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Europa

Die größte Armeereform seit 100 Jahren

64 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges feiert Russland mit einer gewaltigen Militärparade den Sieg über Hitler. Doch die Truppen sind verunsichert: Schlanker sollen sie künftig werden, schneller und effektiver.

Militärparade in Moskau (Foto: AP)

Mit der größten Militärparade seit dem Ende der Sowjetunion erinnerte der Kreml an den Sieg über Nazi-Deutschland

August 2008. Im Südossetien-Krieg schlagen russische Einheiten die georgische Armee in wenigen Tagen. Das erste Mal seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kämpfen Moskaus Truppen wieder außerhalb ihrer Landesgrenzen. Das erstarkte Russland hat der Welt seine neue Macht demonstriert - so der erste Eindruck.

Auch zum Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland demonstrierte Russland am Samstag (09.05.2009) Stärke: Mit der größten Militärparade seit dem Ende der Sowjetunion erinnerte der Kreml an das Ende des Zweiten Weltkriegs: Rund 9.000 Soldaten marschierten über den Roten Platz in Moskau. "Der Sieg über den Faschismus ist ein großes Beispiel und eine große Lektion für alle Völker", sagte der russische Präsident und Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Dmitri Medwedew, und fügte hinzu: Die Lehren des Krieges seien "aktuell für diejenigen, die sich heute auf militärische Abenteuer einlassen", die russischen Streitkräfte könnten auf jeden Angriff "angemessen antworten".

Panzer bei der Militärparade am 09.05.2009 auf dem Roten Platz, Foto: AP

Am Jahrestag will Moskau Macht und Stärke demonstrieren, doch die Realität sieht anders aus



Eine gute Fassade – mehr nicht

Doch der Eindruck täuscht, der jüngste Krieg gegen Georgien habe die Schwächen der russischen Armee offen gelegt, sagt General-Leutnant Alexej Fomin. "Als unsere 58. Armee auszog, ist die Waffentechnik auf dem Weg kaputt gegangen und es gab nichts, um sie zu reparieren. Die Gefechtsbereitschaft ist furchtbar. Es gab keine vernünftige Aufklärung." Der General-Leutnant im Ruhestand ist Vorsitzender des Internationalen Verbands sowjetischer Offiziere. Sein Verband sieht in der nun angestoßenen Reform die Vernichtung der russischen Armee.

Russische Soldaten in der georgischen Stadt Gori während des Kaukasus-Konflikts 2008 (Foto: AP)

Der Georgienfeldzug deckte Russlands militärische Schwächen auf

Der russische Generalstab dagegen will in der Reform die Lehren aus dem Georgien-Krieg umsetzen. Generalstabschef Nikolai Makarow erklärte nach dem Feldzug selbstkritisch, die russische Armee sei für regionale Konflikte zu schwerfällig und die Befehlsketten seien zu lang.

Die Armee ändert ihr Gesicht

Dabei habe der Kreml in den vergangenen Jahren viel Geld in neue Waffen investiert, allerdings ohne, dass das den Zustand der Armee spürbar verbessert hätte, sagt der Militärexperte Alexander Golz. "Nach dem Georgienkrieg war klar: Selbst wenn man viel Geld in die Armee in ihrer jetzigen Struktur steckt, verschwindet es einfach wie in einem schwarzen Loch. Grundlegende Veränderungen sind unabdingbar."

Grundlegend sind die Veränderungen, die mit der Reform umgesetzt werden sollen, in der Tat: Mehr als 200.000 Offiziere will die russische Führung in den kommenden Jahren entlassen. Insgesamt soll die Zahl der Streitkräfte bis 2012 auf gut eine Million halbiert werden. Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow will vor allem die so genannten Kaderdivisionen auflösen. Diese Divisionen bestehen in Friedenszeiten fast ausschließlich aus Offizieren und müssen im Krieg mit Reservisten aufgefüllt werden.

Junge russische Männer werden beim ersten Antreten in einer Rekruten-Sammelstelle in der Nähe von Moskau von einem Armee-Vertreter in Empfang genommen (Archivfoto 2004: dpa)

Russische Männer beim ersten Antreten in einer Rekruten-Sammelstelle

"Die russische Armee ändert ihr Wesen. Statt sich auf einen großen Krieg mit Millionen Soldaten vorzubereiten, wird sie – abgesehen von den Atomwaffen – nur noch in der Lage sein, in regionalen und lokalen Konflikten einzugreifen und nicht mehr", erklärt Golz. Das sei außenpolitisch wichtig, denn damit verlören alle Reden von der Überlegenheit der NATO-Streitkräfte ihren Sinn.

Angst vor der Reform

De facto bedeutet das aber auch, dass Moskau bei der Landesverteidigung verstärkt auf Atomwaffen setzt, die NATO aber nicht mehr als Hauptbedrohung einstuft. Militärisch sei die Ära des Kalten Krieges damit vorbei, so Alexander Golz.

Doch innerhalb der Armee rumort es: Auch wenn die Führung die Armee sozialverträglich verkleinern will, fürchten viele um ihren Job. Der Generalstab hat den Offizieren einen Maulkorb verpasst. Öffentlich äußern sich vor allem ehemalige Generäle wie Fomin: "Die Offiziere sind schockiert. Viele wissen nicht, was sie machen sollen. Sie nehmen jede Arbeit an, weil sie ihre Familien ernähren müssen. Zwar werden ihnen Wohnungen versprochen, aber sie gehen davon aus, dass diese Versprechen nie eingelöst werden", sagt der Ex-Militär.

Seit mehr als zehn Jahren warten viele Offiziersfamilien schon auf eine eigene Wohnung, die ihnen zusteht. Dabei ist diese gerade in Krisenzeiten für viele die einzige soziale Absicherung. Auch deshalb haben viele Offiziere Angst vor der Reform.

Autor: Erik Albrecht
Redaktion: Julia Kuckelkorn (ina)

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