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Afrika

Die Gotteskrieger vom Horn von Afrika

In Somalia herrscht Chaos: Der Bürgerkrieg hat das Land zerrissen und der Kampf gegen den Hunger ist schwierig. Al-Shabaab-Milizen verhindern Hilfe von außen und terrorisieren die Menschen. Was steckt dahinter?

Kämpfer von Al Schabab bei Mogadischu (Foto: AP)

Kämpfer von Al-Shabaab bei Mogadischu

Somalia ist seit 20 Jahren ein Land, in dem bedingt durch Bürgerkrieg und Hungersnöte das Chaos regiert. Das haben sich die Islamisten über Jahre hinweg zu Nutze machen können, wie Georges-Marc André, EU-Beauftragter für das Land am Horn von Afrika, erläutert. "Nach dem Verschwinden des Siad-Barre-Regimes (1991) gab es ein Vakuum, in das fundamentalistische Islamisten gestoßen sind. Sie haben an Stelle der staatlichen Erziehungseinrichtungen Koranschulen errichtet und dort den wahabistischen Islam gepredigt", sagt André.

So entstand in einem Land, das eigentlich eine milde Form des Islam gewöhnt ist, eine neue Generation junger Fundamentalisten: die Al-Shabaab, was in der arabischen Sprache soviel wie "die Jugend" bedeutet.

Die radikal-islamische Jugend

Ein Opfer des Terroranschlags wird im ugandischen Kampala behandelt (Foto: dpa)

Opfer eines Terroranschlags in Uganda

Al-Shabaab strebt die Bildung eines islamischen Staates nach den Prinzipien der Scharia an. Die radikale Gruppe ging aus der Elite-Miliz der "Union of Islamic Courts" hervor, einem Zusammenschluss von Scharia-Gerichten, der seit 2006 Mogadischu und große Teile Süd- und Zentralsomalias kontrollierte. Mit der Zeit gewannen arabische Al-Kaida-Kräfte starken Einfluss in der Bewegung, und Al-Shabaab erweiterte ihre Agenda um die Ziele der Dschihadisten. "Die terroristische Dimension in Somalia geht auf Al Kaida zurück", sagt Georges-Marc André.

Für das Terror-Netzwerk ist Somalia eine Basis, um den Mittleren und Nahen Osten zu destabilisieren. Al Kaida hat die Shabaab groß gemacht, was aber nur funktionieren konnte als Reaktion auf die Präsenz einer ausländischen Besatzungsmacht. Das war das Nachbarland Äthiopien, das Ende 2006 Truppen nach Somalia entsandte, die gut zwei Jahre später wieder abziehen mussten. "Aus Sicht Al Kaidas ist Äthiopien ein Anachronismus", so André, "weil es ein christlicher Staat in einem muslimischen Umfeld ist." Ähnlich wie Kenia oder Uganda.

Terror auch jenseits der Grenzen

Den bisher spektakulärsten Terroranschlag verübte die Schabab mutmaßlich 2010 während der Fußballweltmeisterschaft genau dort - im benachbarten Uganda. Bei der Übertragung des WM-Finales explodierte in einer Gaststätte in der Hauptstadt Kampala ein Sprengsatz und riss 74 Menschen in den Tod.

Damit wurde deutlich, dass Al-Shabaab zunehmend eine Agenda verfolgt, die über Somalia hinausgeht. So werden etwa in der somalischen Diaspora in den großen US-Städten gezielt Kämpfer für den Untergrund angeworben. Für den Frankfurter Politologen und Somalia-Kenner Matthias Weber ist klar, dass "Al Kaida Somalia als Rückzugsgebiet für Kämpfer nutzt, ähnlich wie früher Afghanistan. Es gibt Beweise dafür, dass viele ausländische Kämpfer aus Pakistan, Afghanistan und aus Jemen, aber auch Oromos aus Äthiopien in Somalia unterwegs sind und kämpfen." Wie präsent das Netzwerk in Somalia heute ist, beweist auch die Tatsache, dass ihr Ostafrika-Chef, Fazul Mohammed, im Juni an einer Straßensperre in Mogadischu getötet wurde.

Fazul Abdullah Mohammed (Foto: dpa)

Getötet: Strippenzieher Fazul Abdullah Mohammed

Die jetzt angelaufene internationale Hilfsaktion für die notleidende Bevölkerung ist für Al-Shabaab-Milizen eine Herausforderung und Chance zugleich. Sie können in den von ihnen kontrollierten Gebieten, zu denen auch die von den Vereinten Nationen (UN) als Katastrophengebiete deklarierten Provinzen Bakool und Lower Shabelle gehören, Zölle und andere Zugeständnisse als Gegenleistung für einen ungehinderten Zugang erpressen.

Millionenerlöse durch Zwangsgelder

Damit würde Al-Shabaab ihren von den UN auf jährlich mindestens 100 Milionen Dollar geschätzten Finanzerlös aus Zwangssteuern, Schmuggel und Auslandsspenden noch wesentlich erhöhen. Nach Ansicht des Somalia-Experten Weber besteht die Gefahr, dass die Organisation damit auch Waffen bezahlt, die sie gegen die TGF-Soldaten der vom Westen und der Afrikanischen Union unterstützten Übergangsregierung einsetzt. "Es ist in der Provinz Bakool in diesem Jahr schon vorgekommen, dass Hilfslieferungen an Al-Shabaab übergeben und anschließend auf dem örtlichen Markt zu Geld gemacht wurden", erklärt Weber.

Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung kamen zuletzt nur etwa 30 Prozent der Hilfslieferungen in den von den Islamisten kontrollierten Gebieten auch tatsächlich bei den Bedürftigen an. Wenn die Hilfsorganisationen überhaupt Zugang erhalten. Bis vor kurzem war den meisten von ihnen die Arbeit in den zentral- und südsomalischen Provinzen generell untersagt. Westliche Hilfswerke würden in den Hungergebieten am Horn von Afrika "politische Ziele" verfolgen, hieß es regelmäßig zur Begründung von Seiten Al-Shabaabs.

"Sie haben Angst, dass christliche Missionare ins Land kommen und sehen, was innerhalb Somalias vor sich geht. Denn dort wird die Bevölkerung massiv unterdrückt. Frauen werden zur Vollverschleierung gezwungen und Männer müssen Bärte tragen", berichtet der Somalia-Experte Weber. Nach Angaben von Amnesty International rekrutieren die Islamisten auch Kindersoldaten für ihre Milizen. Die UN schätzen, dass gegenwärtig rund 80 Prozent der etwa 500.000 unterernährten Kinder in Somalia in den von Al-Shabaab kontrollierten Gebieten leben.

Autor: Daniel Scheschkewitz
Redaktion: Sandra Petersmann

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