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Kultur

Die graue Welt zum Schaukeln bringen

Sie waren die Unbequemen im System der DDR, heute führen sie ein selbstbestimmtes Leben. Auf der Theaterbühne spielen sie sich selbst und erzählen ihre ganz persönlichen Erfahrungen.

Foto: Hans OttoTheater

Die ehemaligen Bürgerrechtler Konrad Weiß und Ulrike Poppe

Sie benötigen kein aufwändiges Bühnenbild. Nur ein paar Stühle und Hocker, ein, zwei Schreibtische, Telefon, Vervielfältigungsgerät und die Leinwand an der hinteren Bühnenwand. Manchmal erscheinen Bilder auf ihr, schwarz-weiße Fotos aus einer vergangenen Zeit. Ost-Berlin, Potsdam, Torgau – DDR-grau. Altbauwohnungen, Meetings, Aufmärsche, Demonstrationen und lebenslustige junge Menschen. Ein bisschen alternativ gekleidet die Frauen, bärtig zumeist und mit längeren Haaren die Männer.

Für eine bessere DDR

Bürgerrechtler waren sie, Oppositionelle und Unbequeme, weil sie die Machtfrage stellten, indem sie rigoros und immer wieder die Einhaltung von Grundrechten und freie Wahlen gefordert haben, weil sie eine lebenswerte Umwelt forderten und für eine lebenswerte Umwelt mobil gemacht haben. Ulrike Poppe, Wolfgang Templin und Ralf Hirsch etwa, die sich in Berlin in der "Initiative für Frieden und Menschenrechte" engagierten, einer Keimzelle der DDR- Bürgerrechtsbewegung, oder Konrad Weiß, Gründungsmitglied von "Demokratie jetzt" und Hans Schalinski, der 1989 in Potsdam eine entscheidende Rolle im Kampf gegen den Wahlbetrug spielte.

Prägende Jugenderfahrungen

Foto: Hans Otto Theater

Carolin Lorenz, Hans Schalinski, Jeanne Grabner

Jetzt, zwanzig Jahre später, stehen sie gemeinsam auf der Bühne des Potsdamer Hans Otto Theaters und blicken zurück, erzählen. Offen und ehrlich, auch von Fehlern, Schwächen, Irrwegen. Bis heute quält es etwa Wolfgang Templin, dass er sich als Student von der Stasi anwerben ließ und "IM" war, ein "inoffizieller Mitarbeiter" - also ein Spitzel des DDR-Geheimdienstes. Eines Tages, klüger geworden, enttarnte er sich absichtlich vor Freunden, was ein anderer aus der Runde der Stasi dann brav zu Protokoll gab. Ulrike Poppe wiederum wähnte sich zunächst als gute Sozialarbeiterin, wenn sie "auffällig" gewordene Jugendliche in "Jugendwerkhöfe" überführte. Jugendwerkhöfe, so hießen die Erziehungsheime in der DDR. Eines, das in Torgau, in das Ralf Hirsch als Vierzehnjähriger eingebracht wurde, trug deutliche Züge eines Gefängnisses. Sechs Quadratmeter Zelle, hochgeklapptes Bett, stramm stehen – so sollten Jugendliche mit "fehlgeleiteten politischen Ansichten" lernen, ihr Leben "produktiv zu gestalten". Ralf Hirsch hat das gelernt, nur anders, als die Obrigkeit es sich vorstellte.

Der Geist des Widerstehens

In verrauchten Berliner Altbauwohnungen haben engagierte junge Männer und Frauen in den 70-er und 80-er Jahren lange, rotweinselige Nächte durchdiskutiert. Sie haben Blues-Messen organisiert, Flugblätter verteilt, im Selbstverlag Zeitschriften herausgegeben und versucht, im Kleinen das zu leben, was sie Freiheit nannten. Zusammen mit anderen gründete Ulrike Poppe 1983 einen selbstverwalteten Kindergarten, einen so genannten Kinderladen, den ersten und wohl einzigen der DDR. Und noch heute schauert es einen, wenn sie erzählt, wie die Lastwagen kamen, die Fensterscheiben zu Bruch gingen und sämtliches Mobiliar abtransportiert wurde.

Eindringliches Dokumentar-Theater

Foto: Hans Otto Theater

Wolfgang Templin, Ralf Hirsch

Die Publizistin Lea Rosh hat den Abend ‚Vom Widerstehen‘ gemeinsam mit der Malerin und Psychoonkologin Renate Kreibich-Fischer entwickelt, Clemens Bechtel hat ihn mit sparsamen Mitteln inszeniert und dabei ganz auf die Persönlichkeiten der ehemaligen Bürgerrechtler und ihre Geschichten vertraut. Ein Konzept, das aufgeht. Weil hinter diesen uneitlen, durchaus Humor geschwängerten Erzählungen, hinter all diesen individuellen Wahrheiten der Mut und die Kraft aufscheinen, die es gebraucht hat, um nicht mit dem Strom zu schwimmen. Tag für Tag, und nicht nur während vorübergehender Inhaftierungen.

Unbeugsam und unbequem

Denn sie wollten Freiheit und wurden dafür kriminalisiert. Einige Bürgerrechtler hat die DDR ohne Rückkehrrecht ausgewiesen. Die anderen haben weiter gemacht. Wenige, die schließlich immer mehr Zuspruch gefunden haben, weil sie offen zu Oppositionellen des Staates wurden. "Wir wollten unsere kleine graue Welt zum Schaukeln bringen", sagt die 1968 in Potsdam geborene Jeanne Gabler.

Widerstand lohnt sich

Foto: Hans Otto Theater

Konrad Weiß

Mit dem Fall der Mauer hat sich dann Vieles ganz schnell geändert. Aus dem oppositionellen Filmemacher Konrad Weiß wurde ein Politiker, Wolfgang Templin kehrte 1989 in die DDR zurück, beteiligte sich als Sprecher der "Initiative für Frieden und Menschenrechte" am Runden Tisch. Im "Spiegel" schrieb Konrad Weiß: "Wir wollten ein Mutterland machen aus dem Land, doch nun stürmt ein hemdsärmeliges Vaterland auf uns ein."

Ulrike Poppe hat sich nach dem Sieg der CDU bei den ersten freien Wahlen 1990 schnell aus der Politik zurückgezogen und Jeanne Grabner empfindet es als Privileg, nicht mehr zum Widerstand gezwungen, sondern einfach frei zu sein. "Es lohnt sich", sagt der ehemalige Potsdamer Pfarrer Hans-Joachim Schalinski am Ende dieses nachdenklich stimmenden Abends, "dem Rad der Geschichte in die Speichen zu greifen." Geschichte sei veränderbar.

Autorin: Silke Bartlick
Redaktion: Elena Singer