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Politik

Die Häutung des Nobelpreisträgers

Günter Grass hat im Berliner Ensemble erstmals öffentlich seine Autobiographie vorgestellt und sich kritischen Fragen wegen seines SS-Geständnisses gestellt. Das Interesse war entsprechend groß.

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Der Schriftsteller bei der Präsentation seines Buches

Günter Grass Eingeständnis, dass er als Jugendlicher in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs der Waffen-SS angehört hat, sorgte über die Grenzen Deutschlands hinaus eine heftige Auseinandersetzung über Leben und Werk des Literaturnobelpreisträgers aus. Warum dieses Bekenntnis erst so spät kommt, fragen die einen; alles Kalkül und Promotion für seine Autobiographie "Beim Häuten der Zwiebel", werfen ihm andere vor.

"Weiterhin den Mund aufmachen"

Die letzte Zeit, sagt Günter Grass, sei für ihn nicht einfach gewesen. Und ganz einfach ist zunächst wohl auch dieser erste öffentliche Auftritt im Berliner Ensemble für den Literaturnobelpreisträger nicht. "Ich stehe nach wie vor auf beiden Beinen und werde auch weiterhin den Mund aufmachen, wenn ich es für richtig halte", sagt Grass aber. "Es gab ja einige Kommentare, die meinten, jetzt müsse ich schweigen."

"In größerem Zusammenhang"

Moderator Wolfgang Herles geht sofort zur Sache und konfrontiert den Schriftsteller mit der Frage, die das deutsche wie das internationale Feuilleton in den letzten Wochen umgetrieben hat. Warum hat gerade er, der in der Bundesrepublik regelmäßig als "Moralapostel" aufgetreten ist, seine eigene Vergangenheit nicht früher lückenlos aufgedeckt?

"Mit welchem Recht will man von mir verlangen, dass ich zu diesem oder jenem Zeitpunkt eine kurze Phase in meinem Leben, in der Öffentlichkeit ausbreite?" Grass konterte und nannte als Grund seines langen Schweigens weder Scham noch Kalkül, sondern die lange Suche nach der richtigen Form: "Ich wollte nicht an eine Rampe treten und bekennen, ich war ein paar Wochen und Monate bei der Waffen-SS. Ich wollte das in größerem Zusammenhang - die jungen Jahre - schildern, wie man in meiner Generation dazu kommen konnte, dort hinein zu geraten."

Das aber sei nur innerhalb eines Buches möglich gewesen. Die traditionelle Autobiografie aber habe ihn, Günter Grass, immer misstrauisch gestimmt. Sie klinge schnell wie ein Tatsachenroman, in dem sich zwischen vagen Erinnerungen und Fakten kaum unterscheiden lasse: "Meinen Zweifel an der eigenen Erinnerungsmöglichkeit, Kenntnis der Erinnerung, die dazu neigt, die Dinge zu schönen, die dazu neigt, komplizierte, widersprüchliche Vorgänge so zu vereinfachen, dass sie erzählbar werden, das wollte ich mitschreiben. Also, den Zweifel an der Form der Autobiografie. Und das war mein ehrgeiziges Vorhaben beim Schreiben dieses Buches."

"Unter ihrem eigenen Niveau"

Dass sich die Kritik bislang kaum mit der literarischen Form und dem komplexen Inhalt des Romans "Beim Häuten der Zwiebel" auseinandergesetzt hat, sondern primär an dem Bekenntnis der Mitgliedschaft in der Waffen-SS reibt, hat Günter Grass nicht nur überrascht, sondern auch verletzt: "Ich habe nicht gedacht, dass geeichte Literaturkritiker, die in den Feuilletons sitzen und die von früh bis spät mit Literatur zu tun haben, so unter ihrem eigenen Niveau argumentieren würden", sagt Grass.

"Es gab keine Alternativen"

Das Publikum reagierte mit warmem Applaus und verdeutlichte damit sowohl sein Interesse an einer Versachlichung der Diskussion als auch an einer wirklichen Auseinandersetzung mit dem Text des Buches. Diesem Anliegen tat die Dramaturgie des Abends dann auch Genüge. Denn im Laufe der zweistündigen Veranstaltung wechselten Gesprächsrunden und Lesungen einander ab. Dabei löste sich die Diskussion von der Skandal-geprägten Sicht und öffnete sich dem Menschen und Autor Günter Grass, der literarisch die komplizierte Annäherung an den Jungen, den Jugendlichen, den jungen Mann gesucht hat, der er einmal war. Ein Günter Grass, der mit Befremden zu verstehen versucht, warum er einst, wie so viele Deutsche, ohne Fragen zu stellen, mitgemacht und an das Nazi-System geglaubt hat: "Das war eine in sich geschlossene Welt, es gab keine Alternativen. Es sei denn, man wuchs in einer Familie auf - und diese Fälle hat es ja gegeben - wo von den Eltern, was nicht ungefährlich war, Widerstand geboten wurde, zumindest intern."

In der kleinbürgerlichen Familie Grass aber war das nicht der Fall. Die eigene Verstrickung in die Geschichte, das Mitläufertum, die Angst im Feld, Hunger, Lügen und Vertuschungen in der Nachkriegszeit haben in Grass Leben bis heute ihre Spuren hinterlassen. Sie haben ihn zum Schriftsteller gemacht und sein Werk geprägt. Auch davon erzählt das Buch "Beim Häuten der Zwiebel".

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