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Nahost

Die Heimkehrer von Kobane

Die IS-Milizen sind aus Kobane vertrieben. Einzelne Flüchtlinge trauen sich von der türkischen Seite aus zurück in die zerstörte Stadt - an die Seite derer, die ausgeharrt haben. Aus Kobane Kamal Sheikho.

Jeden Tag war Kaban auf die Anhöhe Mashteh Nur gegangen. Von da aus konnte er gut nach Kobane hinüberschauen. Vor fünf Monaten war er mit seiner Familie aus Angst vor den IS-Milizen aus Kobane in die Nachbarstadt Suruç geflohen, auf die türkische Seite der nahen Grenze. Wie viele andere Flüchtlinge hatte auch er mit seiner Familie Zuflucht im Lager Erin Mir Khan gefunden. Doch die Sorge blieb, in Gedanken war er in Kobane.

Sofort nachdem sich die Nachricht herumgesprochen hatte, dass die kurdischen Kämpfer die Stadt zurückerobert hatten, ging Kaban allein zurück. Der Gastwirt wollte sehen, was mit seinem Haus passiert war und mit seinem Restaurant. Ob seine Familie vielleicht schon wieder zurückkehren könnte? Und tatsächlich, sie wagte es. Glücklich berichtet Kaban jetzt der DW: "Wir sind gerade ins Leben zurückgekehrt, trotz der Zerstörung, von der mein Haus betroffen ist, und trotz der Verwüstung meines Restaurants."

Bild der Zerstörung

Nicht nur Kabans Nachbarschaft, sondern die meisten Straßen und Viertel der Stadt sind kaputt. Davon berichtet Anwar Muslim, Vorsitzender des Exekutivrates der Stadt, der DW: "Die Fläche von Kobane beträgt etwa sieben Quadratkilometer. 70 Prozent davon sind zerstört, 40 Prozent komplett, vor allem im südöstlichen Teil."

Anwar erinnert sich: "27 Fahrzeuge voller Sprengstoff haben die Dschihadisten des IS in die Luft gejagt. Mehr als 110 Mörsergranaten sind eingeschlagen. Und es gab immer wieder Selbstmordattentate." Er kritisiert, dass die Stadt noch keine finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau erhalten habe.

Geht man heute durch Kobane, ist die Zerstörung deutlich sichtbar: Von vielen Häusern sind nur Trümmer übrig. Und bei den Gebäuden, die nicht bombardiert worden sind, hat der Druck der Explosionen Türen und Fenster bersten lassen.

Bäckerei in Kobane, Foto: DW

Hier wird Brot für die ganze Stadt gebacken

Not-Bäckerei zum Überleben

Dass das Leben in dieser unwirtlichen Umgebung trotzdem langsam wieder erwacht, ist dem Pragmatismus der Bewohner zu verdanken. Zu Beginn der Kämpfe hatte der sogenannte "Islamische Staat" die Brotfabrik der Stadt zerstört. Doch die Bäcker der Stadt ließen sich nicht unterkriegen, sondern improvisierten. Um den Bedarf der Kämpfer und der Zivilisten zu decken, errichteten sie kurzerhand eine neue Fabrik an einem sicheren Ort. Dort backen sie bis jetzt maschinell Brot, das sie kostenlos an die Bewohner verteilen.

Asis Murad leitet die Not-Bäckerei. Er ist sicher: "Unsere Arbeit ist eine Form des Widerstands. Wer an der Front zu den Waffen greift, der muss auch Brot erhalten. Wir alle verteidigen Kobane." Sein Mitarbeiter Ali ist gerade erst aus der Türkei zurückgekehrt, allein, ohne seine Familie - und aus Überzeugung. "Als ich mich zur Rückkehr entschlossen habe, war das mit der festen Absicht, den Bürgern meiner Stadt zu dienen. Wenn nötig, greife ich dafür auch zu den Waffen."

Alle Mitarbeiter der Bäckerei kennen Kobane sehr gut. Während der Kämpfe hatten sie das Brot auf sichere Standorte verteilt, die von der Schusslinie und von den Gefechten weit entfernt waren. Ein Fahrzeug hat die Speisen und den Proviant abgeholt und an die Front transportiert. Jetzt helfen sie auch Flüchtlingen, die zwischen der türkischen und der syrischen Seite festsitzen, mit Brotspenden.

Arzt Mohammed Aref vor einem Krankenwagen, Foto: DW

Der Arzt Mohammed Aref blieb trotz der Kämpfe in der Stadt

Verängstigte Ärzte

Ortswechsel. Das einzige in der Stadt übrig gebliebene Krankenhaus kann seinen Patienten nur noch wenig anbieten. Alle Verletzten erhalten hier eine kostenlose Behandlung. Außerdem gehen die Ärzte regelmäßig zu den noch in Kobane wohnenden Zivilisten, um Bedürftigen vor Ort zu helfen. Eine Ärztedelegation begibt sich täglich zu den Ortschaften Tell Schair und Marsamila, wo sich die zwischen den Grenzen festsitzenden Flüchtlinge aufhalten. Sie verteilen Medikamente und untersuchen die Kranken.

Dr. Mohammed Aref Ali gehört dem Ärzteteam an. Er hatte beschlossen, trotz des Kriegs in seiner Stadt zu bleiben - es war sein erster Einsatz als Arzt in einem Krieg. "Wenn ich die Geräusche der Flugzeuge und die Mörsergranaten höre, habe ich Angst", sagt er der DW, "aber wenn ich daran denke, dass jederzeit ein Zivilist oder ein Kämpfer verletzt werden kann, dann mache ich mich augenblicklich von dieser Angst frei, um ihn medizinisch zu betreuen."

Die für Flüchtlingsfragen zuständige Organisation in der Türkei (AFAD) schätzt, dass insgesamt 183.000 Personen aus Kobane geflüchtet sind. Doch die Angaben gehen auseinander: Kurdische Politiker beziffern die Zahl der Flüchtlinge, die seit dem 16. September des vorigen Jahres in die Türkei gekommen sind, auf über 200.000 Personen. Die Anzahl der Rückkehrer nach Kobane wird auf rund 25.000 geschätzt. Doch so richtig weiß das hier wohl niemand. Klar ist nur: Es wird Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, bis die ehemalige 100.000-Einwohner-Stadt wieder zur Normalität zurückkehren kann.

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