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Nahost

Die Hamas auf neuen Wegen

Vor 25 Jahren wurde die palästinensische Hamas gegründet. Von vielen Staaten als Terrororganisation eingestuft, sendet sie nun auch andere Signale und lässt politischen Pragmatismus erkennen.

Anfang Dezember 1987 flogen in Gaza und bald auch im Westjordanland Steine. Palästinensische Jugendliche schleuderten sie gegen israelische Soldaten. Für die Jugendlichen waren die Soldaten die Repräsentanten der übermächtigen Besatzungsmacht Israel. Überall erhoben sich daraufhin die Bewohner der besetzten Gebiete – unterstützt auch von den palästinensischen Muslimbrüdern, einem Ableger der ägyptischen Mutterorganisation.

Die Palästinenser sollten sich erheben, forderten die Unterzeichner eines Flugblatts vom 14. Dezember 1987. Dessen Autoren gaben sich als Mitglieder einer neu gegründeten Bewegung zu erkennen: der "Ḥarakat al-muqāwama al-islāmiyya", der "Islamischen Widerstandsbewegung". Abgekürzt lautet der Name "Hamas" – passenderweise auch der arabische Begriff für religiös geprägte Begeisterung. Nachdem sie bislang überwiegend im Namen säkularer Ideale Widerstand geleistet hatten, entschloss sich ein Teil der Palästinenser nun, dies im Namen der Religion zu tun.

Die radikale Sprache der "Charta"

Hamas-Demonstration in Gaza aus Anlass des Auftritts des Hamas-Führers Khaled Mashaal, 8.12. 2012. (Foto:AP/dapd)

Masse und Macht: Hamas-Demonstration in Gaza

Ihre Grundsätze fasste die neue Bewegung in ihrer im August 1988 veröffentlichten "Charta" zusammen. Das berühmt-berüchtigte Dokument dokumentiert ein in teils radikaler Sprache formuliertes Programm. So erteilt es Versuchen, den palästinensisch-israelischen Konflikt mit friedlichen Mitteln zu lösen, eine Absage. "Initiativen und so genannte friedliche Lösungen sowie internationalen Konferenzen stehen in Widerspruch zu den Prinzipien der Islamischen Widerstandsbewegung", heißt es in Artikel 13 der Charta.

Stattdessen empfiehlt die Bewegung einen anderen Weg: "Es gibt keine Lösung für die palästinensische Frage außer durch den Jihad." Verhandlungen werden als "Zeitverschwendung" und "sinnlos" bezeichnet. Gegen den Zionismus werden in der Charta schwere Vorwürfe erhoben, so etwa in Artikel 32 der Charta, wo es heißt: "Der Weltzionismus versucht zusammen mit den imperialistischen Mächten auf Grundlage eines ausgearbeiteten Plans und einer intelligenten Strategie einen arabischen Staat nach dem anderen aus dem Kampfzirkel gegen den Zionismus zu entfernen, mit dem Ziel, zuletzt nur noch dem palästinensischen Volk allein gegenüber zu stehen."

Solche Formulierungen wie auch politische Gewalt, vor allem Selbstmordanschläge gegen Zivilisten, haben westliche Staaten – unter anderem Deutschland, die USA und die EU – dazu veranlasst, die Hamas zu einer terroristischen Vereinigung zu erklären.

Neuer Pragmatismus

Die Hamas selbst hat sich von der Charta zwar offiziell noch nicht losgelöst, geht aber öffentlich auf Distanz zu ihr. "Das Dokument wurde während der Ersten Intifada geschrieben, um die Palästinenser gegen die Besatzung zu mobilisieren", erläutert Ahmad Yousef, Senior-Berater des Hamas Führers und Premierministers des Gazastreifens, Ismail Haniya. "Die Charta ist bei der Hamas seit 20 Jahren nicht mehr in Gebrauch: Wir nehmen sie weder als Grundlage unseres Unterrichts, noch beziehen wir uns auf sie."

In der Charta bezeichnet sich die Hamas als "islamische Widerstandsbewegung". Kritiker werfen ihr vor, einem "radikal-islamistischen Weltbild" anzuhängen. Dem stimmen nicht alle politischen Bobachter zu. Nach Einschätzung des palästinensischen Soziologen Iyad Barghouti, Direktor des "Ramallah Zentrums für Menschenrechtsstudien", lässt sich die Bewegung nicht allein von religiösen Überzeugungen leiten. Hamas habe zwar ein religiöses Weltbild. "Die Organisation war aber immer auch sehr pragmatisch. Sie setzt zwar noch auf den religiösen Hintergrund, aber vorrangig ist es eine politische Bewegung."

Islamismus als Wahlstrategie

Ismael Haniyah von der Hamas und Mahmud Abbas von der Fatah bei Gesprächen in Kairo, 24 February 2012. (Foto: EPA)

Versöhnung nicht ausgeschlossen: I. Haniyah (Hamas) und M Abbas(Fatah) in Kairo

Ähnlich sieht es auch der an der Beiruter Haigazian-Universität lehrende Politikwissenschaftler Maximilian Felsch, Autor einer umfassenden Studie zur Hamas. Der Islam werde von der Hamas durchaus pragmatisch instrumentalisiert. Das habe nicht zuletzt wahltaktische Gründe: "Die Religion ist gegenüber den in der PLO vereinten Kräften ein Alleinstellungsmerkmal. Durch die Religion kann sich die Hamas von ihnen absetzen und erklären, dass revolutionäre Ideen heute nicht mehr nur aus dem linken Lager kommen. Vielmehr, erklären sie, besitzt auch der Islam revolutionäres Potential – der Islamismus als politische Form des Islam."

Auch das Führungspersonal der Hamas besteht größtenteils aus Personen mit einem akademischen Abschluss in Natur- oder Wirtschaftswissenschaften. "Niemand von ihnen ist ein religiöser Gelehrter, wie das etwas bei der Hisbollah der Fall ist oder auch im iranischen System."

Dieser Kurs hat der Hamas auch im Westjordanland Sympathien eingetragen, erläutert Iyad Barghouti. Bei kommenden Wahlen könne sie dort durchaus erfolgreich sein. Dies habe sie allerdings nicht alleine in der Hand. "Die Popularität der Hamas in der Westbank hängt sehr davon ab, wie sich die Fatah im Westjordanland verhält. Auch ihr Verhältnis zu Israel spielt eine Rolle." Das größte Problem für die Palästinenser des Westjordanlands seien der stockende Friedensprozess und der fortschreitende Siedlungsbau. Dieser Umstand würde bei kommenden Wahlen eine große Rolle spielen.

Versöhnung nicht ausgeschlossen

Doch mehr als zwei konkurrierende wünschten sich die Palästinenser zwei miteinander kooperierende, wenn nicht sogar vereinte Parteien, so Barghouti. "Sie glauben, dass es keinen Grund gibt, diese Spaltung aufrechtzuerhalten. Denn Hamas hat von Widerstand gesprochen - und dieser Widerstand hat nun aufgehört. Umgekehrt hat Fatah von Verhandlungen gesprochen – und es hat keine Verhandlungen gegeben. Darum gibt es keinen Grund, dass die Spaltung weiter besteht."

Gaza's Hamas Prime Minister Ismail Haniyeh, center, the Emir of Qatar Sheikh Hamad bin Khalifa al-Thani, left, and Qatar's first lady Sheika Mozah bint Nasser al-Missned, right, attend a welcome ceremony in Rafah, southern Gaza Strip, Tuesday, Oct. 23, 2012. The emir of Qatar entered the Gaza Strip on Tuesday, becoming the first head of state to visit the Palestinian territory since Islamist Hamas militants seized control there in 2007.(Foto: Mohammed Abed, Pool/AP/dapd)

Katars Emir Prinz Al-Thani in Gaza mit Ismail Haniyeh, 23.10.2012

Mit der Auflösung ihrer Führungszentrale in Damaskus nach Ausbruch der syrischen Revolution hat die Hamas ein Zeichen gesetzt, dass sie sich nicht um jeden Preis von Syrien - und damit auch dem Iran - unterstützen lassen will. Ahmad Yousef führt für die Auflösung der Zentrale in Damaskus ethische Gründe an. Inzwischen hat sich Hamas Qatar angenähert. Das reiche Emirat spendete dem Gazastreifen vor einigen Wochen rund 250 Millionen Dollar – und dürfte im Gegenzug dafür wie auch für weitere Unterstützung auf einen neuen Kurs der Hamas drängen.

Ziel: Nationale Wahlen im nächsten Jahr

Auch innenpolitisch sendet Hamas starke Signale. Eine Zusammenarbeit mit der Fatah könne man sich gut vorstellen, so Yousef. Man stünde einander sehr nah. Es sei durchaus denkbar, dass man sich zu Beginn des kommenden Jahres in Kairo zu Verhandlungen treffe. Er hoffe auf nationale Versöhnung, um die Spaltung zwischen Westjordanland und Gazastreifen zu überwinden. Gelänge dies, sei auch eine Übergangsregierung denkbar. Unter ihre Ägide könnte es nach einem halben Jahr dann Wahlen geben. "Beide Seiten sind sich einig, ein System der geteilten Macht zu errichten, das alle nationalen und religiösen Gruppen umfasst."

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