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"Die große Koalition wird ein Kampf"

11. Oktober 2005

Die Mehrheit der ausländischen Zeitungen blickt voller Skepsis auf die große Koalition in Deutschland. DW-WORLD mit internationalen Pressestimmen zur Regierungsbildung nach der Bundestagswahl.

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"La Tribune" (Paris): Merkel noch nicht am Ende ihrer Mühen angelangt

"Angela Merkel hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Sie erobert das Kanzleramt und wird ihren alten Feind Gerhard Schröder los. Doch (...) die erste Kanzlerin in der deutschen Geschichte ist noch lange nicht am Ende ihrer Mühen angelangt. Denn paradoxerweise war das, was sie bisher geschafft hat, der einfachste Teil. Dies bedeutet, dass Merkels Freunde keine Fehler machen und auch kein Flickwerk zusammenschustern dürfen, dessen Schwächen sie unweigerlich in sechs Monaten oder einem Jahr wieder zum Ausgangspunkt bringen würden - an die Urnen."

"Libération" (Paris): Die große Koalition wird ein Kampf

"Deutschland droht keine ultraliberale Rosskur. Die Wähler haben jegliche Versuche in diese Richtung unterbunden, indem sie - de facto - die Teilung der Macht zwischen Rechten und Linken erzwungen haben, zwischen Anpassung an die Erfordernisse des internationalen Wettbewerbs und der Wahrung eines hohen Sozialschutzes. Doch der Wunsch, diese beiden Gegensätze unter einen Hut zu bringen, mag noch so stark sein - es wird doch keinen Zaubertrick geben, der die daraus folgenden Widersprüche lösen könnte. Die 'große Koalition' wird ein Kampf sein."

"El País": Merkel wird neue Fähigkeiten zeigen müssen

"Das Ergebnis hat gezeigt, dass die Deutschen wirtschaftliche und soziale Reformen akzeptieren, diese aber nicht allzu drastisch ausfallen sollten. Dies sollte Angela Merkel berücksichtigen. Die übrigen Europäer hoffen vor allem, dass die große deutsche Lokomotive wieder in Gang kommt. Eine große Koalition über vier Jahre zusammenzuhalten, ist eine große Herausforderung. Dazu wird Merkel Fähigkeiten zeigen müssen, die man bei ihr bislang nicht kennt und allenfalls vermuten kann."

"The Guardian" (London): Keine großen Hoffnungen

"Eine gespaltene deutsche Wählerschaft hat eine in sich gespaltene Regierung hervorgebracht, die es sehr schwer haben wird, viel Wandel zu bewirken. Europa dürfte keine großen Hoffnungen haben. Das Beste, was sich sagen lässt, ist, dass es eine angenehme Überraschung wäre, wenn die Pessimisten sich (mit negativen Prognosen) irren würden."

"Tages-Anzeiger" (Zürich): Es drohen verlorene Jahre

"Angela Merkel, die spröde Naturwissenschaftlerin aus dem Osten Deutschlands, hat den Machtkampf ums Kanzleramt für sich entschieden. (...) Auf sie wartet eine Aufgabe, die dem Ausmisten des Augiasstalles gleicht: die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen und den Sozialstaat zu reformieren, ohne die soziale Gerechtigkeit zu opfern. Gelingt es nicht, die große Koalition halbwegs zum Erfolg zu führen, werden nicht nur beide Parteien bei der nächsten Wahl bestraft, es drohen auch weitere verlorene Jahre für Deutschland."

"La Repubblica" (Rom): Merkels Phyrrussieg

"Angela Merkel hat nicht alles wieder aufgeholt, was sie an diesem schrecklichen Wahlabend am 18. September verloren hatte. Was sie nun erreicht hat, erscheint eher wie ein Pyrrhussieg. Sie wird Kanzlerin, sicherlich, aber ihre Regierung ist mit sozialdemokratischen Ministern besetzt, die von Gerhard Schröder in Stellung gebracht wurden, ihrem Gegner, der zwar formell besiegt wurde, der ihr aber den Triumph gestohlen hat. (...) Acht sozialdemokratische Minister im 16-köpfigen Kabinett. Da wird es schwierig werden für Angela Merkel, das Wahlprogramm ihrer Partei durchzusetzen."

"Kommersant" (Russland): Schröder half Merkel an die Macht

"Merkel konnte die Gefahr abwehren, die ihr aus der eigenen Partei drohte. Dabei half ihr paradoxerweise Gerhard Schröder, das Feuer der Kritik zu löschen. Bis zum Letzten hatte er rigoros ausgeschlossen, dass Merkel zur Kanzlerin gewählt wird, und sich als den Einzigen dargestellt, der auf dieses Amt Anspruch hat. Mit seinen Angriffen auf die CDU-Vorsitzende trug Schröder zu der bemerkenswerten Geschlossenheit der CDU/CSU bei. Er gab den Konservativen zu verstehen, dass sie mehr an die Führung im Land als an innerparteilichen Streit denken sollten."

"Corriere della Sera" (Mailand): Lobeshymne auf die politische Klasse

"Es bedarf einer Lobeshymne auf die politische Klasse des Landes, die nach einem der härtesten Wahlkämpfe der Nachkriegszeit dennoch einem Ergebnis gerecht geworden ist, das weder Sieger noch Besiegte kennt, und die Streit und persönliche Rachegefühle beiseite gelegt hat und stattdessen die Strategie der Zusammenarbeit zwischen den großen Parteiblöcken gewählt hat."

"Politiken" (Kopenhagen): Die große Koalition ist eine Übergangslösung

"Wenn Merkel etwas mehr Verständnis für Menschen an den Tag legt als im Wahlkampf, kann die große Koalition aber trotzdem Gutes für Deutschland und damit Europa ausrichten. (...) Die großen Parteien haben einen Burgfrieden nach ihrem Schiffbruch bei den Wahlen geschlossen. Das ist nicht das Schlimmste, was Deutschland passieren konnte. Die große Koalition ist eine Übergangslösung. Sie wird höchstens vier Jahre regieren. Wenn ihre Zeit vorüber ist, wissen die Wähler, welchem der beiden großen Flügel in der deutschen Politik sie nächstes Mal ihre Stimme geben." (stu)