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Wissen & Umwelt

Die Grenze zum Autismus

Oft meiden sie Menschen, oft verstehen sie die Gefühle anderer nur schwer. Autisten sind anders. Aber wie genau? Weltweit suchen Forscher nach den Gründen der Störung und fragen sich: Was ist autistisch, was ist normal?

Der britische Autor und Autist Daniel Tammet vor einer Tafel. (Foto: LIONEL BONAVENTURE/AFP/Getty Images)

Der britische Autor und Autist Daniel Tammet

Wenn die Sonne scheint, bleibt John gern im Zimmer. Es stört ihn, wenn alles glitzert und reflektiert. Es stört ihn auch, wenn es laut ist oder ein fremdes Kind im Schulbus mitfährt. John ist zwölf - und er ist Autist. "Er kann nicht schreiben, nicht sprechen und nicht alles verstehen", sagt Monika Scheele-Knight, Johns Mutter. "Man kann sagen, dass er wie ein ein- oder zweijähriges Kind ist." Als John drei Jahre alt war, stellten Ärzte bei ihm frühkindlichen Autismus fest. Menschen mit dieser Autismus-Form entwickeln kaum Gestik und Mimik und haben Probleme, Gefühle zu verstehen. Viele halten zwanghaft an immer gleichen, wiederkehrenden Ritualen fest, an festgelegten Wegen oder Tagesabläufen.

Auch Rainer Döhle ist Autist. Er war bereits erwachsen, als bei ihm ein Asperger-Syndrom festgestellt wurde - eine Form von Autismus, die nicht mit sprachlichen und geistigen Beeinträchtigungen einhergeht. "Aber in meinem Zeugnis stand immer: Er findet keinen Zugang zur Klassengemeinschaft", erzählt er. "Ich habe einfach nie verstanden, wie Freundschaft funktioniert und war immer froh, wenn man mich in Ruhe gelassen hat und ich lesen konnte." Die Diagnose "Asperger-Syndrom" sei für ihn eine große Erleichterung gewesen - endlich gab es eine Erklärung für die Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen. Heute sitzt Rainer Döhle im Vorstand von Aspies e.V., dem größten deutschen Selbsthilfeverein für Autisten, er arbeitet als Übersetzer und ist Autor bei Wikipedia. "Ich hab eine Hochbegabung und spezielle Interessen im Bereich Geographie und Geschichte. Manchmal schreibe ich stundenlang Listen über Regenten oder Hauptstädte. Aber inzwischen kann ich das konstruktiv nutzen."

Stephen Wiltshire sitzt vor einer Zeichnung. (Copyright: picture alliance/Photoshot)

Stephen Wiltshire ist ein autistischer Künstler - hat er einmal etwas gesehen, malt er es bis ins kleinste Detail auf

Von hochbegabt bis geistig beeinträchtigt

Während einige Autisten nie sprechen lernen, fallen andere schon früh durch ihre gewählte Sprache auf. Die einen sind motorisch ungeschickt, andere zeichnen stundenlang - es gibt den geistig beeinträchtigten Autisten ebenso wie den mit dem außergewöhnlichen Zahlengedächtnis. Sie alle zeigen aber in der Regel immer dieselben, wiederkehrenden Verhaltensmuster und haben ähnliche Schwierigkeiten, mit anderen zu interagieren. Während man noch vor einigen Jahren dachte, dass es sich bei den verschiedenen Formen von Autismus um qualitativ unterschiedliche Zustände handelt, die jeweils unterschiedliche Ursachen haben, weiß man heute aus vielen Studien, dass sie sich eher graduell unterscheiden.

"Autismus ist nichts qualitativ anderes als das Asperger-Syndrom", erklärt Sven Bölte, Direktor des Kompetenzzentrums für neuronale Entwicklungsstörungen am Stockholmer Karolinska-Institut. "Beide Autismusformen unterscheiden sich eher in der Schwere ihrer Symptome." Autismus-Forscher sprechen daher heute von Autismus-Spektrum-Störungen, die sie auf eine andersartig verlaufene neurologische Entwicklung zurückführen. Was da bei Autisten allerdings genau untypisch verläuft in der Entwicklung von Gehirn und Nervensystem ist unklar.

Eine Extremvariante des männlichen Gehirns?

Aus Hirnscans etwa weiß man, dass Autisten weniger Aktivität in Hirnregionen zeigen, die für die Verarbeitung von Gefühlen und Sprache zuständig sind oder für die Erinnerung an Gesichter. Dafür gibt es eine stärkere Aktivität dort, wo Objekte verarbeitet und Details eines Systems erkannt werden. Der britische Autismus-Forscher Simon Baron-Cohen vertritt daher die Ansicht, Autisten besäßen eine Extrem-Variante des männlichen Hirns. In einer Studie hatte er im Fruchtwasser von Schwangeren den Spiegel des sogenannten pränatalen Testosterons gemessen, das Einfluss auf die Hirnentwicklung hat. "Als wir nach der Geburt die Kinder untersuchten, fanden wir: Je höher das Niveau des pränatalen Testosterons war, desto mehr zeigten die Kinder später autistische Züge - und desto mehr Interesse für Systeme.“

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Apps helfen Autisten bei der Kommunikation.

Gehirne von Autisten unterscheiden sich von typischen Gehirnen außerdem durch eine andere Verteilung der Andockstellen für die Botenstoffe Dopamin und Serotonin - die unter anderem bei der Steuerung von Angst und Motivation eine Rolle spielen. Studien der Universität Freiburg zeigen, dass die Kommunikation zwischen Neuronen in den Gehirnen von Autisten gestört ist und auch Gene und Genveränderungen sind im Zusammenhang mit Autismus entdeckt worden. Die jedoch erklären häufig nur einige autistische Symptome, zum Beispiel eine gestörte Sprachfähigkeit. Sie tauchen nur bei wenigen untersuchten Personen auf oder finden sich ebenso bei gesunden Menschen oder bei Nichtautisten mit Intelligenzminderung, Aufmerksamkeitsdefizitstörung oder Epilepsie.

Umweltfaktoren beeinflussen Autismus-Risiko

Wahrscheinlich sei es deshalb so, erläutert Sven Bölte, dass neben der Genetik auch noch andere Faktoren bei der Entstehung von Autismus eine Rolle spielen. "In einer dänischen Studie wurde vor kurzem der Zusammenhang von Autismus und viralen Infektionen in der Schwangerschaft untersucht. Dabei hat man festgestellt, dass das Autismus-Risiko des Kindes von einem auf zwei Prozent gestiegen ist, wenn die Mutter während der Schwangerschaft eine solche Infektion hatte." Auch bestimmte Medikamente, die während der Schwangerschaft genommen werden, Komplikationen bei der Geburt und sogar Umweltgifte oder Luftverschmutzung sind mögliche Risikofaktoren für Autismus. Allerdings: "Diese Faktoren sind nicht für jeden gleichermaßen ein Risiko. Die Entstehung von Autismus kann individuell ein ziemlich komplexes Wechselspiel sein."

Autismus-Diagnose bleibt subjektiv

Was Autismus ist, entscheiden Psychiater und Neurologen daher noch immer in erster Linie aufgrund des beobachtbaren Verhaltens: Dieselben, immer wiederkehrenden Verhaltensweisen, Probleme in der sozialen Interaktion. Es bleibt eine subjektive Einschätzung. Mehr noch: Je komplexer das Bild, das Genetiker, Epidemiologen und Neurowissenschaftler von Autismus zeichnen, desto mehr verschwimmen die Kriterien dafür, was Autismus ist - und was nicht. "Im Moment beobachten wir so ein 'Ausfransen'. Wir wissen nicht mehr: Wo ist das Ende des Spektrums?", kritisiert Inge Kamp-Becker, Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Marburg. "Viele Studien zeigen aber, dass Autismus eher eine Eigenschaft ist, dass es autistische Züge gibt, die man eben auch in der Normalbevölkerung findet und noch viel mehr zusammen mit anderen Störungsbildern. Aber was genau dann Autismus ist, das wird immer unklarer."

Diagnostisch wird die Grenze zwischen gesund und krank meist dort gezogen, wo autistisches Verhalten dazu führt, dass jemand alltägliche Aufgaben nicht selbstständig erfüllen kann und wo Hilfebedarf besteht. Die Grenze jedoch ist fließend. Und auch in der Autismus-Forschung, so Sven Bölte, bleibt die Frage - Krankheit oder Charakterzug - vorerst unentschieden: "Es spricht nichts dagegen, zu sagen, dass alle Menschen im Bereich ihrer sozialen Fertigkeiten variieren. Und wenn wir in einen Bereich von sehr gering ausgeprägtem Sozialverhalten kommen, befinden wir uns im Bereich des Autismus. Auf der anderen Seite wären dann die Leute, die sehr kommunikativ und sozial sind. Es ist nicht undenkbar, dass man da mal hinkommt." Aber? "Viele Forscher - und auch ich - sind nicht sicher, ob es nicht doch diesen Shift gibt, ob sich die Entwicklung beim Autismus nicht doch qualitativ von anderen Störungen und von einer typischen neuronalen Entwicklung unterscheidet. Ich habe meine Meinung da auch 20 bis 30 Mal geändert, weil's einfach schwierig ist."

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