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Amerika

Die Hüterin der Favela

Eine Frau im Kampf gegen die Drogenbosse: Captain Pricilla Azevedo hat das Kommando über 120 Militärpolizisten in Rios Favela Santa Marta und ist damit die erste Frau in dieser gefährlichen Führungsposition.

Captain Pricilla vor der Favela Santa Marta (Foto: Solveig Flörke)

Captain Pricilla sorgt für Frieden in der Favela Santa Marta

Die Türen sind verschlossen, denn der kleine Aufzug bis zum Gipfel von Dona Marta funktioniert mal wieder nicht. Bei 43 Grad heißt es also Treppensteigen durch die verwinkelten Gassen der Favela. Ganz oben auf 362 Metern Höhe weht ein starker Wind. Hier befindet sich seit einem Jahr das Quartier der neuen Friedenspolizei UPP. Sie soll nach der gewaltsamen Eroberung einer Favela dafür sorgen, dass Drogenhandel und Kommandoherrschaft nicht zurückkehren. Erst sieben Favelas sind bisher pazifiziert, darunter auch Santa Marta. Sie gehört zum Stadtteil Botafogo und ist vor allem bekannt als Drehort von Michael Jacksons Musikvideo "They dont care about us".

Gerne verweisen Rios Politiker auf dieses Vorzeige-Modell einer friedlichen und ungefährlichen Favela - an deren Spitze eine Frau steht: Captain Pricilla Azevedo hat das Kommando über 120 Polizisten - die sollen den 8000 Bewohnern der Gemeinschaft Sicherheit garantieren. "Hier steht alles unter dem Einfluss von Kriminalität", sagt sie. "Alle wachsen damit auf. Für die Kinder hier ist es völlig normal, dass Kriminalität ein Weg ist, um Geld zu verdienen und sich Materielles zu leisten. Und das ist, was hier jeder haben will."

Urin und Müll

Die Favela Santa Marta(Foto: Solveig Flörke)

Pricilla schützt das Armenvirtel vor der Rückkehr der Drogenhändler

In der Favela Santa Marta fehlt es am Nötigsten: Oft ist die Wasserpumpe kaputt und die Bewohner müssen ihr Trinkwasser in Eimern den Berg hinaufschleppen. Es stinkt nach Urin und Müll, der in der Sonne vergammelt. Mit der neuen Führung tun die meisten Bewohner sich noch schwer. Sie waren vertraut mit der Gewaltherrschaft der Drogenbosse, kannten Regeln und Strafen des so genannten "Roten Kommandos". Dass es damit für immer vorbei ist und ausgerechnet eine Frau sie schützen soll, können die meisten nicht glauben.

Der 22-jährige Deivid ist in Santa Marta geboren und aufgewachsen. Er ist einer von wenigen, die glauben, dass Captain Pricillas Vorgehen genau richtig ist. "Nach allem was ich weiß, ist sie echt ziemlich hart und lässt nichts durchgehen", sagt er bewundernd. "Es gibt immer noch ziemlich viele Probleme hier. Streitigkeiten zwischen Bewohnern, sogar Überfälle und Raub. Aber sie behält eine feste Hand."

Ständig in Lebensgefahr

Captain Pricilla in ihrem Büro in Santa Marta (Foto: Solveig Flörke)

Captain Pricilla in ihrem Büro in Santa Marta

Trotz aller Probleme ist Santa Marta die Vorzeigefavela von Rio de Janeiro. Als redegewandte, hübsche Frau gehört Pricilla Azevedo zum Konzept: Denn die Regierung will zeigen, dass es voran geht in den Favelas. Bei den Politikern und Prominenten, die Santa Marta besuchen, kommt die 31-jährige, energische Frau gut an. Vor ein paar Monaten kam sogar Popstar Madonna und ließ sich von der Polizeichefin ihre Favela zeigen.

Doch Pricilla Azevedos Berufsalltag bedeutet ständige Lebensgefahr: Einmal wäre sie fast bei lebendigem Leib verbrannt worden. Unbewaffnet kann sie ihre Wohnung nicht verlassen. Oft bleibt sie auch nachts zum Arbeiten im Polizeiquartier. Zum Glück kann sie sich auf ihre männlichen Kollegen verlassen: "Es ist schon klar, dass die Frau an sich schwächer ist, aber ich hatte niemals Probleme", sagt sie. "Und wenn ich mal zu klein bin, um irgendwo dran zu kommen, dann hilft sofort ein Kollege der neben mir steht."

Kinderwunsch? Später!

Auch privat ist Captain Pricilla mit einem Polizisten zusammen. Er hat Verständnis dafür, dass sie kaum zu Hause sein kann, Urlaub und eigene Kinder derzeit undenkbar sind. Die möchte Pricilla eines Tages einmal haben - und sie möchte endlich den Englischkurs zu Ende machen, den sie schon so oft angefangen hat. Vielleicht suche sie sich dann auch eine andere Arbeit, die besser bezahlt ist, sagt sie. 1200 Euro verdient Pricilla Azevedo umgerechnet im Monat - kein anderer Bundesstaat Brasiliens zahlt seinen Polizisten so wenig.

Anerkennung und Lob sind selten

Obwohl Pricilla Ende letzten Jahres für ihren Einsatz ausgezeichnet wurde, sind Anerkennung und Lob eher selten: "Es ist schon eine sehr spezielle Angelegenheit, denn du kümmerst dich und kümmerst dich und kümmerst dich, aber du darfst nie davon ausgehen, dass du von jemandem eine Anerkennung bekommst", schildert sie ihren Alltag. "Aber du fühlst dich trotzdem gut mit der Arbeit, die du gemacht hast. Es sind kleine Details, die die ganze Anstrengung wettmachen!"

Autorin: Solveig Flörke

Redaktion: Julia Belke (ako)