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Deutschland

Die große Flucht

Für Edith Koitka, Jahrgang 1939, ist der 8. Mai 1945 bis heute ein Trauma. Denn an diesem Tag wurde amtlich, was sie bis heute nicht verwunden hat: Der Verlust ihrer ostpreußischen Heimat.

Ein Junge hockt vor den Trümmern eines Elternhauses in Niederschlesien. (Foto:bpk)

Vertreibung aus der Heimat: Schicksal für 12 Millionen Menschen

Schon seit Wochen kursieren Gerüchte, nach denen marodierende sowjetische Truppenteile durch eroberte Gebiete in Ostpreußen ziehen und sich nehmen, was nicht niet- und nagelfest ist. Aber noch harren Edith Koitka, ihre drei Geschwister und ihre Mutter im ostpreußischen Allenstein aus.

Ein Brief mit Folgen

Ihre Hoffnung auf eine friedliche Zukunft wird durch einen Feldpostbrief ihres Vaters, der an der Ostfront ist, zunichte gemacht: So schnell wie möglich flüchten, schreibt er ihnen unmissverständlich. Am 18. Januar 1945 beginnt daraufhin für die Familie Koitka eine Odyssee mit unvorstellbaren Herausforderungen.

Ein Original-Flüchtlingsholzwagen im Haus der Geschichte in Bonn als Ausstellungs-Exponat. (Foto:AP)

Heute ein Museumsstück, 1945 ein Fluchtwagen

Auf einem kleinen Fluchtwagen macht sich die Familie Koitka auf den Weg in Richtung Westen. Wegen der von der zusammen gebrochenen Ostfront zurückströmenden deutschen Soldaten sind die großen Straßen gesperrt. Die Flüchtlinge sind auf Nebenstraßen angewiesen, die wegen des eisigen Winterwetters aber kaum passierbar sind. Glatte Straßen und dichtes Schneegestöber lassen den Treck, der mittlerweile so lang ist, wie das Auge reicht, kaum vorankommen.

Angriffe aus der Luft

Bald kommen sowjetische Tiefflieger, die die Flüchtlinge gnadenlos beschießen und anschließend mit heulenden Motoren wieder in den Himmel steigen. Rechts und links des Weges brennen Häuser und Höfe. Am Wegesrand liegen Leichen. Das Schreien der hungrigen Babies vermischt sich mit dem Wehklagen ihrer Mütter. Viele der Neugeborenen sterben in den ersten Tagen der Flucht.

Das "Frische Haff"

Das Schneetreiben ist in den vergangenen Tagen immer dichter geworden. Auf abenteuerlichen Wegen erreichen sie einen kleinen Ort. An der Bahnstation steht ein Zug. Edith Koitka erinnert sich: "Erschöpft und durchnässt stiegen wir ein, ohne zu wissen, wohin der Zug fuhr. Unterwegs wurden wir ständig beschossen und der Zug blieb mehrmals auf freier Strecke stehen. Trotzdem erreichten wir Braunsberg in Ostpreußen."

Am nächsten Morgen soll es über das "Frische Haff" in Richtung Westen gehen. Aber durch den Beschuss der sowjetischen Kampfflieger ist das Eis des Haffs zersprengt. Es kann ohne Lebensgefahr nicht mehr betreten werden. Manche tun es in ihrer Verzweiflung trotzdem: "Ich werde den Aufschrei der Menschen und das Wiehern der Pferde nie vergessen, die das Frische Haff verschlang. Eine Eisschicht legte sich sofort über sie!"

Flüchtlingsschiff "Wilhelm Gustloff"

Nach etwa zwei Wochen haben die Koitkas Danzig erreicht. In der Nähe ist die kleine Hafenstadt Gotenhaven. Dort liegt die "Wilhelm Gustloff" vor Anker – ein Passagierschiff der nationalsozialistischen Organisation "Kraft durch Freude". Tausende Flüchtlinge haben sich versammelt, drängen auf das Schiff. Auch die Familie Koitka ist zunächst unter ihnen. Zwei Plätze sind noch frei, ruft ein Matrose an Deck. Dann ist sicher auch Platz für vier, denkt sich ihre Mutter, und sie gehen an Bord. Als klar wird, dass wirklich nur zwei an Bord bleiben können, verlassen sie alle wieder das Schiff. Wenig später nimmt sie die "Potsdam" auf, die ebenfalls nach Gotenhaven gekommen ist.

Das Passagierschiff Wilhelm Gustloff wurde am 30.1.1945 von sowjetischen Torpedos versenkt. (Foto:dpa)

Von sowjetischen Torpedos am 30. Januar 1945 versenkt: Passagierschiff Wilhelm Gustloff mit etwa 10.000 Zivilisten an Bord.

Nach der "Gustloff" läuft auch die "Potsdam" aus. Am frühen Morgen des 31. Januar 1945 steht Edith Koitka auf dem Schiffsdeck und sieht die Überreste der "Gustloff": "Auf dem Wasser schwammen unzählige Kästen und Bündel. Die Soldaten an Bord berichteten, dass am 30. Januar um 21:16 Uhr die "Gustloff" von einem russischen U-Boot torpediert wurde und eine Stunde danach versank." An Bord waren fast 10.000 Menschen – die meisten von ihnen Flüchtlinge.

Neuanfang

Wenig später kommt Edith Koitka mit ihrer Familie auf Rügen an. Von dort geht es über Stralsund und Rostock schließlich weiter in ein kleines Dörfchen in Mecklenburg-Vorpommern. Einerseits sind sie erleichtert über die geglückte Flucht. Andererseits aber wissen sie, dass sie ihre Heimat für immer verloren haben. Über diesen Verlust kommt Edith Koitka nicht hinweg: "Wir hatten die Heimat verloren, wir hatten ja nichts als das, was wir auf dem Körper trugen."

So wie der Familie Koitka erging es rund 12 Millionen Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches - sie alle mussten ihre Heimat verlassen. Entweder aus Furcht vor Übergriffen der sowjetischen Soldaten schon während des Krieges, unmittelbar nach Kriegsende, weil sie aus ihren Heimatregionen vertrieben wurden. Schätzungen gehen davon aus, dass rund zwei Millionen Menschen die Strapazen der Flucht nicht überstanden haben.

Autor: Matthias von Hellfeld
Redaktion: Hartmut Lüning

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