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Kunst

Die Gratwanderin Yael Ronen

Die israelische Regisseurin Yael Ronen bereichert das deutschsprachige Theater. Sie scheut keine Konflikte, bringt das Leben auf die Bühne und: Sie stiftet zur Versöhnung an.

Am 11. Juli steht "Dritte Generation" von Yael Ronen und ihrem Ensemble wieder einmal auf dem Spielplan der Berliner Schaubühne. An diesem Tag bereits zum 125. Mal und nach zahlreichen Gastspielen in verschiedensten deutschen Städten sowie in Prag, Reims, Parma, Lodz , Stockholm, Arhus, Braga, Porto, Thessaloniki, Malmö und - wiederholt - in Tel Aviv. Eine außerordentliche Erfolgsgeschichte, diese Koproduktion der deutschen Schaubühne mit dem israelischen Nationaltheater Habimah. Dabei waren gegen das Stück vor der Premiere im Jahr 2008 schwere Bedenken geäußert worden. Weil in "Dritte Generation" der Holocaust und die sogenannte Nakba, also die Katastrophe der Vertreibung der Palästinenser bei der Gründung des Staates Israel, miteinander in Verbindung gebracht werden. Und das tut man in Israel nicht.

Debatten anstoßen

Tatsächlich knöpfen sich in dem Stück junge israelische, deutsche und palästinensische Schauspieler lauter Tabus der gemeinsamen Geschichte vor und reden über all das, worüber ihre Großeltern nicht sprechen konnten. Aber so lebhaft, so engagiert, so ohne Scheu vor Fettnäpfchen und dabei so charmant und witzig, dass sich niemand ernsthaft verletzt fühlen könnte. Sondern jeder Zuschauer stattdessen dankbar ist, wie offen hier überfällige Debatten angestoßen werden. Das wurde auch von der Kritik belohnt: 2010 hat die Zeitschrift "Theater heute" "Dritte Generation" als bestes Stück des Jahres ausgezeichnet.

Szene des Stücks Dritte Generation mit drei Schauspielern auf der Schaubühne Berlin

Im Theaterstück 'Dritte Generation' stehen israelische, palästinensische und deutsche Schauspieler auf der Bühne

Yael Ronen, 1976 in Jerusalem geboren, mag das Spiel mit Konflikten. Und die Herausforderung, das, was sie und ihr Ensemble beschäftigt, befreiend offen auf die Bühne zu bringen. "Die Projekte, die mir am wichtigsten sind, die Theater für mich wirklich bedeutsam machen", sagt die Regisseurin, "sind die, in denen man plötzlich die Grenze zwischen Realität und Phantasie verliert. Wo man sich als Zuschauer nicht sicher ist, ob das, was man sieht, ein ganz authentischer Augenblick ist, in dem eine Person über sich spricht. Oder ob sie doch spielt".

Theater als Therapie

Diese Gratwanderung ist zweifellos ihre Stärke, auch zu bewundern in "Common Ground", einer Arbeit aus dem Jahr 2014, die als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des Jahres zum diesjährigen Berliner Theatertreffen geladen ist. Eine Ensemblearbeit mit Schauspielern, von denen die meisten aus Ex-Jugoslawien stammen. Gebürtige Bosnier, Kroaten, Serben, die seit mehr als 20 Jahren in Berlin leben und für "Common Ground" eine mutige Expedition in die eigene Vergangenheit unternommen haben. Das Ergebnis ist außergewöhnlich. Theater, in dem das Historische und das Biographische, persönliche Gefühle und der skeptische Blick auf den Umgang mit der Geschichte gekonnt ausbalanciert werden. In dem es um Schuld, Verantwortung, Wut und Trauer geht. Und um die Einsicht, wie wichtig Versöhnung ist. Theater als Therapie.

Eine Szene des Theaterstücks Common Ground im Maxim Gorki Theater

'Common Ground' zählt zu den interessantesten Inszenierungen des Jahres

"Common Ground" ist am Berliner Maxim Gorki Theater entstanden. Seit dee Spielzeit 2013/2014 ist Yael Ronen hier Hausregisseurin. Mit ihrem Mann, dem palästinensischen Schauspieler Yousef Sweid, und dem gemeinsamen Sohn lebt sie nun in der deutschen Hauptstadt. Wie mindestens 20.000 weitere Israelis auch. Antisemitismus hat die Regisseurin hier nie erlebt. Aber einen Freiraum, in dem es für ihren Sohn keine Bürde ist, eine jüdische Mutter und einen palästinensischen Vater zu haben. Seit sie in Berlin lebt, sagt Yael Ronen, hadere sie stärker mit ihren Gefühlen gegenüber Israel. Das Land erlebe einen Rechtsruck, werde immer rassistischer. Trotzdem vermisst sie die Arbeit mit israelischen Schauspielern, die Arbeit in der eigenen Sprache. Und sie würde der israelischen Gesellschaft manchmal gerne einen Spiegel vorhalten.

Familiengeschichte auf dem Theater

Yael Ronens Großvater war ein Wiener Jude. 1936 wanderte er nach Palästina aus. In ihrem Stück "Hakoah Wien", das im Oktober 2012 im Schauspielhaus Graz uraufgeführt wurde, erzählt Yael Ronen seine Geschichte – und schlägt einen furiosen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart, vom fußballbegeisterten Großvater bis zu seinem Enkel Michael, der in Österreich imagefördernde Vorträge über die israelische Armee halten soll und dabei unversehends mit der eigenen Familiengeschichte konfrontiert wird.

Schauspieler Michael Ronen salutiert vor der israelischen Flagge, Eine Szene aus Hakoah Wien

Ein Schauspieler salutiert vor der israelischen Flagge. Eine Szene aus 'Hakoah Wien'

Yael und ihr Bruder Michael besitzen inzwischen neben dem israelischen auch einen österreichischen Pass. Damit hätte ihr Großvater wahrscheinlich ein Problem, sagt Yael Ronen. Wenn er denken würde, dass seine Enkel einfach weglaufen, dass sein Lebensprojekt, der jüdisch-israelische Staat gescheitert ist, das würde ihm das Herz brechen. Aber, sagt sie dann, das sei ja nicht die ganze Geschichte. Denn nächstes Jahr inszeniert Yael Ronen auch in Wien. "Und die Tatsache, dass ich etwas zurückbringe, zur Kultur seiner Stadt beitrage und dort akzeptiert bin, das wäre sicher eine Art von Triumph für ihn".

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