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Politik

Die Herrscher der Straße

Der ewige Verkehrskollaps Bangkoks ist ein Symbol der Stadt. Wenn auf der Straße nichts mehr geht, hilft nur noch das Motorradtaxi, doch das ist nur etwas für Wagemutige – so sollte man meinen.

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Es geht nichts mehr. Ampeln verlieren ihre Bedeutung – ob rot, ob grün, alles steht in der flirrenden März-Hitze. Bangkoks Verkehr – oder, eher noch, dessen Kollaps – ist seit fast 20 Jahren legendär. Anfang der 1990er errreichte die Monstrosität ihren Höhepunkt. Verkaufsschlager damals: Der Comfort 2000, eine transportable Toilette für Verkehrsteilnehmer, die im Stau feststeckten. In der Asien-Krise 1997 ging die Zahl der Autobesitzer zurück. Doch seit mehreren Jahren werden wieder täglich mehrere hundert Autos neu zugelassen in Bangkok. Da helfen auch öffentliche Verkehrsmittel nicht mehr.

Knie zusammen, Helm auf

Hat der Bangkoker es eilig, nimmt er ein "Motercy" und saust zwischen den Autoschlangen ans Ziel, mit zusammengezogenen Knien, dem Handy am Ohr und einem Helm auf dem Kopf. Die unbesungenen Helden der täglichen Verkehrsschlacht sind die Motorradtaxen. Dreirädrige Tuk-Tuks sind zwar das Verkehrssymbol Thailands, doch die bleiben genauso im Verkehr stecken wie Taxen und Busse.

Normalerweise kutschieren die Motorrradtaxen Kunden die Sois ab und auf, die Nebengassen der Hauptstraßen. Doch immer öfter nehmen Bangkoker sie auch für längere Strecken quer durch die Stadt. Auf thailändisch heißen die Fahrer "Win", nach ihren neon-farbenen und nummerierten Westen. Durch die kann jeder ein Motercy erkennen, und die Fahrer identifiieren sich dadurch mit einer spezifischen Motorrad-Clique.

Weste ist Gold wert

Egal wie zerschlissen die Weste, sie ist Gold wert. Denn die ist nur von den divesen Mafias erhältlich, die über alle Motrorradtaxen Bangkoks herrschen und die Fahrer beschützen. Die Beitrittsgebühr kostet zwischen 800 und 5000 Euro, je nach Lokalität und Verdienstmöglichkeit. Ein Standplatz in einer Motercy-Gruppe nahe großen Hotels und den U-Bahn-Stationen kostet mehr als der bei einem Markt. Zusätzlich gibt jeder Fahrer 15 Prozent seines Tagesverdiensts ab. Die "Win"-Mafia macht so jährlich über 20 Millionen Euro Gewinn.

2003 wollte Thailands Premier Thaksin Shinawatra die Schattenwirtschaft reformieren. Alle 114.000 Fahrer mussten sich registrieren lassen und bekamen eine orangene Weste. Noch bevor der Plan landesweit durchgesetzt werden konnte, tauchten auf Bangkoks Straßen wieder die ersten grünen, violetten, schwarzen, gelben Mafia-Jacken auf.

Heiterkeit, Gemütlichkeit, Machismo

Die Biker sind keine Großverdiener, aber jede Clique zeichnet sich durch Kameradschaft aus, eine für Thailands Männer typische Mischung aus Heiterkeit, Gemütlichkeit und Machismo. Sobald ein Passagier einen Soi verlassen und sich auf eine Hauptstraße wagen will (oder muss – um rechtzeitig zu einem Geschäftstreffen zu gelangen), bekommt er einen Helm, Pflicht laut thailändischer StVo. Die Seitenspiegel, eh unbenutzt, werden eingeklappt. So lässt es sich besser zwischen den Autos durchrasen, die auf oft vier-, fünfspurigen Straßen feststecken. Oft sind es nur ein, zwei Millimeter zwischen einem Knie und einem stinkenden Auspuff eines uralten Busses oder dem Seitenblinker eines Mercedes mit verdunkelten Scheiben. Wie ein Schwarm metallener Hornissen versammeln sich die Motercys vor einer roten Ampel, um dann rennbahnähnlich abzusurren.

Dies mag einen Passagier abschrecken, und Neuankömmlinge in Bangkok trauen sich erst nach Monaten auf ein Motercy, aber sie sind ungefährlicher als zunächst erscheinen mag, obwohl die wenigsten Fahrer je einen Führerschein in der Tasche hatten (offiziell nur 1 Prozent). Natürlich erleidet der typische "Win" die eine oder andere Schramme im Monat, aber zumindest statistisch liegen sie gleich mit Tuk-Tuks. Recht sicher also. Zumindest für Thailand.