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Europa

"Die Griechen lieben die Deutschen"

Der griechische Karikaturist Stathis Stavropoulos ist bekannt für starke Bilder und klare Worte. Er sprach mit der Deutschen Welle über das Verhältnis der Griechen zu Deutschland und den Deutschen - früher und heute.

Deutsche Welle: Wie hat sich seit Ausbruch der Krise die Haltung der Griechen gegenüber den Deutschen verändert?

Stathis Stavropoulos: Ich möchte gerne gleich zu Anfang etwas klarstellen. Die Haltung der Griechen hat sich in den letzten Jahren überhaupt nicht verändert. Die Griechen haben nichts gegen die Deutschen. Sie schätzen nach wie vor die freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern und lieben die Deutschen. Griechenland und Deutschland haben ja seit langer Zeit enge Beziehungen. Viele Deutsche besuchen jedes Jahr unser Land und viele Griechen leben und arbeiten seit Jahrzehnten in Deutschland. Was den Griechen aber schwer fällt, ist die deutsche und europäische Politik zu verstehen und zu akzeptieren. Es geht dabei natürlich vor allem um jene Schulden Griechenlands, für die die griechische Bevölkerung nicht verantwortlich ist. Trotzdem muss sie die Hauptlast tragen, damit das geliehene Geld zurückgezahlt werden kann.

Welche Meinung hat die griechische Bevölkerung von Angela Merkel?

Angela Merkel ist nicht beliebt. In der Politik wird oft personifiziert. Sie ist unbeliebt, weil das griechische Volk, wie alle anderen Völker auch, ein kulturelles Gedächtnis hat. Und wenn die Kanzlerin von einem Sparkommissar für Griechenland redet, dann denken die Griechen eben an einen "Gauleiter". Und wenn sie hören, Griechenland solle eine Art Sonderwirtschaftszone werden, denken sie fast automatisch an die Theorie des Lebensraumes, die wir allzu gut aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs kennen. Sowohl die griechische Bevölkerung als auch ich reagieren, jeder auf seine eigene Art und Weise natürlich, auf dieses Klima.

Wie stellen Sie die Kanzlerin in Ihren Karikaturen dar?

Als Karikaturist übertreibe ich natürlich. Ich möchte schockieren und dadurch zum Nachdenken anregen. In meinen Karikaturen bediene ich mich aber nicht der Klischees oder Stereotypen, die letztlich zum Hass aufrufen - im Gegenteil. Meine Darstellungen sollen gleichermaßen Deutsche wie Griechen an die Geschichte erinnern, damit die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden. Für mich ist Deutschland das Land von Goethe und nicht das von Hitler. Das habe ich bereits einigen deutschen Medien in Interviews gesagt. Leider aber wurde es nicht gedruckt. Als Grieche fühle ich mich stolz, dass die meisten Unterstützer Griechenlands im Unabhängigkeitskrieg von 1821, die sogenannten Philhellenen, Deutsche waren. Es waren 4.700 Deutsche, von denen mehr als 2.000 ihr Leben opferten. Auf der anderen Seite aber haben wir es heute mit internationalen Zinswucherern zu tun, die über Griechenland herfallen. Wir flüchten uns in Karikaturen und andere Übertreibungen, um Widerstand zu leisten. Aber da ist noch etwas, was die Griechen schmerzt. Wir sind das einzige Land, das keinen Pfennig an Reparationen nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten hat. Griechenland hat, obwohl es arm war, direkt nach dem Krieg für den Erlass der Schulden Deutschlands gestimmt, damit das besiegte Land so schnell wie möglich wieder auf eigenen Beinen stehen kann. Wie kann es sein, dass sich Deutschland heute  gegenüber Griechenland so verhält, als ob wir das Land gewesen seien, das besiegt worden ist?

Warum gelten Karikaturen als das ideale Mittel, um den Nerv der Zeit zu treffen?

Bild von dem Griechischen Karikaturist Stathis Stavropoulos von dem französischen Karikaturisten Plantu; Copyright: Plantu, 2012***ACHTUNG: Das Bild darf ausschließlich im Rahmen einer Berichterstattung (über Stathis Stavropoulos) genutzt werden***

Stathis Stavropoulos - gezeichnet von dem französischen Karikaturisten Plantu

Karikaturen sind von Natur aus "unschuldig". Sie spielen kein abgekartetes Spiel. Sie suchen nach der Wahrheit und spiegeln sie auf satirische Weise wider. Die Satire hat jedoch zwei Seiten. Sie pendelt zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Und das ist das magische Element an der Satire. Die Bekümmertheit kann sich in Hoffnung wandeln und umgekehrt. Karikaturen zu zeichnen ist ein schwieriges Unterfangen. Die meisten Karikaturisten greifen nicht in die Trickkiste der Klischees. Die sind etwas für Demagogen und Populisten. Der Beweis dafür ist die europäische Bewegung zur Unterstützung der griechischen Bevölkerung, an der Karikaturisten aus ganz Europa einen wesentlichen Teil mittragen. Ich sage bewusst nicht zur Unterstützung der griechischen Regierung, da diese und die vorherigen Regierungen die Hauptverantwortung für die desolate Lage unseres Landes tragen.

Wie wurden Sie eigentlich zum Karikaturisten?

Ich habe Wirtschaft und Filmregie studiert. Als Student war ich immer derjenige, der bei Demos unsere Plakate mit kleinen Zeichnungen und Sprüchen ausschmückte. Das waren eigentlich meine ersten Karikaturen. Ich habe sie sprichwörtlich auf die Straße geschickt. Erst danach habe ich angefangen, sie in Zeitungen zu veröffentlichen.

Die finanzielle Misere Griechenlands ist eigentlich nur ein Teil der Krise. Viele Griechen behaupten, sie wäre bloß die Spitze des Eisbergs. Wie glauben Sie, dass Griechenland da wieder herauskommen kann?

Wir müssen unseren Selbstrespekt und unsere Würde wiederfinden. Die Griechen sind keine Faulenzer, obwohl unser Ex-Premier Papandreou uns als solche bezeichnet hat. Wir arbeiten länger als Deutsche oder Niederländer. Unsere Produktivität ist jedoch viel niedriger. Und daran tragen das politische System und die Struktur des Staates die Hauptschuld. Das muss sich alles ändern. Aber nicht durch Druck aus dem Ausland, sondern von innen her. Die Griechen müssen sich selbst verändern. Griechenland kann nicht zum Protektorat, zu einer Kolonie verkommen. Gemeinsam mit unseren europäischen Partnern sollten wir untersuchen, wie wir die Schulden zurückbezahlen können und das, ohne dass das Land in die Knie gehen muss. Denn das würde wiederum bedeuten, dass weder die Schulden beglichen werden könnten noch, dass Griechenland in der EU oder der Eurozone bleiben könnte. Meiner Meinung nach ist zurzeit sogar die territoriale Integrität Griechenlands in Gefahr. Es ist unlogisch, dass ein europäisches Land wegen Zinsen und Schulden in eine Situation getrieben wird, die mit der eines besiegten Landes nach einem Krieg vergleichbar ist.

Autoren: Stephanos Georgakopoulos, Joanna Impey
Redakteur: Gabriel Borrud