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Kultur

Die Hightech-Macht USA hat zu spät reagiert

Trotz Infrastruktur, Erfahrung und Geld: Die USA scheinen mit den Folgen von "Katrina" überfordert. Doch eine solche Katastrophe hätte jedes Land an seine Grenzen gebracht, meint Daniel Scheschkewitz in seinem Kommentar.

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Daniel Scheschkewitz

DW-Korrespondent Daniel Scheschkewitz, Washington

Der Hurrikan "Katrina" hat eine unvorstellbare Zerstörungskraft entfaltet. Immer wieder stellt die Natur das menschliche Fassungsvermögen auf die Probe. Das war beim Tsunami in Südostasien so und das ist bei der Sturmkatastrophe im Südosten der USA nicht anders.

Doch anders als in Indonesien oder Sri Lanka trifft es dieses Mal kein Entwicklungsland, sondern eine der mächtigsten Industrienationen der Welt, die über eine gut entwickelte Infrastruktur, große finanzielle Ressourcen und eine erhebliche Erfahrung im Umgang mit Sturmkatastrophen verfügt. Vor diesem Hintergrund ist es nur schwer verständlich, dass auch vier Tage nach dem Sturm die Lage vor Ort noch immer von Chaos und Hilflosigkeit geprägt ist.

Die Helfer tun, was sie können

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die vielen tausend freiwilligen und professionellen Helfer geben ihr Bestes, häufig rund um die Uhr und unter extrem schwierigen Bedingungen. Straßen und Brücken sind überschwemmt oder zerstört, das Katastrophengebiet ist mit 140.000 Quadtratkilometern riesig und die Kommunikations-Einrichtungen am Boden sind größtenteils zerstört.

Dennoch fragt man sich, warum es solange dauern musste, bis die Bush-Regierung das nationale Krisenmanagement begann und den hoffnungslos überforderten örtlichen Behörden zur Hilfe kam. Wo war die US-Armee, als es in den ersten Stunden nach der Katastrophe darum ging, Obdachlose aus den Flutmassen zu evakuieren oder die Dämme in New Orleans abzudichten? Auch die anarchischen Zustände in New Orleans, wo marodierende Banden tagelang und zum Teil vor den Augen der Sicherheitskräfte plündernd durch die Straßen zogen, hätten durch eine präventive Verstärkung der Sicherheitskräfte vor Ort wohl vermieden werden können.

Terrorschutz statt Flut-Vorsorge

Wie kann es sein, dass Amerika es militärisch mit jeder Macht dieser Welt aufnehmen kann, seine Sicherheitskräfte jedoch vor plündernden Banden kapitulieren und nicht in der Lage sind, die dringende Evakuierung der in Not geratenen Menschen durchzuführen? Im "Superdome" in New Orleans sind tagelang Tausende von Menschen in brütender Hitze ohne sauberes Trinkwasser in einer Kloake aus Schmutzwasser und Exkrementen zusammengepfercht. Andere US-Städte öffnen bereitwillig ihre Tore, um die Flüchtlinge zu empfangen, aber die nationale Katastrophenbehörde versagt bei ihrem Abtransport.

All das ist nur zum Teil mit Unvermögen zu erklären. Kompetenzgerangel und die schwierige Zuständigkeitsverteilung im föderalen Geflecht der verschiedenen Lokal-, Regional- und Bundesbehörden sind mitverantwortlich - ebenso wie eine verständliche, aber offenbar einseitige Prioritätensetzung, die den Kampf gegen den Terror über alles, auch über den Umweltschutz und den Katastrophenschutz gestellt hat.

Keine Zeit für Selbstgerechtigkeit

Monsterstürme kommen zwar aus der Tiefe des Ozeans, aber sie kommen nicht unangekündigt. Und sie kommen immer häufiger und immer öfter, was auch einem für den Umweltschutz wenig empfänglichen Präsidenten George W. Bush zu denken geben sollte.

Bush hat nun einen nationalen Katastrophenplan in Gang gesetzt.Besser spät als nie, möchte man aus Sicht der Betroffenen sagen. Aber für Selbstgerechtigkeit wäre jetzt der falsche Moment. Angesichts des schieren Ausmaßes der Katastrophe wäre wohl jedes Land der Welt an die Grenzen seiner Möglichkeiten gestoßen. Amerika, das oft weltweit geholfen hat, braucht nun selber Hilfe. Deutschland wird da nicht abseits stehen. Und das ist gut so.

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