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EU-Referendum

Die Griechen und der Brexit: Zwischen Verständnis und Zukunftsangst

In kaum einem anderen Land sind die Auswirkungen europäischer Krisen so stark zu spüren, die EU-Sympathien so gering. Dennoch sorgt der Brexit bei den Griechen für gemischte Gefühle. Von Gill Omaira, Athen.

Während der britische Wahlabend im Regen versank, genossen die Griechen eine warme Sommernacht. An deren Ende stand fest: Der Brexit kommt. Und mit ihm die Erinnerungen an Griechenlands eigenes unglückseliges Referendum vor weniger als einem Jahr. Damals sagten die Hellenen nein zu den europäischen Sparauflagen. Damit rückte auch ein Grexit in den Bereich des Möglichen. Doch sie blieben in der EU.

Einige Griechen befürworten Großbritanniens Entscheidung, mit der EU zu brechen - mit einer Wirtschaft im Rücken, die viele als stark genug für diesen Schritt einschätzen.

Andere äußeren sich verhaltener. Sie werteten den Brexit als überflüssiges Glücksspiel. Die EU habe zwar ihre Fehler, sei aber immer noch besser als die Alternative, lautet ihre Argumentation. Die Briten hätten einen Dominoeffekt ausgelöst, der sehr wahrscheinlich auch die griechische Wirtschaft treffen werde, eine Wirtschaft, die keine weiteren Rückschläge verkraften könne.

"Ohne Gewehrkugeln"

Im Laufe der Brexit-Nacht fiel das Pfund auf seinen niedrigsten Stand seit 31 Jahren. Dann brach das Morgengrauen in Griechenland an - vom staatlichen Fersehsender ERT begleitet mit Nigel Farages Siegesbekundungen in Dauerschleife und einer Debatte über seine zweifelhafte Wortwahl. Der Rechtspopulist hatte erklärt, der Triumph der EU-Gegner sei "ohne eine einzige Gewehrkugel" erreicht worden.

Griechisches Parlament am Morgen nach dem Brexit (Foto: DW)

Der Morgen danach - auch für die Griechen war der Austritt der Briten ein Schock

Auf griechischen Nachrichtenkanälen diskutierten unterdessen übernächtigte Analysten die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Athen und London im Lichte der Ereignisse, vor allem mit Blick auf den Schiffsfahrts- und Tourismussektor. Immer wieder wurden die Ausführungen von Momenten der Stille unterbrochen, wenn der Moderator seine Verblüfftheit über die Pro-Brexit-Ergebnisse nicht verbergen konnte.

Dimitris Papadimoulis ist Vorsitzender der sozialistischen Regierungspartei Syriza im Europäischen Parlament: "Wir müssen die demokratische Entscheidung des britischen Volkes akzeptieren", sagte er der DW. "Aber wir sollten zugeben, dass nun entschlossener Einsatz und harte Arbeit von progressiven und demokratischen Kräften gefragt ist, um den Rückgang gemeinsamer europäischer Werte und den Aufstieg rechter Parteien aufzuhalten." Nachdem die neoliberale Austeritätspolitik der EU gescheitert sei, müsse die europäische Linke standhaft bleiben. "Die EU muss sich ändern, wenn sie dem Risiko ihrer Auflösung entgehen will", betont der Politiker.

"Autokratisch und tyrannisch"

Die 53-jährige Lehrerin Christina Gregson kam 1994 aus Großbritannien nach Griechenland und lebt heute in Athen. Sie hatte sich für den Brexit ausgesprochen. Jetzt resümiert sie: "Die EU und vor allem Deutschland sind gescheitert, weil sie durchweg einen autokratisch und tyrannischen Ton gegenüber Großbritannien angeschlagen haben. In Griechenland hat das funktioniert, weil es klein und arm ist." Im Falle Großbritanniens habe das Spiel mit der Angst ein Desaster angerichtet.

Wechselkurse Pfund in Athen (Foto: DW)

Das Pfund ist seit dem britischen Votum im Keller - das hat auch für die grichische Wirtschaft Kosequenzen

Ein Desaster fürchtet auch Eurozonen-Analyst Yannis Koutsomitis. "Das Problem sind die Wirtschafts- und Finanzmärkte. Wir wissen, dass Griechenland gerade das schwächste Glied in der Finanzstruktur der Eurozone ist. Wenn es einen Zusammenbruch gibt, wird Griechenland betroffen sein." Nach der Brexit-Meldung war der griechische Aktienmarkt um 14 Prozent abgestürzt.

"Ich gehe außerdem von einer Phase der Unsicherheit aus, was Investitionen in Griechenland angeht", fügt Kousomitis hinzu. "Ich erwarte, dass sich Investoren während solcher Turbolenzen keinen neuen Projekten zuwenden, schon gar nicht in Ländern, die nicht sehr stabil sind."

Was wird aus dem Tourismus?

Auf den Straßen Athens herrscht eine andere, unmittelbare Befürchtung vor: Die Briten gehören seit langem zu den treuesten Griechenland-Urlaubern. Im vergangenen Jahr seien fast 15 Prozent mehr Briten ins Land gekommen, ermittelte die griechische Zentralbank. Nach dem Brexit-Votum und dem Absturz des Pfundes sorgen sich viele Griechen um die Kaufkraft der Briten - und was diese Entwicklung für ihren Tourismus bedeuten wird.

In Plaka, dem Touristenviertel Athens, gehen die Dinge augenscheinlich ihren gewohnten Gang: Urlauber schlendern durch die Einkaufsstraßen und halten nach Souvenirs Ausschau. Michelle, eine 37-jährige Verwaltungsangestellte aus Nordengland, stimmte per Briefwahl für den Austritt aus der EU. In ihrem Bezirk votierten 54,3 Prozent für "Leave".

Touristenviertel in Athen nach dem Brexit (Foto: DW)

Viele Griechen fürchten vor allem die Auswirkungen auf den Tourismus

Ihren Nachnamen will Michelle nicht nennen. "Ich glaube, die Medien sind voreingenommen und dämonisieren uns. Ich denke, dass viele Menschen in Europa verärgert sind, weil wir sie nicht mögen. Das ist aber nicht wahr." Nicht von den Menschen, sondern von der Bürokratie und den politischen Entscheidungen der EU hätten sich die Briten distanzieren wollen.

Déjà-vù für die Griechen

Die 50-jährige Schmuckverkäuferin Emmanuela Mathioudaki meint: "Ich glaube, Großbritannien hat das Richtige getan. Wenn die EU nicht als Union funktioniert, ist es besser, sie aufzugeben und zu schauen, was passiert." Über die Folgen für den Tourismus macht sie sich keine Sorgen. Sie habe seit Jahren nicht mehr den Umsatz früherer Zeiten gemacht - ob Brexit oder nicht.

Ein beispielloses Abstimmungsergebnis und der Rücktritt David Camerons - für die Griechen fühlte sich das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist, an, wie eine eigenartige Wiederholung ihrer eigenen jüngeren Geschichte. Großbritannien muss nach dem Brexit daran arbeiten, das Vertrauen seiner bitter enttäuschten europäischen Nachbarn zurückzugewinnen. Vor einem Jahr fand sich Griechenland in einer ganz ähnlichen Situation.

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