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Alltagsdeutsch – Podcast

Die Hand

Als Künstlerin und auch als Chirurg braucht man eine ruhige Hand. Das ist schließlich alles Handarbeit. Beim Schneiden und Nähen sind zwei linke Hände nur im Weg - egal ob man bastelt oder operiert.

Sprecher:

Die Hand ist das ursprünglichste und wichtigste Werkzeug des Menschen. Gleichzeitig das stärkste Instrument für Gesten und Gebärden, sowohl im kultischen wie im profanen Bereich. Unsere Hände führen motorische Aktionen und Reaktionen aus, spiegeln aber gleichwohl auch Gefühle und Empfindungen wider. Aus ihnen lassen sich unser Tun und Handeln, aber auch unsere Absichten ablesen. So klatscht man mit den Händen Beifall, wenn einem eine bestimmte Darbietung gut gefallen hat.

Sprecherin:

Es nimmt nicht Wunder, dass die Hände auch in vielen Redensarten vorkommen, wobei viele Wendungen in gleicher Weise wörtlich wie bildlich zu verstehen sind: denn die meisten Handgebärden sind noch geläufig, nur wenige zu bloßen Redensarten verblasst. Dabei nutzen die meisten Menschen ihre Hände nicht mehr vielseitig. In der Dienstleistungsgesellschaft ist die Arbeit mit dem Kopf wichtiger und angesehener als die mit den Händen geworden. Einige Menschen bekennen sich deshalb umso mehr zur Handarbeit, so auch Franka Peikert. Vor einigen Jahren gab sie ihren Beruf als Steuerberatergehilfin auf und machte sich mit einem kleinen Geschäft für Kunsthandwerk in Bad Honnef, bei Bonn, selbständig.

Franka Peikert:

"Mein Traum war immer, ich mach jetzt einen Laden auf, dann kann ich den ganzen Tag kreativ sein. Ich bin den ganzen Tag in traumhaft schönen Dingen, und ich habe tausend Ideen im Kopf, die ich alle verwirklichen möchte. Ich bereu es nicht. Die Entscheidung war wunderbar. Nee, wir haben alle Hände voll zu tun. Wir könnten ununterbrochen produzieren."

Sprecher:

Wenn von beiden Händen die Rede ist, handelt es sich immer um eine Intensivierung der Bedeutung, sowohl in positiver als auch in negativer Absicht. Braucht man zu einer Meinungsäußerung viel Mut, nimmt man sein Herz in beide Hände; verlangt eine Arbeit schnelle Verrichtung oder ein Angebot eine rasche Entscheidung, greift oder packt man mit beiden Händen zu. Statt beider Hände kann man auch Hand und Fuß regen - als Ausdruck größten Fleißes. Ist jemand untätig, möchte sich ausruhen oder ist gar mutlos, legt er die Hände in den Schoß. Diese Wendung ist zunächst wörtlich gemeint, versprachlicht sie doch eine Gebärde, die häufig mit dieser Gemütslage einhergeht. Vom Faulenzer sagt man, er rühre keine Hand oder wolle keinen Finger krümmen.

Sprecherin:

Das kleine Geschäft von Franka Peikert schmückt ein schmiedeeisernes Ladenschild, in Form einer Hand. Statt der einzelnen Finger besteht diese Hand aus Werkzeugen: der Daumen sind Nadel und Faden, ein Lineal bildet den Zeigefinger, die beiden mittleren Finger fungieren als Schere, der kleine Finger ist als Pinsel dargestellt. Im Laden befinden sich Knöpfe, Vasen, Briefkarten, Eierwärmer aus Filz, kleine Holzpuppen und eine Vielfalt an Perlen. Mit diesem breit gefächerten Sortiment möchte Franka Peikert ihre Kunden nicht nur zum Kaufen, sondern auch zum Selbermachen animieren.

Franka Peikert:

"Im Vergleich mit, nehmen wir mal wieder das Nachbarland Niederlande, sind wir bastelmäßig in der Diaspora. Wer beruflich sehr angestrengt ist, der nimmt sich nicht die Zeit dafür oder dem fällt es schwer, sich zu entspannen, und der verliert vielleicht auch den Blick dafür. Denn für die Leute, die Basteltechniken machen, sind sie in der Regel entspannend. Nur die meisten Menschen, die schon so einen stressigen Alltag haben, die denken nee, das mach ich nicht auch noch und sehen gar nicht, was es ihnen bringen könnte. Ich glaube, wen jemand Dinge tut, die ihn voll befriedigen, dann hat er keine zwei linken Hände. Bin ich fest von überzeugt. Für mich gibt es das nicht."

Sprecher:

Franka Peikert vergleicht Deutschland in Hinblick auf Bastelarbeiten und -techniken mit der Diaspora. Die Redewendung in der Diaspora sein lehnt sich an bekannte Vergleiche wie hinter dem Mond oder in der Provinz sein an; ein Vorgang, den die Sprache bei bildlichen Neuschöpfungen häufig zeigt. Die Diaspora meint ein Gebiet, in dem Mitglieder oder Gemeinden einer Kirche als Minderheit leben und somit fernab aller Neuerungen bleiben. Im alltäglichen Gebrauch ist die rechte Hand bei den meisten Menschen die geschicktere. Im kultischen Bereich gilt sie als die wichtige. Folglich beziehen sich alle Redensarten, wenn die linke Hand nicht ausdrücklich bezeichnet wird, auf die rechte. In der Kindersprache heißt die linke Hand die hässliche oder schlechte, weil weniger geübte, die beim Begrüßen nicht gereicht werden soll. Wird sie vom Erwachsenen dennoch ausgestreckt, fügt man ironisch oder scherzhaft hinzu, sie komme von Herzen. Macht man etwas mit der linken Hand oder mit links, misst man der Tätigkeit geringfügigen Wert bei. Von einem faulen oder auch ungeschickten Menschen sagt man, er habe zwei linke Hände, als stünden ihm gleichsam beide Hände im Wege. Franka Peikert gibt dieser Redensart eine neue Bedeutungsvariante, wenn sie die Wendung zwei linke Hände haben mit lustlosem, ungewolltem Tun verbindet. Ihre Deutung berührt die Vorstellung vom faulen Menschen, der sich nur ungeschickt anstellt, damit ihm ein anderer die Arbeit abnimmt.

Thomas Rohn:

"Statistisch sind etwa 65 Prozent Rechtshänder, fünf Prozent sind reine Linkshänder, 30 Prozent können beides, setzen beide Hände gleichmäßig ein. Es gibt da ein berühmtes Beispiel: So in den dreißiger Jahren gab es einen ungarischen Sportschützen, der war zu der Zeit Weltmeister, und der hat die Hand verloren und hat durch entsprechendes Training seine ihm verbleibende Hand trainiert und wurde dann wieder Weltmeister mit der anderen Hand."

Sprecherin:

Thomas Rohn arbeitet als Oberarzt in der Abteilung für Hand- und plastische Chirurgie im Bonner Johanniterkrankenhaus. Tagtäglich hat er mit den unterschiedlichsten Handverletzungen oder auch -erkrankungen zu tun, die in möglichst kurzer Zeit operiert werden müssen. Auch einzelne Finger müssen häufig genäht, abgetrennt oder sogar amputiert werden.

Thomas Rohn:

"Bisher ist mir noch keiner untergekommen, der sich dabei verletzt hat, beim Daumendrücken. Wohl eher schon, wenn Sie jetzt fragen, ob sich spezielle Finger verletzen. Also bekanntermaßen der Zeigefinger, der ist am häufigsten verletzt. Und nicht selten schwere Verletzungen durch Ringe, durch getragene Ringe."

Sprecher:

Dem Daumen wurden seit altersher übernatürliche Kräfte zugeschrieben, die man im Zauber und in der Volksmedizin zu nutzen suchte. Vor allem wurde das Einschlagen des Daumens als eine Art Bannzauber gegen Hexen und Dämonen angesehen. Bei den römischen Gladiatorspielen war es Brauch, dass das Publikum in der Arena den Daumen einschlug, um für einen gestürzten Kämpfer Gnade zu erbitten. Der nach unten ausgestreckte Daumen aber bedeutete das Gegenteil. Hält oder drückt man jemandem die Daumen, steht man ihm in Gedanken in kritischen Situationen mit guten, Unheil abwehrenden Wünschen bei, erhofft man für ihn zu einer wichtigen Entscheidung guten Erfolg. Diese Redensart wird häufig von der Geste begleitet, den Daumen zwischen die übrigen vier Finger einzuschlagen und kräftig zu drücken.

Sprecherin:

Große Verletzungen scheint das Daumendrücken in der Regel wohl nicht zu verursachen. Dennoch können unbedachte Bewegungen mit Hand beziehungsweise Fingern verheerende Folgen haben, weiß Handchirurg Thomas Rohn.

Thomas Rohn:

"Durch Hängenbleiben können die Finger abgerissen werden. Vor allem im Sommer hatten wir letztes Jahr eine ganze Handvoll Fälle Jugendlicher, die irgendwo hier in der Gegend sich freien Zutritt des Nächtens zum Freibad verschafft haben und dann eben beim Sprung über den Zaun mit ihren Fingern am Ring hängengeblieben sind und sich die Finger angerissen haben."

Sprecher:

Die Hand dient auch als ein natürlicher Maßstab für Ausdehnungen, als Maß für Mengen und sogar für Zeit. Breite, Länge und Höhe werden mit der Wendung eine Handbreit, seltener eine Hand hoch angegeben. Die Hand ist leicht beweglich und dient somit zur Verbildlichung kurzer Zeitabläufe. Im Handumdrehen, das heißt schnell, unversehens, kann etwas geschehen oder getan werden. Kurzerhand wird jemand abgefertigt. Dagegen kann es auch gelten, eine wichtige Sache gründlich, also von langer Hand vorzubereiten. Eine Handvoll ist ein altes, heute zuweilen noch gebräuchliches Hohlmaß. Im übertragenen Sinne spricht man von einer Handvoll Menschen und meint damit eine kleine überschaubare Anzahl.

Sprecherin:

Braucht man selber eine ruhige Hand?

Thomas Rohn:

"Das hilft. Der Handchirurg bereitet sich seinen OP-Platz entsprechend vor. Alle Eingriffe finden im Sitzen statt, aufgelegte Arme, Lupenbrillenvergrößerung oder Mikroskop, so dass sich Tischhöhe und Augenabstand vor der Operation so einstellt, dass man eben ruhig sitzen kann und die Arme aufgelegt hat."

Sprecher:

Ein Handchirurg benötigt für seine Arbeit, die im eigentlichen Sinn ein Handwerk ist, wenn auch ein Chirurg nicht zu den Handwerkern zählt, eine ruhige, geschickte Hand. Er hat ein Händchen für das, was er zu tun hat. Seine Hände sind durch eine besondere Feinmotorik ausgezeichnet. Die Verniedlichungsform ein Händchen für etwas haben lässt sich auf jeden übertragen, der für eine Tätigkeit gleich welcher Art besonderes Geschick zeigt.

Sprecherin:

Oberarzt Thomas Rohn hat bereits die unterschiedlichsten Hände operiert: zarte und grobe, alte und junge. Vielleicht ist es manchmal so, dass die Hand eines Menschen etwas über seinen Charakter sagt. Wenn sich der Mediziner auch tagtäglich mit den Händen befasst – die meisten Redewendungen rund um die Hand als Körperteil sind wohl nicht aus der Medizin herzuleiten.

Thomas Rohn:

"Aus den Fingern kann man sicher direkt nichts direkt saugen. Also woher der Begriff rührt, sich irgendwelche Antworten zurecht zu legen, wo man dann sagt aus den Fingern saugen, als Chirurg habe ich keine Erklärung dafür. Vielleicht rührt es daher, weil Kinder am Daumen nuckeln? Ich weiß es nicht."

Sprecher:

Saugt sich jemand etwas aus den Fingern, legt er sich nicht nur, wie Thomas Rohn erklärt, irgendeine Antwort zurecht, sondern er erzählt oder behauptet etwas, das der Wirklichkeit oder Wahrheit in keiner Weise entspricht. Die Herkunft dieser Redensart ist umstritten. Sie wird auf den Ersatz der säugenden Brust durch den säugenden Finger zurückgeführt. Ein uraltes Motiv der Sage, der Legende und des Märchens. So wird in einer arabisch geschriebenen Chronik erzählt, Abraham habe, nachdem er von seiner Mutter ausgesetzt worden war, aus seinem Finger Milch gesogen, denn Gott hatte daraus die Milch fließen lassen, die das Kind brauchte. Ebenso wird von Moses erzählt, er habe aus seinem Daumen Milch gesogen. Die Redensart kann zum anderen aber auch auf den alten Volksglauben zurückgehen, nach dem der Finger, der in Blut oder in eine Zauberflüssigkeit getaucht und dann in den Mund gesteckt wird, Weisheit mitteilt. Ob auch die Vermutung Thoma Rohns, das Daumenlutschen der Babys könne der ursprüngliche Bildhintergrund für die Redewendung sein, zutrifft, sei dahingestellt.

Sprecherin:

Wenn es auch wohl nur wenige Finger gibt, aus denen tatsächlich Milch fließt, so können die Hände zweifelsohne viele Fertigkeiten vollbringen. Nicht alle von ihnen gelten als kunstvoll. Bis heute hat sich die Vorstellung gefestigt, dass eine Arbeit, die mit Händen und Werkzeugen entstanden ist, mehr zweckgebunden als künstlerisch sei.

Sprecherin:

Getreu dem Motto des großen Filz-Künstlers Josef Beuys, der bekanntlich der Ansicht war, dass jeder Mensch ein Künstler sei, möchte Franka Peikert ihre Kundinnen zum Selbermachen und Kreieren von schönen Dingen bewegen. Bisher ist ihr Kunstkonzept aufgegangen: Ihr Laden hat sich zu einem Geheimtipp entwickelt. Kaum zu glauben, dass sie sich spontan von einer Bekannten zur Eröffnung eines eigenen Geschäfts überreden ließ!

Franka Peikert:

"Innerhalb eines Jahres hatten wir dann den Laden hier. Das ging dann irgendwann plötzlich ganz schnell. Aber wir sind total ins kalte Wasser gesprungen, vollkommen unvorbereitet. Und ich kann nur sagen: Glück gehabt!"

Sprecher:

Wer ins kalte Wasser springt, tut etwas ohne Vorbereitung oder Anleitung, spontan und oft mit hohem Risiko. Wie nah direkte Gebärden und deren Versprachlichung sich manchmal stehen, zeigt der Ausruf toi, toi, toi, auf den Franka Peikert hier verzichtet, aber dafür dreimal auf Holz klopft. Der Ruf meint viel Glück oder unberufen; das Klopfen soll eine negative Schicksalswendung gleichsam abwehren. Hier wird deutlich, dass Sprecher und oder Geste dreifach denkbar sind: Es reichen die bloße Gebärde, der bloße Ruf, - oder beide, Sprache und Geste begleiten einander.

Sprecherin:

Der Laden von Franka Peikert heißt übrigens "à la Hand" – eine französisch-deutsche Wortschöpfung. Sie hat sich für diesen Namen entschieden, weil alle Artikel, die sie verkauft, von Hand gemacht worden sind. Darüber hinaus spielt die Hand in ihrem Leben eine bedeutende Rolle.

Franka Peikert:

Ich denke, es ist mein Naturell auch. Also meine schlimmste Vorstellung wäre, alt zu werden, meine Hände nicht mehr benutzen zu können und zur Untätigkeit verdammt zu sein. Insofern habe ich wirklich den passenden Namen für meinen Laden gefunden."

Fragen zum Text:

Jemand, der/ die alle Hände voll zu tun hat,…

1. langweilt sich.

2. hat viel zu tun.

3. hat wenig zu tun.

Wenn man jemandem viel Erfolg und Glück wünscht,…

1. drückt man ihm/ ihr die Hände.

2. drückt man ihm/ ihr die Füße.

3. drückt man ihm/ ihr die Daumen.

Wenn man etwas völlig unvorbereitet tut, dann….

1. springt man ins die Badewanne.

2. springt man ins kalte Wasser.

3. hat man kalte Hände.

Arbeitsauftrag:

Etwas im Handumdrehen erledigen, die Hände in den Schoß legen, ein Händchen für etwas haben - schreiben Sie diese und fünf weitere Redewendungen aus dem Text auf und erklären Sie ihre Bedeutung schriftlich.

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