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Musik

Die große Stimme im US-Pop-Journalismus: Der "Rolling Stone" wird 50

Als Mick Jagger 1967 hörte, dass ein neues Musikmagazin so heißen sollte wie seine Band, war er nicht begeistert. Doch schon bald war das Blatt legendär. Wir blicken auf 50 Jahre Magazingeschichte zurück.

Sebastian Zabel ist seit 2012 Chefredakteur beim deutschen Musikmagazin "Rolling Stone". Den ersten festen Job hatte er beim Musikmagazin "Spex". Danach arbeitete er als Reporter, Redakteur, Ressort- und Redaktionsleiter bei verschiedenen Tageszeitungen und als DJ in der Bar eines Freundes. Im Gespräch mit der DW erzählt der Journalist von seinen persönlichen Erinnerungen an den Klassiker des Pop-Journalismus in den USA.

DW: Herr Zabel, als die erste Ausgabe des US-Musik-Magazins "Rolling Stone" im November 1967 erschien, waren sie noch ein kleines Kind. Wann haben Sie zum ersten Mal davon gehört oder es sogar gelesen?

50 Jahre Musikmagazin Rolling Stone John Lennon (picture-alliance/AP Photo/M. Lennihan)

John Lennon auf dem Cover der Erstausgabe

Sebastian Zabel: Den US-amerikanischen "Rolling Stone" habe ich Ende der 1970er-, Anfang der 80er-Jahre zum ersten Mal wahrgenommen, als ich anfing, mich intensiv mit Musik zu beschäftigen. Ich habe damals die deutsche Zeitschrift "Sounds" gelesen, da gab es "Spex" noch nicht. Zeitgleich habe ich erfahren, dass es so eine amerikanische Zeitschrift gibt. Es wurde damals ja häufiger auf den "Rolling Stone" verwiesen und er wurde zitiert. Allmählich wusste man, dass von da all die großen Schreiber wie Greil Marcus oder Hunter S. Thompson kommen.

Hat Sie der "Rolling Stone" damals direkt begeistert, oder konnten Sie damit überhaupt nichts anfangen?

Ich konnte damals sehr schnell damit etwas anfangen, wegen der originellen Erzählweisen im "Rolling Stone". Die Musik hat mich nur teilweise begeistert. Nachdem man aus den 70ern "raussurfte", war ich eher ein Kind des Punkrock und des New Wave. Für die Allman Brothers oder die Band Little Feet hatte ich damals nichts übrig. Aber ich mochte die Art und Weise, wie der "Rolling Stone" Journalismus aufgefasst hat. Die Amerikaner schreiben anders und sie schreiben besser als die Deutschen.

Das Geheimnis des Erfolgs

Schon ein halbes Jahr nach Erscheinen der Erstausgabe galt das "Rolling Stone"-Magazin als Sensation. Die New York Times hatte sie damals "Gegenkultur-Bibel der Baby Boomers" genannt. Was alles hat diesen schnellen Erfolg des Magazins bewirkt?

Das Magazin war in den USA tatsächlich so etwas wie die Stimme der Nation. Als der "Rolling Stone" 1967 aller Wahrscheinlichkeit nach in einer Garage gegründet wurde, war das so ein mythischer Moment: Der Sommer 1967 war der Höhepunkt der Hippiebewegung in den USA. Der "Summer of Love" spiegelte das Lebensgefühl der Jugend in San Francisco wider. Also, da passte alles sehr gut zusammen: alles sehr authentisch und glaubwürdig.

50 Jahre Musikmagazin Rolling Stone (picture-alliance/AP/Rock & Roll Hall of Fame)

Die Rock & Roll Hall of Fame in Cleveland zeigt zum Jubiläum Kult gewordene Fotografien aus dem Magazin

Der "Rolling Stone" hat sich von Anfang an als Stimme der Gegenkultur verstanden. Er war immer ein investigatives Magazin. Er hat mit einem ähnlichen Ansatz über Politik und Gesellschaft geschrieben, wie er über Musik geschrieben hat: streng subjektiv, sehr hinter die Kulissen schauend und in der Ich-Form. Das waren recht ungewöhnliche revolutionäre Schritte im Journalismus, die man damals "Gonzo-Journalismus" nannte. Das alles hat zur Ausnahmestellung des "Rolling Stone" beigetragen.

Geschichten, Bilder, Sensationen

Welche Beispiele fallen Ihnen dazu spontan ein?

	Rolling Stone Cover John Lennon Yoko Ono (Rolling Stone Magazine/Annie Leibovitz)

Das letzte Foto von John Lennon - aufgenommen am Tag vor seiner Ermordung am 8. Dezember 1980 in New York City

Der US-amerikanische "Rolling Stone" hat sich häufig getraut, tolle Titelbilder zu machen. Die hatten in den 70er-Jahren beispielsweise den eher mainstreamigen und weichgespülten Popstar David Cassidy halbnackt auf dem Cover. Das war damals ein Riesenskandal. Dann dieses ikonische Cover mit John Lennon und Yoko Ono, fotografiert von Annie Leibovitz. Dieses Gänsehaut-Foto entstand einen Tag vor dem Mord an John Lennon. Nach dem Tod von Lennon haben sie zum ersten Mal ein Cover ohne Schrift gedruckt. Das war sensationell.

Ich erinnere mich auch an einzelne Geschichten: Die legendäre Reportage "Fear and Loathing in Las Vegas" von Hunter S. Thompson zum Beispiel. So etwas kannte man bis dahin einfach nicht. Oder dass jemand bei der Präsidentschaftskampagne von Richard Nixon mitfährt und berichtet, was da im Hintergrund ablief. Wie sie sich betrinken, wie er selbs Drogen nimmt und so weiter. Das war schon wüst und aufregend und sehr ungewöhnlich.

Hoher Stellenwert durch Authentizität

Welche Bedeutung hat der "Rolling Stone" für die Musiker und für die Musikszene in den USA?

50 Jahre Musikmagazin Rolling Stone COVER (picture-alliance/dpa)

Die Rankings im "Rolling Stone" sind legendär

Er war und ist bis heute sehr bedeutend für die Szene. Auf dem Cover des "Rolling Stone" zu sein, ist bis heute etwas ganz Besonderes. Dann hat man es geschafft. Das gilt vor allem für die US-amerikanischen Musiker. Auch dass die Autoren des Magazins unabhängig werten und ernsthaft mit Musik umgehen, hat in den USA einen sehr hohen Stellenwert.

Daran konnten auch einige Eklats in der Magazin-Geschichte nichts ändern, wie der Artikel über die mutmaßliche Vergewaltigung einer Studentin, für die es keine Beweise gab. Wäre in den frühen Jahren in Deutschland die Zeit reif gewesen für ein Musikmagazin im Stile des "Rolling Stone"?

Es gab mit "Sounds" ein Magazin, was dem "Rolling Stone" nicht sehr unähnlich war. Das war ein sehr ambitioniertes Musikmagazin, das schon 1966 erschienen war. Die hatten auch ähnliche Themen. Es war allerdings nicht ganz so brillant. Der subjektive "Gonzo-Journalismus" hatte in Deutschland einfach keine richtige Heimat. Das war immer ein bisschen abgeguckt und angelernt. In den 80ern ist das durch das Magazin "Spex" besser geworden. Deutschland hat eine andere Popkultur als die USA.

Der deutsche Ableger

Herr Zabel, Sie haben sieben Jahre bei dem eben erwähnten Musikmagazin "Spex" gearbeitet. Sie sind seit fünf Jahren Chef der deutschen Ausgabe des "Rolling Stone". Was machen Sie anders als Ihre Kollegen in den USA?

Sebastian Zabel - Chefredakteur des deutschen Rolling Stone Magazins (RollingStone/F. Göckeler)

Sebastian Zabel - Kenner der deutschen und US-amerikanischen Musikszene

Wir machen ein Magazin für den deutschsprachigen Raum. Die Amerikaner haben viele auf die USA zugeschnittene Politikbeiträge - das machen wir natürlich nicht. Die Kollegen haben ein etwas weiter gefasstes Verständnis von Mainstream-Musik. Wir sind ein Musikmagazin, was zum einen auf Rocktradition setzt und alte Helden feiert. Zum anderen werfen wir aber auch den Blick auf die Elektronische Musik und auf jüngere Songwriter in Deutschland. Die Amerikaner machen das weniger. Wenn wir politische oder sozialpolitische Themen haben, dann sind die Beiträge natürlich aus einer europäischen oder deutschen Perspektive geschrieben.

Verkauf statt Party

Die Helden des Mutterblattes waren in den Anfängen die Beatles, die Rolling Stones oder Bob Dylan. Kritiker werfen dem US-Magazin vor, daran hätte sich bis heute nichts geändert. Deswegen seien die Werbeeinnahmen zurückgegangen und die Auflage sei gesunken. Jetzt steht der US-"Rolling Stone" nach fast 50 Jahren sogar zum Verkauf. Waran liegt das Ihrer Meinung nach?

Rolling Stone publisher Jann Wenner poses for a portrait with a reproduction... (picture-alliance/AP Photo/M. Altaffer)

Gründer und Herausgeber Jann Wenner 2006 vor dem Cover der 1000. Ausgabe

Ich glaube nicht, dass die Werbeinnahmen zurückgegangen sind, weil der "Rolling Stone" viel über Bruce Springsteen oder die Rolling Stones berichtet. Die Werbeeinnahmen von Printmedien sind weltweit und fast überall rückläufig. Warum der "Rolling Stone" in den USA zum Verkauf steht, kann ich nicht sagen. Jann Wenner hat das Blatt vor 50 Jahren gegründet und ist nach wie vor der Herausgeber. Vielleicht meint er, dass es nun für ihn reicht. Ich habe mit ihm nicht darüber gesprochen. Beim deutschen "Rolling Stone" arbeiten wir sehr autark. Deshalb rechne ich mit keinen Auswirkungen nach einem Verkauf.

Herr Zabel, was wünschen Sie Ihrem Mutterblatt zum 50. Geburtstag am 9. November?

Der "Rolling Stone" ist die weltweit bekannteste Musikmarke. Deshalb wünsche ich ihm, dass er noch ein paar Dutzende Jahre die große Stimme im Pop-Journalismus der USA bleibt.

Das Gespräch führte Conny Paul.

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