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Deutschland

Die Grünen setzen im Wahlkampf auf Unterhaltung

Im Überlebenskampf als drittgrößte Partei setzen die Spitzen der Grünen auf eine ungewöhnliche Wahlkampfstrategie. Sie laden zu Diskussionsrunden in Bordelle und zu Besichtigungstouren in türkische Wohngegenden ein.

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Haben gut lachen: die Parteivorsitzenden Roth und Bütikofer

Neulich an einem milden Sommernachmittag in Kreuzberg, Berlins hektischem türkischen Viertel: Eine Fülle von grünen T-Shirts und Ballons nahe einem Obststand deutete darauf hin, dass sich etwas außergewöhnliches anbahnte.

Grüne stellen Wahlkampagne vor

Claudia Roth präsentiert Kondomschachteln mit Wahlparolen

Wie aus dem Nichts stand plötzlich Claudia Roth, Bundesvorsitzende der Grünen, inmitten des Getümmels. Ohne aus dem Takt zu kommen, begann sie mit Anwohnern und Parteianhängern zu türkischer Musik zu tanzen. Um sie herum drängte sich ein Ring aus Journalisten, um ein Bild von der Aktion einzufangen und verstärkte das Chaos. Roth führte den Pulk dann in einen türkischen Imbiss und schabte Fleisch vom Gyrosspieß, während die Kameras summten und surrten. Es war ein Medienauftritt wie aus dem Lehrbuch. "Die Opposition macht ihre Kampagnen gerne auf Kosten der Minderheiten", erzählte Roth ihren jubelnden Anhängern. "Das tötet die Stimmung in diesem Land."

Hinter dem Spaß steckt ernster Hintergrund

Die Grünen haben sich große Mühe gegeben, in Berlin eine einfache Nachricht zu vermitteln: Wir sind eine Partei, die Spaß hat und wir sind für die Parlamentswahlen im September noch von Bedeutung.

Bütikofer im Velotaxi

Reinhard Bütikofer in einem Velotaxi

In den letzten Wochen sind interessierte Bürger von den Parteispitzen dazu eingeladen worden, Berlins Wohnviertel zu Fuß, auf Inlinern oder auf dem Wasserweg – natürlich in einem solarbetriebenen Boot - zu erkunden. Auf diesen Ausflügen bekommen die Teilnehmer eine Lehrstunde zum Thema "grüner Lebensstil" und sollen aus erster Hand die lockere Atmosphäre in der Partei erfahren. Die Interessierten konnten mit Reinhard Bütikofer, dem Bundesvorsitzenden der Grünen, eine Partie Schach spielen, mit den Jungen Grünen durch die Bars der Stadt ziehen oder das neue Prostitutionsgesetz in einem Berliner Bordell diskutieren.

Trotz des Spaßfaktors, der die Veranstaltungen umgibt, hat die Partei einen ernsthaften Grund, sie anzubieten. Angesichts der momentanen Parteikonstellationen und des Aufstiegs der neu gegründeten Linkspartei, müssten die Grünen alles tun, um auf sich aufmerksam zu machen, sagt Wolfgang Donsbach, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Technischen Universität Dresden. Solche aus dem Rahmen fallenden Veranstaltungen wie die "Kreuzberg Tour" könnten der Partei helfen, wenn sie denn landesweit wahrgenommen werden, fügt er hinzu. Da eine Neuauflage der jetzigen Regierungskoalition mit den Sozialdemokraten unwahrscheinlich ist und sie von der aufsteigenden Linkspartei als heißes neues Thema überschattet werden, müssen die Grünen ihr Profil schärfen. Oder sie riskieren, in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen. Ein Ansatz, der bereits von einer anderen Partei (erfolglos) ausprobiert wurde.

Wiederholung früherer Fehler?

Die eigenwillige Aneinanderreihung von Werbeveranstaltungen der Grünen hat in Berlin Aufmerksamkeit erregt und vielleicht einen Imagewandel bewirkt. Aber die Wahlkampfstrategen werden vorsichtig sein müssen, da zu viel Fröhlichkeit die Wahrnehmung der Grünen als eine Partei, die fähig ist, Deutschland zu regieren, beschädigen kann.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtete neulich über die "Spaßkampagne der Öko-Partei" und zog damit eine Parallele zu ähnlichen Versuchen der Freien Demokraten (FDP), Wähler während des Wahlkampfs 2002 zu umwerben. Die FDP erntete den Spitznamen "Spaßpartei" hauptsächlich durch die Possen von Parteichef Guido Westerwelle, der gehofft hatte, durch das ambitionierte Ziel, 18 Prozent der Stimmen zu erreichen, ein neues Image kreieren zu können. Doch Westerwelles Spielereien konnten die Aufmerksamkeit der Medien nicht für sich gewinnen und brachten der FDP den Ruf der Leichtfertigkeit ein.

Westerwelle mit Guidomobil

Guido Westerwelle steht vor seinem Guidomobil

Die Wahlergebnisse waren sicherlich nicht zum Lachen. Trotz "Guidomobil", dem schrillen gelben Wohnmobil, mit dem Westerwelle unter dem Motto "Politik kann auch Spaß machen" durch Deutschland fuhr; trotz des 18-Prozent-Ziels, das er auffällig auf seine Schuhsohlen gedruckt hatte, trotz seines Auftretens in der voyeuristischen Fernsehsendung "Big Brother" (oder eher, wie viele sagen, wegen dieser dummen Aktionen), erreichte die FDP enttäuschende 7,4 Prozent der Wählerstimmen. Der spaßige Sommer der Partei war jäh zu Ende.

Spaß und politische Ideen müssen zusammen kommen

Diesen Sommer ist die Stimmung im vorgezogenen Bundestagswahlkampf sichtlich ernster. Wenn die Wähler am 18. September zu den Wahlurnen gehen, steht der Spaßfaktor wahrscheinlich nicht ganz oben auf ihrer Liste. Die schlechte Stimmung rund um Rekordarbeitslosigkeit und schleppendes Wachstum schließt jede Kampagne mit nicht-ernstem Inhalt aus. Karl Rudolf Korte, Politikwissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, betont, dass die Zeiten zu düster seien für eine "Spaßpartei". Aber die Grünen scheinen ohnehin nicht den Fußspuren der FDP zu folgen, fügt Korte hinzu.

Trittin im Flusspferdhaus

Jürgen Trittin in Blickkontakt mit dem Flusspferdbullen "Ede

"Sie wollen keine Spaßpartei sein, aber vielleicht ihr Image ein bisschen auflockern", sagt Korte. "Sie wollen das Stigma 'Wenn es Grün ist, dann muss es schlecht schmecken' vermeiden. Sie wollen ein Wohlfühl-Profil entwickeln." Eine optimistische, positive Haltung auszustrahlen, sei für den Erfolg einer Partei grundlegend, sagt Donsbach. "Das Verbreiten von guter Stimmung ist wesentlich, aber das muss von guter politischer Strategie begleitet sein", fügt er hinzu. "Nur mit Spaß, nur mit Klamauk, wird es nicht gehen."

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