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Wirtschaft

"Die Globalisierung sorgt für bessere moralische Standards"

Regieren heute nur noch Unmoral und Abzocke in internationalen Unternehmen? Schlechte Beispiele gibt es zuhauf: Telekom, Siemens, VW, Parmalat, Enron, Worldcom. Was sagt Hans-Olaf Henkel dazu?

Hans-Olaf Henkel (Jahrgang 1940) war Chef von IBM in Deutschland und Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Henkel ist heute Honorar-Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Mannheim, sitzt im Aufsichtsrat unter anderem von Bayer und Conti, ist Leiter des Beirats der Bank of America und schreibt Bücher (Die Ethik des Erfolgs. Spielregeln für die globalisierte Gesellschaft). (AP Photo/Fritz Reiss)

Henkel: "Mit Sicherheit ist das Gefühl berechtigt, dass heute mehr passiert"

DW-WORLD.DE: Wird im neuen Jahrtausend und in der globalisierten Wirtschaftswelt mit harten Bandagen gekämpft, wie man es nie zuvor gesehen hat?

Hans-Olaf Henkel: Das kann ich so nicht erkennen. Die Globalisierung kann man nicht dafür verantwortlich machen. Eher im Gegenteil sorgt diese dafür, dass einheitliche Standards in der Welt durchgesetzt werden. Mit Sicherheit ist das Gefühl berechtigt, dass heute mehr passiert. Aber mein Eindruck ist, dass das vor allem daran liegt, dass erstens die Ansprüche größer geworden sind - d.h. die Ansprüche an die Moral sind gestiegen. Und zweitens kommt mehr heraus. Und das führt zu diesem subjektiven Eindruck, es sei alles viel schlimmer als früher.

Wo liegen die Unterschiede zu früheren Zeiten?

Früher war die Bestechung von ausländischen Firmen nicht nur gar nicht verboten, sondern man konnte das sogar von der Steuer absetzen. Erst seit dem Jahr 1999 ist das verboten. Und zwar auf OECD-weiter Basis. Hier können Sie eigentlich gut erkennen, was ich meine: Man hat einen neuen Standard geschaffen, den es vor der Globalisierung gar nicht gab.

Der zweite Punkt ist: Es kommt mehr heraus. Die Presse ist heute viel aggressiver und das ist richtig so. Auch die Mitarbeiter haben heute ein größeres Selbstvertrauen und bringen Fehlverhalten des Top-Managements öfter an die Öffentlichkeit als früher.

Sie sind seit vielen Jahrzehnten aktiv im internationalen Wirtschaftsleben. Welche Beispiele aus den 70ern und 80ern lassen sich vergleichen mit den Skandalen, die wir bei VW, Siemens und der Telekom gesehen haben?

Das fällt mir im Augenblick schwer. Sicher können Menschen, die da etwas recherchieren, ähnliche Beispiele finden. Aber das würde auch nicht viel sagen. Meine These ist die, dass solche Sachen früher gar nicht herausgekommen sind. Nehmen Sie den Insider-Handel mit Aktien: das war in Deutschland bis vor nicht allzu langer Zeit nicht einmal verboten - und nach meiner Einschätzung vor dem Verbot durchaus üblich. Und erst nach dem Verbot gab es dann Insider-Fälle, die bekannt wurden. Übrigens: Der erste prominente Fall, war der des damaligen IG-Metallvorsitzenden Steinkühler, der Insider-Wissen der Firma Daimler-Benz benutzt hatte, um sich selbst zu bereichern und deshalb seinen Hut nehmen musste. Und dieser Fall Steinkühler - interessanterweise ein Gewerkschaftsboss - führte dann unmittelbar zu einer deutschen Gesetzesänderung.

Also auch hier sehen Sie, dass eine Praxis, die früher gang und gäbe war, zweifelhaft wurde. Und deshalb kann man schlecht behaupten, dass nun das sicherlich eingegrenzte Volumen von Insider-Handel - was übrigens früher auch schon moralisch anrüchig war - dazu als Beweis herhalten muss, dass heute alles schlimmer geworden ist. Nein! Die Ansprüche sind höher geworden und es kommt mehr heraus - ich bleibe dabei.

Führt die Globalisierung zu einem höheren Druck auf Manager, in immer kürzerer Zeit exzellente Unternehmensergebnisse vorzulegen und deshalb auch schon mal über die Grenzen des Erlaubten hinauszugehen?

Das streite ich ab. Die Globalisierung führt vielmehr dazu, weltweite Standards einzuführen. Die Globalisierung bringt natürlich neue Konkurrenten in Stellung gegenüber Unternehmen, die vielleicht früher ein einfacheres Spiel hatten. Aber auf der anderen Seite bringt sie ja auch neue Märkte. Mein Eindruck ist ganz anders: In der Globalisierung setzen sich auch gerade Werte und Wertvorstellungen durch. Denn sie ist ja mehr als nur der Transport von Waren oder Geldströmen oder Investitionen. Sondern in der Globalisierung gehen auch Ideen, Werte und Vorstellungen von Werten um die Welt. Und diese Globalisierung nun dafür verantwortlich zu machen, halte ich für absurd.

Wollen wir denn auf nationale Märkte zurück? Wollen wir Mauern hochziehen? Wollen wir uns alle vor den ausländischen Konkurrenten abschotten? Das führt nach meiner Meinung nicht nur zu einem wirtschaftlichen Rückschritt, sondern auch zu einem moralischen Rückschritt. Sicherlich gibt es diese Fälle wie Enron, aber sie führen zu einer weltweiten Diskussion um das, was richtig oder falsch ist und führen zu neuen, meist höheren Standards - moralischen, aber auch gesetzlichen Standards.

Also muss man genau das Gegenteil sagen: Die Globalisierung sorgt dafür, dass letzten Endes diese besseren Standards überall durchgesetzt werden.

Was kann gegen die schwarzen Schafe unternommen werden, die zumindest für den gefühlten moralischen Verfall in Unternehmen verantwortlich zeichnen?

Ich habe in meiner Zeit beim BDI einen Antikorruptionsleitfaden mitentwickelt, der kostenlos an die Mitglieder verteilt wurde. Dieser Leitfaden hat sicherlich dazu beigetragen, dass in der deutschen Industrie relativ wenig passiert ist. Es hat immer noch Auswüchse gegeben. Besonders bedauerlich finde ich das, was bei Volkswagen passiert ist. Zumal der verantwortliche Unternehmens-Chef zehn Jahre an der Spitze des Unternehmens war, das alles angeblich nicht mitbekommen haben wollte - und der heute der Aufsichtsratsvorsitzende ist (Ferdinand K. Piëch, Anm. d. Red.). Das ist so ein eklatantes Beispiel für das Versagen von Corporate Governance. Aber es sind die Ausnahmen.

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