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Globale Zusammenarbeit

Die Globalisierung raubt unsere Zeit

Dank immer effizienterer Technologien sparen wir immer mehr Zeit. Trotzdem wird unser Leben immer gehetzter. Nach den Ursachen von Zeitnot und nach Entschleunigungs-Chancen fragt der Dokumentarfilm "Speed".

Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm Speed - auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Florian Opitz (Copyright: DJVDREAMERJOINTVENTURE)

Finanzplatz London: Zeit ist Geld.

Gnadenlos kommt die Beschleunigung unserer hoch getakteten Welt daher. Spätestens seit 20 Jahren lautet die frohe Botschaft: Immer mehr in immer weniger Zeit - nicht nur in der Arbeitswelt, sondern in allen Winkeln des Lebens. "Meine Erfahrung mit der Zeit beschränkt sich nur noch auf das eine Gefühl: sie fehlt", klagt Filmemacher Florian Opitz zu Beginn seines Dokumentarfilms "Speed". Nie zuvor haben wir so effizient gearbeitet und mit immer raffinierteren Technologien vermeintlich Zeit gespart. Und doch nimmt der Zeitdruck stetig zu. Dieses Paradox ist der Ausgang einer 90-minütigen "Suche nach der verlorenen Zeit", die von einer Küche in Berlin einmal um den Globus führt.

Seine Recherche beginnt der Filmemacher bei sich selbst. Schließlich lautet auch ein mächtiger Imperativ der letzten Jahre: selber schuld, wer keine Zeit hat. Alles nur eine Frage des richtigen Zeitmanagements. Also führt uns der Film mitten in eines der hochpreisigen Seminare des deutschen Zeitmanagement-Papsts Lothar Seiwert. Doch dessen Kernaussagen - "mehr Zeit für das Wesentliche" oder "in der Ruhe liegt die Kraft" - wollen beim Filmemacher nicht recht verfangen. Eher nähern sie den Verdacht, dass das Zeitproblem eben kein rein individuelles ist, dem mit Ratgeberliteratur oder Therapie beizukommen wäre.

Geschäfte in Milli-Sekunden - Das Milliardenspiel der Finanzmärkte findet nicht mehr auf dem Börsenparkett, sondern auf Servern statt. - Szene aus dem Film Speed - Auf der Suche nach der Verlorenen Zeit, von Florian Opitz (Copyright: DJVDREAMERJOINTVENTURE)

Geschäfte in Milli-Sekunden: - Das Milliardenspiel der Finanzmärkte findet nicht mehr auf dem Börsenparkett, sondern auf Servern statt.

Unterwegs mit den Beschleunigern

Im nächsten Schritt verspricht sich Opitz Antworten von den Agenten der Beschleunigung. Buchstäblich zwischen Tür und Angel gibt eine etwas gespenstische Unternehmensberaterin Einblicke in ihr extrem beschleunigtes Beraterleben. Sie bringt Unternehmen das Konzept des "Zeitwettbewerbs" nahe. Zeit gelte es als alles entscheidenden Ordnungsrahmen anzuerkennen, das sei das Wichtigste.

Das glaubt mit Sicherheit auch Scott Kennedy. "Unsere Kunden erwarten von uns Leistungen in Mikrosekunden", erzählt der Manager im Newsroom der Londoner Zentrale der Nachrichtenagentur Reuters. Mit Kunden meint Kennedy nicht Presse, Funk und Fernsehen. Die werden von der größten Nachrichtenagentur der Welt zwar auch weiterhin beliefert. Doch zu 95 Prozent macht Reuters inzwischen seine Umsätze mit Dienstleistungen für die Finanzindustrie. In diesem Geschäft ist Zeit einmal mehr Geld. Und es geht um sehr viel Geld. Reuters' Computerlogarithmen reagieren auf Preisschwankungen im Takt einer Millionstel Sekunde. Software mit künstlicher Intelligenz interpretiert die Nachrichten, um innerhalb einer Mikrosekunde mit Aktienkäufen oder -Verkäufen zu reagieren.

Zwischen Bruttonationalglück und Ökophilantropie

Nach diesem Abstecher in der Welt der Hochbeschleuniger reist Opitz auf der Suche nach Auswegen aus diesem "Hamsterrad" einmal rund um den Globus. In der Schweiz trifft er eine ehemalige "Heuschrecke": einen Ex-Investmentbanker, der seinen Job an den Nagel gehängt hat, um Hüttenwirt zu werden. Oder eine Bilderbuch-Bergbauernfamilie, die viel Arbeit und wenig Zeit hat, und dennoch glücklich ist. Schließlich besucht Opitz Kharma Tshiteen, im Himalaya-Staat Bhutan Minister für das dort vor einigen Jahren eingeführte "Bruttonationalglück".

Douglas Tompkins, Aussteiger und Gründer von THE NORTH FACE und ESPRIT. (Copyright: DJVDREAMERJOINTVENTURE)

Hat einen Nationalpark in Chile gegründet - Esprit-Gründer und Ausstieger Douglas Tompkins

"Keinen der Lösungsansätze der Protagonisten, die ich da getroffen habe, würde ich mir hundertprozentig zu eigen machen", sagt Opitz im Interview. Es seien Denkanstöße. Doch einer hat ihn besonders beeindruckt. Der US-Philantrop Douglas Tompkins. Ihn besucht Opitz in Patagonien, im südlichen Argentinien und Chile. Dort hat der Gründer der Modelabels North Face und Esprit nach dem Verkauf seiner Firmen riesige Flächen Land gekauft. "Weil er irgendwann gemerkt hat, dass er nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems ist", sagt Opitz. Der Chef eines multinationalen Konzerns steigt urplötzlich aus, um in Südamerika Nationalparks zu stiften und mit Formen nachhaltiger Subsistenzwirtschaft zu experimentieren, das habe ihn beeindruckt.

Alternativen zum Wachstumswahn

Dass Douglas Tompkins dabei ein neunstelliges Dollar-Vermögen geholfen hat und dass das kein Weg für Jedermann ist - das ist dem Filmemacher klar. Er stellt gegen Ende seines Films einen ganz anderen möglichen Weg aus dem rasenden Stillstand vor: das bedingungslose Grundeinkommen. "Es gibt eine ganze Reihe von Wissenschaftlern von neoliberal, von konservativ bis ganz Linksaußen, die das befürworten", sagt Opitz und erinnert daran, dass die Finanzierbarkeit des Konzepts bereits von mehreren Wirtschaftsinstituten bestätigt worden sei. "Das bedingungslose Grundeinkommen setzt an einigen wirklichen Hebelstellen dieses beschleunigten Kapitalismus an und würde ihn, glaube ich, ein stückweit zähmen", sagt Opitz und schiebt gleich hinterher, dass auch das keine ultimative Universallösung sei. "Wenn ich die hätte, würde ich nicht mehr hier sitzen."

Florian Opitz, Regisseur und Autor (Copyright: DJVDREAMERJOINTVENTURE)

Will Denkanstöße geben - Regisseur und Autor Florian Opitz

Es wird nicht zu viel verraten, wenn man sagt, dass am Ende dieser dramaturgisch geschickt erzählten Suche nicht unbedingt die verlorene Zeit wieder gefunden wird. Kommt "Speed" auf den ersten Blick als Zeitmanagement-Ratgeber daher, offenbart der Film am Ende, wie hoch politisch die Fragen von Zeitdruck und Beschleunigung sind. Wenn er mit seinem Film erreiche, sagt Opitz, "dass wir wieder kollektiv nachdenken über Alternativen zum beschleunigten Kapitalismus, zu diesem System, von dem man sieht, dass es an allen Ecken und Enden quietscht, dann habe ich als Filmemacher viel erreicht, finde ich."

Der Dokumentarfilm "Speed" ist seit 27. September in den deutschen Kinos.

Zum Film ist ein Buch erschienen:
Florian Opitz: Speed. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Riemann Verlag, München 2011
286 Seiten, 17,95 Euro

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