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Deutschland

Die Hauptschule im Wandel

Nach den Sommerferien wird es für viele Schulkinder Veränderungen geben. In einigen Bundesländern werden die Hauptschulen reformiert. Der Trend geht hin zu nur noch zwei Schultypen.

Die Heusteigschule in Stuttgart (Foto: DW)

Die Heusteigschule in Stuttgart ist nun eine Werkrealschule

Mit dem ersten Pisa-Test im Jahr 2000 hatte alles angefangen: Die deutschen Kultusminister öffneten ihre Schultore für die internationalen Bildungsforscher der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) aus Paris. Die Ergebnisse damals waren ein Schock. Unter anderem stellten die Pisa-Forscher fest, dass mehr als 20 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland Texte nur auf Grundschulniveau verstehen können.

Ein weiteres Problem ist die extrem hohe Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Kritiker machen dafür unter anderem das dreigliedrige Schulsystem verantwortlich: In Deutschland entscheidet sich häufig schon sehr früh - bereits nach der vierten Klasse - ob die Kinder das Gymnasium, die Realschule oder die Hauptschule besuchen. Kinder aus sozial schwachen Familien und Einwandererkinder gehen überproportional häufig auf Hauptschulen. "Zu oft entscheidet Herkunft beziehungsweise die soziale Lage noch über den Bildungsweg und damit über die Zukunft von Kindern und Jugendlichen", stellte der Migrationsbericht der Bundesregierung dazu fest.

Bastelnde Schüler (Foto: dpa)

Gleiche Chancen für alle?

Reform-Modelle

Nur mit einem Hauptschulabschluss haben es die Jugendlichen nach der Schule oft schwer, eine Ausbildungsstelle zu finden. Die Anforderungen an das schulische Wissen der Jugendlichen sind in vielen Berufen in den letzten Jahrzehnten zudem mit dem technologischen Fortschritt stark gestiegen. Einige Bundesländer suchen noch nach Lösungen für das Problem. Andere haben ihr Schulsystem bereits reformiert. Der Trend führt weg von den drei klassischen Schultypen: Hauptschule, Realschule und Gymnasium.

Hamburg und Berlin

Im Stadtstaat Hamburg wird es im neuen Schuljahr nur noch das Gymnasium und die sogenannte Stadtteilschule - die auch bis zum Abitur führt - geben. Ähnliches ist es in Berlin. Dort gibt es ab dem Herbst nur noch das Gymnasium und die "Integrierte Sekundarschule". Sie bietet neben den anderen Schulabschlüssen ebenfalls das Abitur an.

Rheinland-Pfalz

Das Bundesland will ab 2013/2014 die Hauptschulen auflösen und in eine "Realschule plus" integrieren. Damit wird die frühe Aufteilung der Kinder in Haupt und Realschulen sowie Gymnasien entschärft. Ab 2011 können Schüler an zwölf "Realschulen plus" in Rheinland-Pfalz in zwei zusätzlichen Schuljahren sogar die Fachhochschulreife erwerben.

Das neue Angebot sei eine Ermutigung für alle Eltern, sagte die Kultusministerin von Rheinland-Pfalz Doris Ahnen. Auch die "Realschule plus" sei eine Schule mit Aufstiegschancen. Das Angebot mit angeschlossener Fachoberschule soll in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden, um die Nachfrage an qualifizierten Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt zu decken.

Der Landesvorsitzende des Verbands Deutscher Realschullehrer, Bernd Karst, begrüßte die Initiative von Rheinland-Pfalz als "Durchbruch mit Signalwirkung für andere Bundesländer." Die schrittweise Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen zur neuen Schulform "Realschule plus" verläuft nach Angaben der Ministerin schneller als ursprünglich geplant.

Schulhofszene mit vielen verschiedenen Migranten (Foto: DW)

Schulalltag in Deutschland: Migrantenkinder aus vielen verschiedenen Nationalitäten

Baden-Württemberg

Im Südwesten der Bundesrepublik wandeln sich die Hauptschulen schrittweise zu so genannten Werkrealschulen. Im neuen Schuljahr wird es nun mehr Werkrealschulen als klassische Hauptschulen geben - landesweite gehen im Herbst 525 Werkrealschulen an den Start gehen. Neben den Werkrealschulen bleiben rund 400 Hauptschulen erhalten.

Die baden-württembergische Kultusministerin Marion Schick geht vom Erfolg der neuen Werkrealschule aus. "Es stellt sich eher die Frage, wie lange es die Hauptschule noch geben wird", sagte sie in einem Interview mit dem Südwestrundfunk.

Ziel der Werkrealschule, so heißt es in Baden-Württemberg, ist eine breit angelegte individuelle Förderung und Vorbereitung auf die Berufswelt. Geplant seien eine kontinuierliche Elternberatung, eine intensive Berufswegeplanung sowie die Stärkung der Ausbildungsfähigkeit.

Die Werkrealschule führt die Schüler in einem durchgängigen sechsjährigen Bildungsgang zur Mittleren Reife; es wird aber auch weiterhin Schüler geben, die die Werkrealschule mit der Hauptschulabschlussprüfung in der Tasche nach der 9. Klasse verlassen.

Über den Wechsel von Klasse 9 nach 10 soll die Klassenlehrerkonferenz im Rahmen einer Bildungsempfehlung befinden. Maßstab für diese Bildungsempfehlung seien in erster Linie die Noten. Gefordert ist ein Notendurchschnitt von mindestens 3,0 in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch sowie im Wahlpflichtfach. Neben den erreichten Noten ist für die Bildungsempfehlung auch die "pädagogische Gesamtwürdigung" des Schülers wichtig.

Saarland

Das Saarland plant ebenfalls ein Schulsystem nach dem Zwei-Säulen-Modell. In Zukunft soll das Abitur dann entweder auf einem Gymnasium nach zwölf Schuljahren oder auf einer Gemeinschaftsschule nach 13 Jahren erworben werden. Nach den Regierungsplänen wird die Gemeinschaftsschule auch den Hauptschul- und den mittleren Schulabschlusses ermöglichen.

Schülerzahlen gehen zurück

Bis zum Jahr 2020 wird die Zahl der Schüler in Deutschland zurückgehen - in Baden-Württemberg an den allgemeinbildenden Schulen zum Beispiel um rund ein Fünftel. Grund ist die demografische Entwicklung.

Weil dann auf dem Arbeitsmarkt Fachkräfte stärker als jetzt gebraucht werden, wird es noch wichtiger werden, dass die jungen Menschen die Schule mit guter Bildung verlassen und fit sind für den Arbeits- oder den weiteren Ausbildungsmarkt.

Autor: Utku Pazarkaya
Redaktion: Kay-Alexander Scholz