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Kultur

Die Hexenküche der Moderne

Gelebt hat er um 1800, gemalt hat er wie für einen Horrorfilm von David Lynch: In Berlin feiert eine Ausstellung Francisco de Goya als Propheten des 20. Jahrhunderts. Und hofft nebenbei auf viel, viel Geld.

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Der Katalog zentnerschwer, die Versicherungssumme astronomisch

Der Künstler ist gerade eingenickt. Während er mit seinem schwarzen Schopf den Zeichentisch fast ganz verdeckt, steigen hinter seinem Rücken bedrohliche Fabelwesen auf: Eulen mit spitzen Schnäbeln, Luchse mit blitzenden Augen, breitflügelige Fledermäuse. "Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor", heißt Goyas Radierung – eine schnell hingeworfene Gelegenheitsarbeit, die ihn später berühmt machen sollte.

Ausstellung Goya in Berlin siehe unten

Hofmaler und Prophet der Moderne: Goya-Selbstbildnis von 1815

Bilder wie diese sind es auch, die die Berliner Ausstellungsmacher von der Alten Nationalgalerie dazu bewogen haben, den spanischen Hofmaler im Titel ihrer Schau als "Propheten der Moderne" zu annoncieren. Symbolismus, Expressionismus, Surrealismus: Fast alle Avantgardismen des 20. Jahrhunderts habe Goya bereits vorweg genommen und damit den "Urknall der Moderne" ausgelöst, meint Kurator Moritz Wullen – gut 100 Jahre vor ihrem eigentlichen Beginn.

Goya Garni: Hotels wollen mitverdienen

Diesen Sommer soll Goya dagegen noch für ganz andere Sensationen gut sein: Die Berliner Museumsszene hofft auf einen ähnlichen Besucherandrang wie 2004 bei der MoMA-Ausstellung, in der die bedeutendsten Werke aus dem New Yorker Museum of Modern Art in Berlin zu sehen waren. 1,2 Millionen Besucher waren damals gekommen und hatten den Berliner Sammlungen 6,5 Millionen Euro Einnahmen beschert. Statt "MoMA in Berlin" nun also "Goya in Berlin"?

Die Berliner Hotels jedenfalls bieten schon Wochenend-Packages für den Ausstellungsbesuch feil – zwei Nächte, ein Museumsbesuch mit Führung und der Katalog. Private Busunternehmer klügeln Reisepläne aus. Kurator Wullen habe das, so behauptet er, eher überrascht. Anders als in die Neue Nationalgalerie, wo die MoMA-Ausstellung gastierte, würden in die Alte Nationalgalerie gar keine 1000 Besucher pro Stunde hineinpassen: "Da fallen uns die Bilder von den Wänden."

Ausstellung Goya in Berlin

Er hat adelige Sammler und spendable Mäzene charmiert: Kurator Moritz Wullen

Ängstliche Leihgeber, horrorfilmgeschulte Besucher

Auch dem Sicherheitsbedürfnis seiner vielen Leihgeber dürfte der Andrang nicht gerade entgegenkommen. Allein 12 der 80 Gemälde stammen aus dem Prado in Madrid und sind eigens mit einer Polizei-Eskorte nach Berlin gebracht worden. Mit insgesamt 500 Millionen Euro sind die Versicherungskosten so hoch, dass die Bundesregierung einsprang und für die Summe haftet. Und von den vielen privaten Goya-Sammlern hatten sich ohnehin einige geweigert, ihre Schätze überhaupt herauszurücken. "Die leben richtig mit den Bildern und können kaum auf sie verzichten", erzählt Wullen, der die meisten persönlich besucht hat.

Francisco de Goya. Desastre de la Guerra, 39; Grande Bazana! Con Muertos! c.1810-1811. Etching and aquatint

Die Schrecken des Krieges: Goya-Radierung von 1811

Verstehen könnte er den möglichen Andrang allerdings schon, meint der Kurator. Schließlich könne man mit Goya so recht eigentlich erst heute etwas anfangen: Für seine apokalyptischen Visionen - Kriegsgemetzel, Hexer, doppelgesichtige Gespenster - und seine rasante Malweise bräuchte es ein Auge, das sich an den Horrorfilmen der letzten Jahrzehnte geschult habe. "Würde Goya 200 heute leben," spekuliert Moritz Wullen, "dann würde er Filme drehen und Videos."

Künstler mit Doppelleben

Bildgalerie Goya: Bild 1 El quitasol

Idyllische Szenerien für die adeligen Auftraggeber: "El quitasol" von 1777

Damals jedoch musste Goya sich sein Geld mit anderem verdienen. Für den prosaischen Broterwerb malte er Herrscherportraits, üppige Stilleben, Szenen von idyllischen Landpartien und avancierte damit schnell zum begehrten Maler bei Hofe. Den Ruhm und später einen ehrenhalber verliehenen Adelstitel nahm er gern, unter Wert verkauft fühlte er sich trotzdem: Die Gemälde, für die er heute bekannt ist, entstanden meist auf eigene Rechnung. Um Goyas künstlerischen Doppelleben gerecht zu werden, teilt sich die Berliner Ausstellung in eine Tag- und eine Nachtseite: In den großen Sälen die repräsentativ-heiteren Auftragsarbeiten, in kleinen Kabinetten rundherum die verstörenden Schreckensvisionen.

Bildgalerie Goya: Bild 2 Hexenflug

Mißverstandener Prophetismus? Goyas "Hexenflug" von 1798/99

Gerade beim Blick auf diese Bilder wirkt jedoch die ständige Behauptung von Goyas Modernität und Zeitgenossenschaft etwas bemüht. Zum Beispiel beim atemberaubenden "Flug der Hexen": Da steigen drei männliche Gestalten in die Luft auf und saugen einem jungen Mann das Blut aus, der sich in Kreuzigungspose windet. Die Hüte, die die drei Hexer tragen, könnten dabei ebenso gut Bischofsmitren wie Freimaurermützen sein – eindeutig ein Bild, das viel spannender ist, wenn man es als widersprüchlichen Kommentar zu Goyas eigener Zeit ausbuchstabiert, zu Inquisition und kirchlich geduldetem Aberglauben, statt es, wie die Ausstellungsmacher, unter einem diffus katastrophischen Begriff von Moderne zu subsumieren.

Doch irritieren lassen sollte man sich davon nicht. Denn eins steht fest: Eine größere Ausstellung des spanischen Künstlers hat es im deutschsprachigen Raum noch nie gegeben. Und so kann einem die Frage, ob er nun ein gerissener Hofmaler oder ein früher Hitchcock war, eigentlich auch herzlich egal sein, denn so viel Goya wird es so schnell nicht wieder geben. Bis zum 3. Oktober ist die Ausstellung noch in Berlin zu sehen; danach gastiert sie im Wiener Kunsthistorischen Museum und schließlich im Prado in Madrid.

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