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Politik

Die harte Hand packt nicht - Maras bleiben das Problem in Zentralamerika

Zentralamerika versinkt in Gewalt. Den Hauptanteil daran haben gewalttätige Jugendbanden: die Maras. Die Behörden antworten mit Repression, ohne Erfolg. Stattdessen kommt es zu "sozialen Säuberungen".

Gang-Mitglieder werden verhaftet

Mitglieder der "Mara 18" - eines der zwei großen Gang-Netzwerke

In ihrem Länderbericht vom 10. September 2007 berichtet die Menschenrechtsorganisation Amnesty International von Todesschwadronen in Honduras, die "soziale Säuberungen" in dem mittelamerikanischen Land durchführen würden. Mehrere tausend Kinder und Jugendliche seien in den letzten fünf Jahren regelrecht hingerichtet worden. Unter den Getöteten seien viele Mitglieder von Maras gewesen. Also jener krimineller Jugendbanden, die vor allem die zentralamerikanischen Staaten El Salvador, Guatemala und Honduras unsicher machen.

Maras: Jugendliche Killerkommandos

Maras gelten dort inzwischen als das größte Sicherheitsproblem. Die Zahlen der Gewalt, etwa in El Salvador lassen das ahnen: Dort wurden im Jahr 2005 nach Angaben der Polizei fast die Hälfte der 3761 erfassten Morde den Maras zugeschrieben. Mit täglich zehn Morden liegt El Salvador auf Platz vier der gewalttätigsten Nationen Lateinamerikas, nach Kolumbien, Guatemala und Honduras. Die Mordrate liegt bei 55,5 Toten auf 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: in Deutschland liegt sie laut BKA-Statistik bei 1,1 zu 100.000 Einwohnern. Da verwundert es nicht, wenn die verängstigte Bevölkerung der zentralamerikanischen Staaten jeder Art von "Lösung" des Mara-Problems zustimmt, den "sozialen Säuberungen" etwa. Jugendliche, die den Maras zugerechnet werden, werden dabei exekutiert, meist nur aufgrund äußerer Merkmale.

Zustimmung zur "sozialen Säuberung"

Parade von den Soldaten El Salvadors.

Das Militär von El Salvador wird auch zur Bekämpfung der Banden eingesetzt

Gabriel Caballeros, ein aus Guatemala stammender Doktorand der Soziologe, bestätigt: "Die Mehrheit der Bevölkerung in Guatemala stimmt einer sozialen Säuberung zu." Um Opfer einer solchen sozialen Säuberung zu werden, reiche es schon, tätowiert und von dunklerer Hautfarbe zu sein. "Das ist eine offene Wahrheit", fügt der Wissenschaftler noch an. Zudem sei die Erschießung billiger, als die Mareros in den heillos überfüllten Gefängnissen unterzubringen.

Wirtschaftliche Misere durch Unsicherheit

Die Bevölkerung in Mittelamerika ist durch die Maras nicht nur in physischer Gefahr, auch die Demokratisierung und die wirtschaftliche Entwicklung in den armen Ländern leidet unter den Banden. Durch den sozialen Druck, den die "mareros" in ihrem Viertel ausüben, kommt das gesellschaftliche Leben in den betroffenen Vierteln fast immer zum Erliegen, nach Einbruch der Dunkelheit traut sich keiner mehr hinaus. Die Entwicklung einer Zivilgesellschaft in den betroffenen Staaten ist so stark eingeschränkt. Die tagtäglichen gewalttätigen Übergriffe der Banden prägen das Bild der zentralamerikanischen Staaten im Ausland als quasi rechtsfreie Räume – abschreckend für Investoren und Touristen. Der ökonomische Druck ist groß: Laut Berechnungen des UN-Entwicklungsprogramms summierten sich die Folgekosten der Gewalt in El Salvador 2003 auf 1,7 Milliarden Dollar, das sind immerhin 11,5 Prozent seines Sozialprodukts.

Die Politik der harten Hand

Um Gewalt und ökonomische Verluste in den Griff zu bekommen, ersannen die Führer der zentralamerikanischen Staaten ab 2001 das Konzept der "Mano Dura" - die Politik der harten Hand. Mit groß angelegten Razzien von Polizei und Militär sollten die jugendlichen Kriminellen hinter Schloss und Riegel gebracht werden, für lange Zeit. Deshalb wurden beispielsweise in Honduras Gesetze erlassen, die ein Gang-Mitglied für 30 Jahre hinter Gittern bringen konnten, ohne das ihm eine konkrete Straftat nachgewiesen werden muss. Einzig nötiger Beweis waren die für die Mareros typischen Tätowierungen. Außerdem wurden neben der Polizei nun auch Militärkräfte eingesetzt. So berichtete die Schweizer Wochenzeitung "woz", dass 2005 in El Salvador nach Angaben des Verteidigungsministeriums bereits 1700 Militärangehörige im Kampf gegen die Maras eingesetzt waren.

Ein jugendliches Gang-Mitglied an der Wand.

Gangmitglieder überleben im Durchschnitt drei Jahre im hochkriminellen Umfeld

"Mano Dura" und instrumentalisierte Angst

Inzwischen gilt das Konzept der "Mano Dura" vielen Experten als gescheitert. Die alltägliche Gewalt konnte nicht gemindert werden. Peter Peetz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am GIGA-Institut für Lateinamerikastudien, beobachtete zuvor eine Instrumentalisierung der Angst. "Viele Kandidaten für politische Ämter in der Region gingen mit dem Programm der 'Mano Dura' auf Stimmenfang, und haben so die Angst der Bevölkerung instrumentalisiert." Die Maras seien von der politischen Öffentlichkeit als straff organisiertes, transnationales Verbrechersyndikat dargestellt worden, eine Behauptung die auf die Strukturen und den Wirkungskreis der Netzwerke nicht zutreffe.

Neue Ansätze

Peetz sieht die Zukunft bei dem Kampf gegen die Bandenkriminalität in präventiven und verstärkten geheimdienstlichen Maßnahmen, da die repressive Politik der letzten Jahre nichts gebracht habe: "Man wird nicht mehr Leute wegen ihrer Tattoos verhaften." Stattdessen werden langsam auch soziale und integrative Projekte zur Bekämpfung der Bandenkriminalität angewendet werden.

Gangmitglieder nach der Verhaftung in Tegucigalpa, Honduras.

Das Programm "Mano Dura" brachte zahlreiche Mareros ins Gefängnis

Täter sind Opfer

Eine positive Aussicht, die allerdings viele der Mareros von heute nicht mehr erleben werden. Denn die Täter, die die Bevölkerung von Guatemala, El Salvador und Honduras in Angst und Schrecken versetzen, sind selbst Opfer ihres eigenen Krieges. Ihre Feinde sind die gegnerischen Maras ebenso wie Polizisten, private Sicherheitskräfte und die Todesschwadronen. Über deren Auftraggeber möchte keiner spekulieren, dass sie existieren beweisen die Berichte von Sozialarbeitern örtlicher NGOs. Mareros, die von den NGOs betreut wurden, seien auf einmal verschwunden oder tot. Es gebe bei einigen Hinrichtungen "deutliche Hinweise auf extralegale Exekutionen", heißt es im Bericht von Amnesty International. Drei Jahre überlebt ein Gangmitglied bei einer Mara im Durchschnitt, dann ist die "vida loca" aus Gewalt, Drogen und Mord vorbei.

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