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Kultur

Die grüne Ordnung

Schrebergärten werden immer beliebter. Das eingezäunte Stückchen Garten galt einst als Paradies für Spießer. Jetzt bauen sich trendige Großstädter bunte, coole Lauben in den Garten. Das Comeback der grünen Freude.

Gartenzwerge (Foto: DW / Volzana Anders)

Gartenzwerg Ade? Der Schrebergarten ist jetzt wieder schick

Wladimir Kaminer ist der wohl berühmteste Berliner Kleingärtner. Der Erfolgsautor hat vor ein paar Jahren eine Parzelle im Norden Berlins gepachtet. Es ist Parzelle 118 in der Kleingartenkolonie "Berliner Hütten". Bis heute wühlt und ackert er dort. "Hier findet ein Generationswechsel statt", sagt Kaminer, "viele meiner Freunde haben inzwischen auch einen Kleingarten."

Die Schrebergarten-Kultur ist im Umbruch. Die Kleingärten werden 'grüner'. Gartenzwerge und immergrüne Friedhofs-Sträucher sind auf dem Rückzug. Kräuter, Gemüse und bunte Blumen sind auf dem Vormarsch.

Comeback der Schreberkolonie

"Diese deutsche Schrebergarten-Tradition ist voll beladen mit ihrer eigenen Geschichte," sagt Kaminer. Er stammt aus einer russisch-jüdischen Familie – und er schrebert.

Design-Gartenlaube (Foto: Hütten & Paläste)

Die Gartenlaube von heute: "Da gab es schon verdutzte Gesichter"

Ursprünglich als Armengärten im 19. Jahrhundert entwickelt, gibt es heute in Deutschland insgesamt 50.000 Hektar Schrebergärten. Den Namen hat der Schrebergarten vom Leipziger Arzt Moritz Schreber, der die körperliche Arbeit im Garten als gesundheitsfördernd ansah. Rund 150 Jahre nach seinem Tod feiern die Schreberkolonien bei jungen Deutschen ihr Comeback. Kleingartenvereine in Ballungsräumen wie Berlin, Hamburg, München und dem Ruhgebiet verzeichnen lange Wartelisten. Die grünen Oasen werden immer begehrter.

Vorreiter Berlin

Ein Schrebergarten ist letztlich ein kleines, eingezäuntes Stückchen Garten. Das Grundstück gehört der Kommune und die Kleingartenanlagen werden von Vereinen verwaltet. Die Pacht beträgt maximal 160 Euro im Jahr.

Während wir reden, harkt Wladimir Kaminer den Weg vor dem Garten. Über die ersten Erfahrungen in der Kolonie hat er ein Buch geschrieben: "Mein Leben im Schrebergarten. Ein Roman." Während er weiter Unkraut zupft, kommt er ins Philosophieren: "Beim Schrebergarten geht es doch um mehr: Wie finde ich als Großstadtmensch einen Platz in der Natur? Wie füge ich mich ein in die Gemeinschaft?"

Denn im Kleingarten prallen Generationen aufeinander: hier die Rentner, dort die jungen Familien aus den Berliner Szene-Bezirken. Berlin ist das Schrebergarten-El-Dorado schlechthin. Mit rund 70.000 Kleingärten führt die Hauptstadt die Rangliste an, gefolgt von Hamburg mit 36.000 Parzellen.

"Je natürlicher, desto besser"

Thekla Fery in ihrem Schrebergarten in Berlin (Foto: DW / Andreas Main)

Thekla Fery in ihrem Schrebergarten in Berlin

"Wir haben unseren Schrebergarten seit vier Jahren", erzählt Thekla Fery zwischen Stockrosen, Ringelblumen, Kartoffeln und Lauchzwiebeln. Sie gehört zur neuen Generation der Schrebergärtner. "Die meisten Gärten, die zuletzt frei geworden sind, haben Familien mit Kindern übernommen." Thekla Fery ist Landschaftsplanerin. Sie hat viel Zeit und Liebe investiert in ihren Schrebergarten in Berlin. "Je natürlicher und vielfältiger, desto besser", das sei heute das Motto der meisten Kleingärtner.

Welche Gartenlaube passt zu wem?

Frank Schönert hat gemeinsam mit Nanni Grau das Architekturbüro "Hütten & Paläste" gegründet. Er baut extravagante, bunte, coole Gartenlauben, die so gar nicht dem Schrebergarten-Klischee entsprechen. Aber es gibt sie immer noch: "Die klassische Gartenlaube, die wir ganz furchtbar finden, ist dunkelbraun und klein. Sie hat niedrige Decken, viele Mini-Zimmer. Sie ist zugestopft mit drei Sofas, vier Kühlschränken, und sie hat keinen Zugang zum Garten."

Gartenlaube (Hütten & Paläste)

"Unordnung schmerzt die Deutschen" - der Schrebergarten schafft Abhilfe

Frank Schönert ist Jahrgang 1968. Sein junges Architekturbüro in Berlin-Mitte besteht aus einem Raum, in dem vier weitere Kollegen arbeiten, die deutlich jünger sind als er. "Gartenlauben, wie wir sie entwerfen, öffnen sich großzügig zum Garten. Sie sind sehr hell, bestehen meist aus einem großen Raum. Die Decken sind nicht abgehängt, sondern man kann immer bis unters Dach schauen."

MiLa, DuLa und die Chamäleonlaube

Sie heißen "MiLa", die "Minilaube". Oder "CaLa", die "Chamäleonlaube". Dann gibt es noch "UmLa", die "Umlaube", oder "DuLa", die Durchlaube. Frank Schönert und Nanni Grau bauen auch ganz normale Häuser. Doch an den Gartenlauben wollen sie festhalten. Es ist ihr "Lieblings-Hobby, das uns immer gute Laune macht", schmunzelt der Architekt mit dem kahl geschorenen Kopf.

Grüne Ordnung

Wladimir Kaminer hat sich anfangs schwer getan mit deutscher Gründlichkeit, mit Verboten und Verordnungen. Er hat all dies mit Humor genommen. Sich in die Kleingarten-Kultur zu integrieren, das gelingt auch vielen Deutschen nicht. Wladimir Kaminer hat es geschafft.

Nun blickt er mit russischen Augen und mit einem Augenzwinkern auf ein deutsches Phänomen: "Wenn es überhaupt etwas gibt, was Deutsche nicht ausstehen können, dann ist das Unordnung. Die Unordnung macht die Leute hier kaputt." Der Schrebergarten sei ein Ort, wo das Leiden an der Unordnung kompensiert werden könne. "Hier haben die Leute die Möglichkeit, die Utopie der absoluten Ordnung zu erschaffen - auch wenn das manchmal etwas übertrieben wirkt."

Buttermilch mit Zitrone

Minilaube (Hütten & Paläste)

Die "MiLa" oder einfach "Buttermilch mit Zitrone"

Kaminer bringt russische Kultur in den deutschen Schrebergarten und musste sich anfangs bei den so genannten "Begehungen" durch den Vorstand des Kleingartenvereins manch eine Belehrung anhören.

Ähnlich erging es dem jungen Architekturbüro "Hütten & Paläste", das auf Farbe und neue Formen setzt. Als Frank Schönert die ersten bunten Hütten baute, "da gab es noch verdutzte Gesichter". Etwa angesichts der gelb-weiß-gestreiften Laube "MiLa": "Am Anfang waren alle sehr schockiert – außer die Frau, die uns den Auftrag gegeben hat und sehr glücklich war." Dann haben die Nachbarn der Laube den Spitznamen "Buttermilch mit Zitrone" gegeben. "Die Leute müssen sich erst mal dran gewöhnen, dass ein Häuschen im Garten auch sehr bunt sein kann."

Autor: Andreas Main
Redaktion: Elena Singer

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