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Welt

Die griechische Odyssee einer syrischen Familie

Die zweitgrößte Flüchtlingsgruppe, die illegal in die EU strömt, sind Syrer. Die meisten landen mit Booten in Griechenland. DW-Korrespondentin Marine Olivesi hat eine Familie auf ihrer Irrfahrt begleitet.

Sechzehn Syrer fädeln Schürsenkel in ihre Schuhe, frisch entlassen aus der Polizeistation Mitilini auf der griechischen Insel Lesbos. "Habt ihr im Gefängnis gegessen?" fragt Aktivist Efi Latsoudi in die Runde der Großfamilie. "Hat man euch regelmäßig zu essen gegeben?" - "Schlechtes Essen", antwortet einer der Teenager. "Und wie viele Tage wart ihr dort?" "Vier Tage", so die Antwort. "Mit den Kindern?" "Ja, mit den Kindern." Eine der Frauen zeigt auf Lana. Das zehn Monate alte Baby schlummert auf dem Arm seiner Mutter. "Vier Tage, mit all den Kindern", wiederholt der Aktivist. "Das ist doch verrückt." Latsoudi ist entsetzt, aber kaum überrascht. Griechische Beamte nehmen Migranten und Flüchtlinge ohne Papiere bei ihrer Ankunft in Griechenland routinemäßig fest. Syrer sind da keine Ausnahme.

Laut der EU-Grenzschutzagentur Frontex waren Syrer nach den Afghanen im vergangenen Jahr die zweitgrößte Gruppe illegaler Einwanderer in die EU. Die meisten landen in Griechenland und zwar zunehmend auf dem Seeweg. Plötzlich sei der Strom der Flüchtlinge im letzten Sommer nicht mehr von der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland gekommen, sondern von den Ostägäischen Inseln, erklärt Oberleutnant Antonios Sofiadelis, der Koordinator der Küstenwache auf Lesbos mit Frontex.

Auf Lesbos landen die meisten Flüchtlinge

Der Grund sei der Bau eines Grenzzaunes sowie der Einsatz von 2000 Wachen im August 2012 in der Gegend um Evros, fügt Sofiadelis hinzu. Seitdem sei der illegale Zutritt auf dem Landweg zurückgegangen und habe dafür dramatisch auf dem Seeweg zugenommen. "Lesbos ist die am härtesten betroffene Insel."

Dutzende Flüchtlinge landen jede Woche an den Stränden der Insel. Um die nötigen Dokumente für die Fähre nach Athen zu bekommen, müssen sie sich bei der Polizei registrieren. Das weiße Blatt Papier fest in der Hand, die Kinder im Schlepptau, hasten die Syrer zum Hafenamt, wo sie Fahrkarten kaufen. Das Schiff legt noch in derselben Nacht ab.

Mehrere Leute stehen auf dem Kai herum, im Hintergrund sind Gebäude und Bäume zu sehen (Foto: Marine Olivesi / DW)

Die Familie macht sich auf den Weg zum Hafenamt

An Bord wird den jüngsten der Sippe schnell klar, dass diese Überfahrt lustiger zu werden verspricht als die zugige, schwankende Reise von der Türkei nach Lesbos. Sie spielen zwischen den leeren Sitzreihen Verstecken. Die Erwachsenen plumpsen auf ihre Sitze, erleichtert und erschöpft. "Müde, müde, müde", murmelt Oum Nour, eine der drei Mütter. "Die letzten Tage waren sehr anstrengend (...) am liebsten würde ich eine ganze Woche lang schlafen!" Vor einer Woche hat die Familie Istanbul verlassen und Syrien noch zwei Monate zuvor.

Tiefgreifender Verlust

Die Familie hat palästinensische Wurzeln und lebt seit vier Generationen in Damaskus. Den Palästinensern ging es in Syrien viel besser als sonst wo im Nahen Osten, erklärt Oum Nour. Sie hätten ein sehr gutes Leben in Damaskus gehabt: "Syrien ist unser Heim, dort ist unser Job, die Schulen für unsere Kinder - aber das haben wir alles verloren." Und zwar am 16. Dezember 2012, als Raketen Yarmouk, das palästinensische Viertel in Damaskus, treffen und einen ihrer Verwandten töten.

Es ist der erste gezielte Angriff des syrischen Regimes in der Gegend - der Beginn einer verhängnisvollen Wende für die 500.000 Palästinenser in Syrien. Zunächst halten sich die meisten aus dem Bürgerkrieg heraus: Sie fühlten sich ihrem Gastland verpflichtet. Aber als die Freie Syrische Armee im Herbst in Yarmouk Fuß fasst, schlägt das Regime zurück und die syrischen Palästinenser sind gezwungen, Partei zu ergreifen. Hunderte Menschen fliehen.

Oum Nour und ihre Familie wollen nach Schweden, dem einzigen europäischen Land außer Deutschland, das syrischen Flüchtlingen automatisch Schutz garantiert. Schweden und Deutschland haben jeder etwa 9000 der insgesamt 33.000 syrischen Flüchtlinge in der Europa aufgenommen. Oum Nour hofft auf ein mietfreies Haus und kostenlose Gesundheitsvorsorge - Dinge, die es in der Türkei nicht gibt. Viele Flüchtlinge hängen allerdings länger als geplant in Griechenland fest.

Aufgeschmissen in Griechenland

Ramzia und ihre fünf Kinder kommen im September 2011 in Griechenland an. Der syrische Volksaufstand hat sich noch nicht zum Bürgerkrieg entwickelt, aber ihr Mann wird vom Regime gesucht, da er Proteste organisiert hat. Eines Tages stehen Soldaten vor der Tür und drohen, die gesamte Familie festzunehmen, erinnert sich Ramzia. Kurze Zeit später flieht sie mit den Kindern in die Türkei. Um nicht in einem Flüchtlingscamp zu landen, passieren sie heimlich die Grenze nach Griechenland, mit dem endgültigen Ziel Österreich, wo eine Kusine lebt. Allerdings macht der exorbitante Preis die Schmuggelaktion zunichte: an die 10.000 Euro hätte die Familie für die Fahrt von Griechenland über Italien nach Österreich zahlen sollen.

Ramzia und ihre Tochter in ihrer kleinen Küche (Foto: Marine Olivesi / DW)

Ramzia und ihre Tochter in ihrer kleinen Küche

Sechzehn Monate nach Erhalt ihrer Abschiebungs-Ankündigung ist die Familie immer noch in Griechenland. Eines Morgens im Februar klingelt Ramzias Handy. Am Telefon sind ihre älteren Söhne, 17 und 18 Jahre alt: "Mama, wird sind verhaftet worden."

Auf der Polizeistation gab es Ärger, man schreit sie an, die Familie habe ihre Zeit im Lande weit überschritten. "Ich fing an zu weinen und erklärte, mein Mann sei nicht hier, ich bräuchte meine Söhne. Überall waren nur Männer, und denen war das egal", sagt Ramzia. "Sie sagten mir: Geh. Wir behalten Deine Söhne."

Schätzungen zufolge sind mehr als 1000 Syrer in Griechenland inhaftiert, weil sie die Anordnung zur Rückkehr missachtet haben. Tausende hängen ohne Papiere fest, ohne die Chance, ihren Status in dem Land zu ändern. Die Chancen auf Asyl sind in Griechenland extrem gering: Laut Human Rights Watch haben fast 10.000 Syrer seit 2011 dort Zuflucht gesucht, aber bis Ende 1012 gab es nur sechs positive Flüchtlingsbescheide.

Kaputtes System

Einige Asylgesetze wurden zwar in den vergangenen Jahren ergänzt, meint Spyros Rizakos von der Flüchtlingshilfsgruppe AITIMA, aber eine umfassende Reform steht noch aus. Bis dahin sind die Syrer demselben unzulänglichen System ausgesetzt, das schon Tausende afghanische und irakische Flüchtlinge im Stich gelassen hat.

Der syrisch-palästinensischen Flüchtlingsfamilie erklärt der Anwalt von AITIMA ihre Situation. Die gute Nachricht: Sie können rasch den Antrag auf Asyl stellen, da ihr Fall als "gefährdet" angesehen wird.  AITIMA kann sie an die Polizei weiterleiten und für alle 16 Familienmitglieder noch im März Termine machen. Es kann Jahre dauern, bis sie anerkannt werden, aber bis dahin haben sie einen legalen Status in Griechenland. Die schlechte Nachricht: Manche Familienmitglieder werden durch das Raster fallen.

"Einige der Kinder sind älter als 18", erklärt Rizakos. Aus Erfahrung weiß Rizakos, dass die Polizei sie nicht akzeptieren wird. Also werden sie sich wahrscheinlich zu den vielen Flüchtlingen ohne Papiere gesellen." Absurd, aber was können wir tun?"

Abed mit seinem kleinen Cousin (Foto: Marine Olivesi / DW)

Abed freut sich, seinen kleinen Cousin wiederzusehen

Flüchtlingstragödien

Schweigend verarbeiten Ayman, der älteste Sohn der Familie, und einer der anderen Jungen diese Nachricht. Vor wenigen Stunden haben sie im Hafen von Piräus weitere zehn Familienmitglieder abgeholt, die dieselbe Odyssee hinter sich haben.

Auf der Zugfahrt in die Innenstadt von Athen berichten sie von der Reise. Aymans Onkel erzählt davon, wie das Schlauchboot mit 42 Flüchtlingen an Bord 20 Meter vor Lesbos kentert. Alle schaffen es an Land. Nur wenige Tage später sterben sechs Syrer auf See bei dem Versuch, Lesbos zu erreichen, darunter laut UN-Flüchtlingskommissariat eine schwangere Frau und drei Kinder.

"Warum sollten wir unser Leben riskieren, um Schweden zu erreichen?" fragt sich Ayman. "Wenn die Schweden uns als Flüchtlinge anerkennen, sobald wir dort sind, warum können wir den Antrag nicht einfach hier an ihrer Botschaft stellen?" "Darüber denke ich jeden Tag nach, aber es gibt keine Antwort."

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