dessen Staatsgebiet das geschehen ist, die Verantwortung trägt." Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko spricht indes seinerseits von einem "terroristischen Akt".

Haben die Separatisten solche Waffen?

Das Flugzeug wurde offenbar von einer Boden-Luft-Rakete betroffen. Die Separatisten bestreiten, dass sie die Möglichkeit haben, ein Flugzeug in einer Höhe von 10.000 Metern abzuschießen. Der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt sagt im

DW-Interview

, dass Rebellenorganisationen oder Guerillas über solche Waffen bisher zumindest nicht verfügt hätten. Sie hätten zwar oft schultergestützte Flugabwehrraketen, "aber das sind relativ kleine Kaliber, zum Beispiel Stinger-Raketen, die eine maximale Flughöhe von 3000 bis 4000 Metern haben. Um auf 10.000 Meter Höhe zu kommen, braucht man schon ganz andere Sachen." Falls es Rebellen waren, müsse genau geprüft werden, wie sie in Besitz einer solchen Waffe kommen konnten. Allerdings hatten sich prorussische Rebellen vor dem Boeing-777-Absturz damit gebrüstet, in den vergangenen Wochen ein mobiles russisches Flugabwehrsystem vom Typ "Buk" erbeutet zu haben. Nach offiziellen Angaben ukrainischer Behörden hatten die Separatisten zwar im Juni tatsächlich eine "Buk"-Anlage erobert, diese sei allerdings nicht funktionstüchtig gewesen.

Bei dem "Buk"-System handelt es sich um eine hoch entwickelte Waffe, die eigentlich nur Experten bedienen können. Darauf wies auch der Vorsitzende der

Politisch-Militärischen Gesellschaft

, Ralph Thiele, in der ARD, hin. Waffensysteme, mit denen vom Boden aus Flugzeuge in einer solchen Höhe abgeschossen werden können, seien "relativ komplex und kompliziert". Diejenigen, die sie benutzten, müssten gut ausgebildet sein.

Trauernde Verwandte der Opfer (Foto: Reuters)

Trauernde Verwandte der Opfer des Flugzeugabsturzes

Die internationalen Reaktionen auf den Vorfall waren von Trauer und Entsetzen geprägt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sagte, angesichts der vielen Todesopfer versage es ihm die Sprache. Auch er verlangte sofortigen Zugang für Rettungs- und Sicherheitskräfte und eine internationale, unabhängige Untersuchung zur Ursache. Zur Frage nach Konsequenzen der internationalen Staatengemeinschaft äußerte er sich zurückhaltend. Dazu müsse erst klar sein, ob es einen Beschuss gegeben hat und wer der Verursacher sei. Freien Zugang für die Ermittler haben die Separatisten offenbar mittlerweile garantiert.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach den Betroffenen ihr Beileid aus. Zudem rief sie Russland und Präsident Putin dazu auf, einen Beitrag zu leisten, dass es zu einer politischen Lösung des Ukraine-Konfliktes komme. "Russland hat eine Verantwortung für das, was in der Ukraine passiert", sagte sie.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links