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Wissen & Umwelt

Die Helden der Höhlenrettung

202 Menschen arbeiteten fast zwölf Tage lang daran, den schwer verletzten Höhlenforscher Johann Westhauser zu retten. Am Ende fielen sich alle um den Hals. Einer von ihnen ist Christian Lüthi aus der Schweiz.

Christian Lüthi war tagelang, fast ununterbrochen im Berg. Während der letzten entscheidenden Stunden war er Rettungsleiter. Jetzt ist er unten, bei der Bergwacht in Berchtesgaden und darf endlich reden.

In den letzten Tagen war es Rettern nicht mehr erlaubt, Informationen an Journalisten herauszugeben. Das hätte die Rettung nur unnötig gefährdet, sagt Lüthi und blinzelt in die Sonne. Er sieht müde aus. Unendlich müde. Seine Augen sind klein und rot, aber sie strahlen. "Es war überwältigend", sagt der Schweizer Höhlenretter, "mit nichts vergleichbar, was ich bislang gemacht habe". Der Augenblick, als Johann Westhauser endlich ans Tageslicht kam, war sehr emotional, so Lüthi. So ziemlich alle weinten. Aber die extreme Anspannung sei erst von ihm abgefallen, als alle Retter gesund und wohlbehalten die Höhle verlassen hatten. Das dauerte noch einmal zwei Stunden: "Die Situation war bis zum Schluss kompliziert", erklärt der hagere, durchtrainierte Mann. Gerade auf den letzten 100 Höhenmetern sei die Steinschlag-Gefahr besonders hoch gewesen.

Westhauser wird von Helfern aus der Höhle getragen (Foto:dpa).

Der Moment, nach dem sich alle in die Arme gefallen sind: Westhauser ist zurück am Tageslicht

Christian Lüthi spricht sehr bedächtig, er wirkt ausgeglichen und in sich ruhend. Er nickt. Mentale Stärke sei bei solchen Rettungsaktionen ebenso wichtig wie Ausdauer und körperliche Fitness. Denn die Belastungen seien extrem gewesen: "Man kommt an Grenzen, und jeder muss selbst entscheiden, wie weit er gehen kann." Ob er irgendwann einmal Zweifel hatte? Nein, versichert Lüthi. Von Anfang an sei er sicher gewesen, dass es möglich ist, Johann Westhauser aus der Höhle zu retten.

Warmes Essen und viel Tee

Doch trotz aller Euphorie und Zuversicht mussten die Retter vor allem auch an sich denken, um bis zum Schluss zu funktionieren. "Jeder musste immer wieder Pausen einlegen." Schlafen oder eher dösen, sagt Lüthi. Denn mehr als Dösen sei nicht möglich gewesen. Nur in den Biwaks konnten sich die Retter ein bisschen auszustrecken. Die meisten Lager waren jedoch sehr klein, und häufig waren so viele Menschen beisammen, dass für jeden nur ein Zipfelchen einer ein Zentimeter dicken Schaumstoffmatte übrig war, "in meinem Alter nicht gerade gut für den Rücken", lacht Lüthi. Auch einen Schlafsack mussten sie sich meistens zu zweit teilen. Ob es laut in der Höhle war? Eigentlich nicht, antwortet Lüthi, dazu sei die Riesending-Höhle viel zu verwinkelt, als dass der Hall überall hinkommt.

Sehr viel wichtiger als das Schlafen seien aber Essen und Trinken gewesen. "Wir haben da unten gekocht", erzählt Lüthi, "Nudeln, Reis, Mais. Warmes Essen war Pflicht!" Genauso wie das Teetrinken. Viel, viel Tee mit Magnesium und Vitamintabletten. Einfach so konnte man das Wasser in der Höhle nicht trinken, verrät er. "Wir mussten es immer abkochen." Denn natürlich erledigten die Retter auch ihr Geschäft in der Höhle, "was blieb ihnen anderes übrig?", schmunzelt Lüthi.

Die Höhlenretter Sabine Zimmerebner, Stefan Bauhofer, Christian Lüthi und Arzt Dr. Nico Petterich(Foto: Judith Hartl/DW).

Strahlen um die Wette: Die Höhlenretter Sabine Zimmerebner, Stefan Bauhofer, Christian Lüthi und Arzt Nico Petterich

Es macht dem groß gewachsenen Schweizer sichtlich Spaß, über die Mammut-Rettung zu reden. Vor allem sei er stolz auf die enorme Teamleistung. Die Retter waren "eine große Familie", schwärmt er, es sei großartig gewesen, "dass alle mitfühlten und mitdachten". So ähnlich beschreiben das auch andere. Dass die Stimmung immer kameradschaftlich war, dass es "keine ups and downs" gab, sondern alle immer gemeinsam das eine Ziel verfolgt hätten: Westhauser wohlbehalten aus der Höhle zu bringen. Als es soweit war, sagt Lüthi, seien sich alle um den Hals gefallen.

Erfahrener Berg- und Höhlenexperte

Eigentlich ist Christian Lüthi Forstingenieur. In Interlaken leitet er ein Planungsbüro für Wald und Umwelt. In seiner Freizeit gehört seine Leidenschaft den Bergen. Er ist Bergsteiger, Bergführer, er bildet den Nachwuchs aus und kennt sich gut mit Höhlen aus. Er beherrscht alle Techniken, die man für komplizierte Rettungsaktionen braucht, weiß, wie man sich abseilt und mit Steigklemmen möglichst kräfteschonend senkrecht am Seil nach oben klettern kann. Deswegen habe man ihn mitten in der Nacht angerufen und gebeten sofort nach Berchtesgaden zu kommen, erzählt er. Er habe keine Sekunde gezögert.

Nur wenige Retter in Europa sind einer Höhle wie dem Riesending gewachsen. Alle, die dafür in Frage kommen, wurden zusammengetrommelt - aus Deutschland, Österreich, Italien, Kroatien und der Schweiz. Letztendlich waren 202 Retter im Einsatz. Ob er noch einmal absteigen würde? "Natürlich", versichert er und schaut dabei schon fast verständnislos. "Es ist nur eine Höhle", sagt er, "sogar eine wunderschöne und sehr spezielle". An manchen Stellen sei sie sogar recht hell. Eine schlechte Erinnerung an das 1000 Meter tiefe Riesending werde er auf keinen Fall behalten.

Ob er heute Nacht schlafen kann? "Ja", versichert er und schmunzelt. Jetzt werde erst einmal gemeinsam gefeiert. Im Hofbräuhaus neben der Bergwacht. Ein Bier wolle er sich auch genehmigen. Lüthi lacht, zieht seine rote Rettungs-Jacke aus und verabschiedet sich.

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