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Wirtschaft

Die Hightech-Weltmeisterschaft

Noch nie war die Sicherheitstechnik so wichtig wie bei der WM 2006 in Deutschland. Für zwei mittelständische Unternehmen ist das Großereignis daher ein großes Geschäft.

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Alle Fans müssen an ihnen vorbei: Drehsperren aus Bühl

Sägen fräsen sich durch Aluminium, Kabel werden verlötet und Bohrmaschinen löchern Stahlplatten, bis sie aussehen wie Schweizer Käse. Auf 14.000 Quadratmetern arbeiten 270 Mitarbeiter der Firma Kaba Gallenschütz im badischen Bühl an der Sicherheitstechnik der Zukunft. Eine Karte, eine Münze oder ein kleiner Finger auf den Sensor, und es heißt: Sesam öffne dich! Von der einfachen Drehsperre über die Schwenktür bis hin zum biometrischen Kontrollsystem – in Bühl entstehen Anlagen, die die Menschen in Zugangsberechtigte und Nichtberechtigte einteilen. Eine grüne und eine rote Signallampe geben Aufschluss darüber, zu welcher Gruppe ein Mensch gehört. Was sich wie eine neue Klassengesellschaft anhört, ist in Wirklichkeit komplizierte Sicherheitstechnik. Die soll auch bei der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland zum Einsatz kommen – am besten ohne Nachteile für die Fußballfans.

Schleusen für knapp 3,4 Millionen WM-Zuschauer

Die FIFA will wissen, wer in die Stadien strömt; die Fußballfans wollen möglichst schnell in die Arenen hinein, und alle wollen im Fall des Falles einen sicheren Fluchtweg vorfinden. Geschäftsführer Joseph Schorn präsentiert stolz sein WM-Modell: "Wir haben über zehn Jahre Entwicklung in diese Drehsperre gesteckt. Die ist einerseits seit Jahren erprobt, und hat andererseits Features, die sonst keiner bietet." Schorns Drehsperren sind schnell, erfassen die Daten und geben den Weg bei einem Unglück automatisch frei.

Bevor eine solche Drehsperre produziert wird, durchlauft der Prototyp eine nicht sehr abwechslungsreiche Testphase: Permanent dreht sich die Sperre, der durchgangswillige Mensch wird durch einen Boxsack simuliert, der nichts anderes tut, als sich pausenlos im Kreis zu bewegen. Erst nach drei bis vier Millionen Umdrehungen ist man in Bühl zufrieden.

Drehkreuze aus Bühl

Sperren im Testbetrieb

Rote Karte für Randalierer

Ein Scanner überprüft die Eintrittskarten und gleicht sie mit den persönlichen Daten des Fans ab – ein System, dass den Schwarzmarkt ausschalten soll, aber aus Datenschutzgründen kritisiert wird. Doch die Beschwerden an die Stadien halfen nicht, denn das Sicherheitsmanagement ist eine Vorgabe der FIFA. Kein Hooligan soll sich in der Anonymität feiernder Fußballfans verstecken können. Das ist auch das Ziel von Joseph Schorn. Vier WM-Stadien rüstet er mit Drehsperren und Drehkreuzen aus. Ein gleichermaßen prestigeträchtiger wie lukrativer Auftrag: 3000 bis 5000 Euro kostet ein Standardmodell. Und ein Stadion verfügt über etwa 20 Eingänge.

Eiffelturm und Stadtbusse

Schorn kann auf eine große Erfahrung verweisen, denn Kaba Gallenschütz liefert in die ganze Welt und hat schon Stadien in fast allen Erdteilen ausgerüstet. Nicht nur Fußballfans verstellt man den Weg: Ob Passagiere in China eine Fähre besteigen, Fluggäste in Schweden die Sicherheitskontrollen durchlaufen oder Bundesminister in Deutschland ihren Dienstsitz betreten – sie alle müssen durch die Zugangskontrolle aus Bühl. Selbst der meistfrequentierte Punkt Europas – der Eiffelturm in Paris – ist mit Hilfe von Joseph Schorn eines der sichersten Gebäude in Europa. "Wir sind eine unkonventionelle Firma", sagt Schorn. Die Bühler entwickeln einerseits kundenindividuelle Einzelanfertigungen und andererseits Serienproduktionen wie zum Beispiel Drehsperren für Moskauer Stadtbusse. Auf rund 35 Millionen Euro Umsatz kommt Kaba Gallenschütz im Jahr, zehn Prozent davon trägt das Geschäft mit den Fußballstadien bei; seit fünf Jahren wächst das Unternehmen zweistellig. Der Schweizer Mutterkonzern ist stolz auf den Standort in Bühl.

Das umgebaute Berliner Olympiastadion p178

Für die WM gerüstet: Olympiastadion Berlin

Die Lebensadern der Stadien

Etwa 800 Kilometer nordöstlich ist man ebenfalls stolz. Im Berliner Olympiastadion sind die Drehsperren nur eines von vielen innovativen Merkmalen. Hat man die Sperren passiert, kommt man ungehindert durch eine kleine Tür in die Herzkammer des Stadions. Wie Arterien und Nervenstränge spannen sich Leitungen mitten durch den Bauch des Stadions. Das ist das Reich der Techniker von Siemens. Sie sind für all das verantwortlich, was über, unter und hinter den 22 Männern auf dem Rasen passiert. Für die Zuschauer bleiben sie meist unsichtbar. Allein 200 bis 300 Kilometer Kabel hat der Elektronikriese hier verbuddelt. Ausgelastet werden die Kabel vermutlich erst am 9. Juli 2006, wenn 2500 Pressevertreter das Finale in die Welt hinaustransportieren.

Der Herr der bunten Bildschirme

Projektleiter Ralf Lehmann steht in der Sicherheitsleitstelle des Fußballtempels. Er zeigt auf bunte Grafiken, flackernde Bildschirme und blinkende Anlagen vollgepackt mit Elektronik. "Bei uns läuft die ganze Kommunikations- und Sicherheitstechnik zusammen", erklärt Lehmann. Dazu gehören unter anderem eine Brandmeldeanlage und die Videoüberwachung. Auch in anderen Stadien steckt Siemens-Technik für mehrere Millionen Euro. Kaba Gallenschütz und Siemens gehören zu den Unternehmen, die unmittelbar von der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land profitieren. Ob elektronische Drehsperren oder digitale Kommunikationstechnologie: die Sicherheitstechnik ist schon jetzt weltmeisterlich.

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